Aufs Maximum reduziert
Der neutrale Raum des keimfreien Schwimmbeckens verleiht der Liebesgeschichte zunächst einen universellen Charakter. Zu etwas Einzigartigem wird sie dagegen durch Vivès´ Zeichnungen gemacht. Sein – zumindest bei diesem Comic – reduzierter Stil, der die Protagonisten mit großer Ausdrucksstärke harmonisch in das flächige, grünlich-bläuliche Setting des Hallenbads integriert, ist so einfach wie beeindruckend. Denn obwohl recht wenig gesprochen wird, kann man beim Betrachten nur einiger weniger dieser Bilder ellenlange Gedankengänge aus den Gesichtern ablesen. Der Geschmack von Chlor transportiert die Mehrheit der Informationen über stumme Passagen – jeder verstohlene Blick, jede zurückhaltende Geste ist mit viel Bedeutung aufgeladen. Die Worte, die unausgesprochen bleiben, wiegen hier am schwersten.
Die Lektüre von Der Geschmack von Chlor ist fast schon ein meditativer Moment. Doch bei aller Ruhe schafft es der Comic, dem Leser die dumpfe Stille unter Wasser und die monotone Geräuschkulisse von aufspritzendem Wasser und sich am Beckenrand brechenden Wellen nicht nur vorzuführen, sondern tatsächlich ins Gehör zu rufen. Dabei verzichtet er komplett auf den Einsatz von Lautmalerei, die innerhalb der auf das Wesentliche reduzierten Bilder ohnehin nur störend wirken würden. So vermag der Comic unmittelbar und nachhaltig zu berühren.
Vivés hat mit Der Geschmack von Chlor eine wundervolle, herrlich subtile Graphic Novel geschaffen, die es vermag, alle Sinne des Lesers anzusprechen. Auf dem Comic-Festival in Angoulême hat man den jungen Franzosen letztes Jahr mit dem Preis für Nachwuchskünstler ausgezeichnet, weswegen sein Name inzwischen in einem Atemzug mit Larcenet oder Bilal genannt wird. Und das, angesichts dieser Leistung, vollkommen zurecht.

