Spring No.7 - Happy Ending
23.12.2010
760 Gramm Happy Ending
Die Künstlerinnengruppe Spring hat sich in ihrem jüngsten Sammelband mit dem Titel Happy Ending des heiligsten Kalbs von Hollywood angenommen und ein delikates Buffet daraus gezaubert. PETER KLEMENT hat sich mit kunsthistorischer Unterstützung über die Leckereien hergemacht.
Ungefähr 760 Gramm wiegt eine Ausgabe von Spring No.7. Mit den unverzichtbaren gelben Haftnotizen, die gebraucht werden, um der künstlerischen Vielfalt Herr zu werden, die einen auf den 252 Seiten erwartet, sind es sogar 764 Gramm. Die Bandbreite erstreckt sich vom Häppchen, über den altehrwürdigen Mettigel hin zu eher exotischen Kreationen, denen ohne kunsthistorische Hummerzange nicht beizukommen ist. Auf künstlerischer Ebene muss man zwar gelegentlich zum Operationsbesteck greifen, als Ausgleich besitzt der Band englische Untertitel und kann daher auch dem internationalen Freundeskreis empfohlen werden.
Den Sampler bitte ...
Jede der fünfzehn Künstlerinnen hat einen eigenen Stil und eine eigene – gelegentlich eigenwillige – Sicht auf das Thema Happy Ending, das den Rahmen des Sammelbandes bildet. Auf Art Déco und Kubismus wird zurückgegriffen, aber auch auf papiers découpées oder Radierungen. Die Künstlerinnen präsentieren mehrseitige Geschichten, kurze Szenen und Einzelbilder.
Happy Ending lädt nicht zum Lesen, sondern zum Blättern und Betrachten ein. Es ist ein Sampler, daher sind die Unterschiede in Arbeitsweisen und Perspektiven erheblich. Freunde der Kohärenz kann das enttäuschen, denn das einzige, was sich durch den Band zieht, ist das Thema Happy Ending – es hat sich sogar ein Unhappy Ending eingeschlichen.
Was der Bauer nicht kennt ...
... frisst er nicht, zumindest nicht gleich. Erst wird daran gerochen und mit der Gabel vorsichtig gepiekst, bis am Ende doch die Neugier siegt. Spring No.7 steckt voller interessanter Perspektiven, auf die man sich aber einlassen muss.
Denn einige der Beiträge bewegen sich weit jenseits dessen, was man mit dem schnöden Besteck des Allgemeinwissens auseinander bekommt. Katia Fouquets The Prospect of Immortality und Elusis von Almuth Ertl gehören nicht zur leichten Kost und erfordern den Griff zur erklärenden Literatur oder wenigsten den Gang zu Google.
Das Auge isst mit ...
Völlig unabhängig davon, ob man sich den Sinn der Beiträge erschließen kann, schön anzusehen sind sie alle. Durch die verschiedenen Arbeitstechniken der Künstlerinnen wird vermieden, dass man sich satt sieht und die Seiten lieblos überblättert.
Desperado von Anne Vagt beispielsweise zeigt ein unfertiges Kunstwerk, das durch seine Ausstreichungen und flüchtigen Striche einige Aufmerksamkeit fordert. Die erwähnten schwierigen Beiträge werden abgelöst von heiteren Zwischenspielen wie Im Herzen der Wälder von Barbara Yelin und Weiter, Los! von Ulli Lust.
Besonders gefällt der Beitrag von Nora Krug, die die Geschichte eines »gescheiterten« Kamikaze-Piloten erzählt, der nur knapp der Vernichtung von Hiroshima entgeht. Die auf einer tatsächlichen Biographie basierende Erzählung wird über eine Collage von Fotografien und Zeichnungen realisiert. Die Erzählung pendelt zwischen der fast märchenhaften Gestaltung von Zeichnung und Sprache auf der einen Seite und der harten Kriegsrealität der Fotografien auf der anderen - so ruft sie immer wieder ins Gedächtnis, dass es sich hier eben nicht »nur« um eine Geschichte handelt.
Einmal mit alles und scharf
Wer künstlerisch interessiert ist und noch dazu von der Neunten Kunst begeistert, der wird an Spring No.7 Happy Ending lange Freude haben und sollte eventuell zu den vorherigen Bänden greifen, wie beispielsweise SPRING No.6 Crime. Feinschmecker unterschiedlichster Couleur können etwas nach ihrem Geschmack finden und das zu einem günstigen Preis: Lediglich magere 14 Euro kostet der bescheiden als Heft beworbene Band.
Wer sich also circa vier Mal den – ohnehin ungesunden – Gang zum Fastfoodverkäufer spart, der kann Happy Ending sein Eigen nennen und tut obendrein Körper und Geist Gutes. Als zusätzlicher Bonus fällt der Band im Regal auf und man kann wunderbar damit angeben, auch vor internationalem Publikum.
Anmerkung:
Mit einem besonderen Dank an Christina Snopko für Klebezettel und kunsthistorische Erklärungen.

Titelangaben:Spring No.7 - Happy Ending. Mit Beiträgen von Stephanie Wunderlich, Barbara Yelin, Ulli Lust, Larissa Bertonasco, claire Lenkova, Carolin Löbbert, Maria Luisa Witte, Nora Krug, Almuth Ertl, Ludmilla Bartscht, Anne Vagt, Katia Fouquet, Sophia Martineck, Nina Pagalies, Katrin Stangl
Hamburg: Spring 2010. 252 Seiten, 14 Euro Reinschauen:| Blog des Springmagazins| Spring No.7 auf AmazonMitreden:| artikel weiterempfehlen| mail an den rezensenten / die redaktion
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