Zerfließende Bilder
Theoretisch hätte Fior auch ausschließlich aus Elses Bewusstsein heraus erzählen können. Dann hätte diese aber auf keinem der Bilder erscheinen dürfen – außer vielleicht im Spiegel. Auf eine solche Nachbildung verzichtet er aber – und kommt zu einer viel interessanteren Lösung. Else ist in den Panels omnipräsent, es gibt sicher mehr mit ihr als ohne sie. Anders als bei Schnitzler sehen wir sie also von außen, scheinbar objektiv. Aber trotz der vielen Bilder gelingt es nicht, sich ein Bild von ihr zu machen.
Dies liegt an Fiors Zeichnungen. Sie sind von dunklen, wäßrigen Farben geprägt, die nur von wenigen dünnen Umrisslinien konturiert werden, über die sie oft hinausfließen. Else Gesicht zerfließt dabei zwar nicht auf den Bildern, aber gewissermaßen zwischen ihnen. Denn es scheint auf jedem Bild ein anderes zu sein, je nach innerer Stimmung, Licht und Perspektive. Dies geht so weit, dass man kaum sagen kann, ob sie nun eigentlich hübsch ist. Besonders wenn sie alleine ist wirkt sie sehr attraktiv, in Gesellschaft, vor allem in der entscheidenden Szene, ist jegliche Anmut aus ihren Gesichtszügen gewichen.
Fiors Stil erinnert entfernt an Schiele, auch die teilweise geschwungenen Panelbegrenzungen erzeugen eine gewisse Jugendstil-Anmutung. Das ist aber nicht nur eine graphische Annäherung an die Handlungs- und Entstehungszeit der Novelle, sondern die Übertragung der impressionistischen Unschärfe von Schnitzlers innerem Monolog in die Zeichnung. Nach seinem ebenfalls sehr gelungenen Debüt Menschen am Sonntag, das thematisch und zeichnerisch völlig anders ist, hat sich Fior als vielseitiger und wandlungsfähiger Künstler gezeigt.

