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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:25

Harder: Alpha Directions

04.11.2010

Ceci n´est pas une bande dessinée

Warum Jens Harders Alpha Directions kein Comic ist und dennoch ganz zu Recht beim diesjährigen Salon in Erlangen den Max-und-Moritz-Preis für die "Beste Deutschsprachige Comicpublikation" gewonnen hat. Von DANIEL WÜLLNER.

 

Um Fragen der Abblidung von Wirklichkeit zu erläutern, verwendet Scott McCloud in Comics richtig lesen René Margrittes bekanntes Gemälde La trahison des images (Der Verat der Bilder). Zu sehen ist dort eine Pfeife, die durch folgende Inschrift komplettiert wird: "Ceci n´est pas une pipe" ("Dies ist keine Pfeife"). McCloud erklärt, dass es sich in seinem Buch weder um eine Pfeife noch um das Gemälde selbst handelt, sondern um eine (zehnfach) gedruckte Reproduktion dieses Gemäldes. Betrachtet man im gleichen Atemzug Jens Harders Alpha Directions, so erweckt der mammuthafte Foliant den Eindruck ein Comic zu sein, doch bei genauerem Hinschauen wird deutlich: Dies ist kein Comic.

 

Die Entstehung von allem

Auf 350 Seiten erzählt Harder - Absolvent der Kunsthochschule Berlin Weißensee und Mitbegründer der Künstlergemeinschaft Monogatari - vom Urknall vor über 4.600 Millionen Jahren, vom Beginn des Universums, vom Kryptozoikum, der ersten Phase unserer Welt, von der Herausbildung der Einzeller bis hin zu den ersten Fischen, Säugetieren und Vögeln. Erst im Känozokium, „kurz“ vor dem Auftreten unserer Vorfahren, endet Harders bebilderte Reise durch die Vorzeit.

 

Die bildliche Darstellung findet in einer räumlichen Sequenz von angeordneten Zeichen statt; die Informationen erzeugen beim Betrachter eine ästhetische Wirkung. Damit scheint Alpha Directions alle Kritierien zu erfüllen, die McCloud für einen Comic voraussetzt. Sieht man sich seine Beispiele aber einmal in Ruhe an, so wird man feststellen, dass sie ausschließlich narrativer Natur sind; Geschichten sind die bindenden Glieder in McClouds Bilderfolgen. Erzählt Alpha Directions auch eine Geschichte?

 

Der Held ist die Welt

Harders "Erzählwerkzeug" besteht aus einer betont zurückhaltenden Erzählerstimme und dem gekonnten Einsatz von ergänzenden Bildern. Erstere schaltet sich immer wieder erläuternd ein. In manchen Situationen verbindet sie die weißen Flächen zwischen den Panels, wenn der erforderliche Sinnsprung zu groß ist, teils reißt sie aber auch selbst die Lücken in zusammenhängende Sequenzen. Durch eingefügte Einzelbilder unterbricht er den Sinnzusammenhang der Sequenz: Eine Zeichnung vom Atomium in Brüssel fügt sich zwischen zwei Abbildungen der ersten Kettenreaktionen von Molekülen ein. In späteren Sequenzen finden sich eingeschobene Bilder von Comic-Figuren, Anspielungen auf Populär- und Hochkultur, die die Panelzwischenräume mit gänzlich ambivalenten Konnotationen versorgen.

 

Auch wenn sich Harder auf bestimmte Erzählkonventionen wie den Einsatz von Bildzitaten und eine Erzählerstimme stützt, macht das Alpha Directions nicht per se zu einer Erzählung. Es fehlen Konventionen, die dem Leser helfen einzusteigen, bekannte Muster, wie z.B. das Auftreten eines Helden oder eines Antihelden oder überhaupt einer Figur, mit der sich der Leser identifizieren kann. Ein solcher Fixpunkt fehlt der Geschichte vollends. Auch ein Spannungsbogen ist nicht existent, da die Entstehung der Welt, des Universums und des ganzen Rests keiner Klimax bedarf. Doch eine deutsche Leserschaft ist gerade in Bezug auf einen Comic an eben solche Konventionen gebunden. Autoren und Zeichner, die sich nicht an diese Prämisse halten, werden es schwer haben, auf dem heimischen Comicmarkt zu bestehen.

 

Ein kultureller Re-Import

Einen Ausweg bietet da das Ausland. Bereits zum zweiten Mal - 2004 erschien Leviathan zunächst bei Éditions de l'An 2 - hat Harder nun diese Odyssee, den Umweg über den französischen Comic-Markt, angetreten. Dort gewann Alpha Directions Anfang des Jahres einen Preis, der wie für diese Publikation gemacht zu sein scheint, den „Prix de l'audace“, den "Preis für den kühnsten Beitrag". In Ermangelung eines ähnlichen Prädikats wurde der Autor in Erlangen kurzerhand mit dem Max-und-Moritz-Preis 2010 in der Kategorie „Beste deutschsprachige Comicpublikation“ belohnt.

 

Gänzlich unbeirrt gab sich Harder im Gespräch bei der Preisverleihung. Natürlich werde er an dem ursprünglichen Plan für die Folgebände festhalten. Nach der Entstehung der Erde will er zunächst in Beta die Menschheit und anschließend in Gamma ihre Zukunft illustrieren. Wie lange das dauern wird und ob es richtige Comics sein werden, die Geschichten erzählen, interessiert Harder eher weniger. Die Ausstellung, die ihm beim Comic-Salon gewidmet war, zeigte Werke eines Mannes, der sich seine eigene Aufgabe gesucht hat.


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