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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:30

Wilfrid Lupano / Virginie Augustin: Alim der Gerber, Band 4: Dort, wo die Blicke glühen

23.12.2010

Alim, der Zorn Gottes

Mit dem vierten Band Dort, wo die Blicke glühen findet die Alim-Reihe einen überzeugenden und ausgesprochen zynischen Abschluss. MATTHIAS ROSS ist dem Protagonisten auf eine Reise bis ins Herz der Finsternis gefolgt und dort auf ein Stück Zivilisations- und Religionskritik gestoßen.

 

Am Ende des dritten Bandes war die Streitmacht der Jesamethianer unter Khelob und Torq Djihid in den Dschungel aufgebrochen, um die mysteriöse Insel der Prophezeiung zu finden. Alim hatte sich den beiden in der Hoffnung angeschlossen, seine verschollene Tochter wiederzufinden. Doch der Weg durch die Sümpfe erweist sich als verlustreich und die Moral der Truppe versinkt bald im Morast der Wegstrecke und unter dem Pfeilhagel der Wilden.

 

Die Stimmung wird auch nicht besser, als man die Insel tatsächlich entdeckt – sowohl der fanatische Djihid als auch Alim, der Ketzer, sind schockiert, als ihre Glaubensvorstellungen mit der Realität konfrontiert werden. Nur Khelob, für den Religion bloss ein Mittel zum Zweck ist, triumphiert...

 

Alimcalypse Now

Die Alim-Reihe hat eine beachtliche Entwicklung durchgemacht: Von Das Geheimnis des Wassers über Die Verbannung und Der weiße Prophet (vgl. die Titel-Magazin-Rezensionen vom 16. Juli 2009 und 11. März 2010) bis hin zu Dort, wo die Blicke glühen ist sie mit jedem Band ein Stück düsterer und erwachsener geworden. Dennoch ist es ihr gelungen sie selbst zu bleiben, was sicher hauptsächlich am Artwork von Virginie Augustin liegt.

 

Augustin, die sowohl zeichnet als auch koloriert, behält ihren Stil konsequent bei und verleiht somit der Serie eine Kontinuität, die Wilfrid Lupano als Autor ein wenig vernachlässigt. Zwar bleibt er thematisch durchaus seiner Ausgangswelt verhaftet, jedoch lässt sich ganz klar eine Komplexitätssteigerung erkennen, gerade wenn man den ersten Band mit dem nun vorliegenden vierten vergleicht.

 

Der erste Teil, Das Geheimnis des Wassers, war noch eine sehr geradlinige, unkomplizierte Geschichte mit vielen großen Bildern und wenig Text – ein Comic für ein eher jüngeres Publikum also. Man braucht keine zwanzig Minuten um ihn durchzulesen. Für Dort, wo die Blicke glühen braucht man hingegen mehr als doppelt so lang.

 

Das liegt zwar auch daran, dass der neue Band zwanzig Seiten mehr aufweist als noch der erste, jedoch findet sich auch auf jeder einzelnen Seite mehr Stoff als früher. Diese Entwicklung hatte sich zwar bereits im dritten Band Der weiße Prophet abgezeichnet, wird jetzt jedoch auf die Spitze getrieben: Die Handlung ist eng komprimiert in atmosphärisch dichten Panelfolgen und schlägt einige unvermutete Volten, bevor sie schließlich den finalen Showdown erreicht. Und der überrascht dann nochmal durch einen unerwarteten Ausgang.

 

Dabei strukturiert Wilfrid Lupano seine Fantasy-Geschichte durch bekannte Motive. Aguirre, der Zorn Gottes sowie Apocalypse Now dürften bei der Konzeption des Comics Pate gestanden haben. Von Aguirre übernimmt Alim das Motiv der Conquistadoren und religiösen Fanatiker, die aufbrechen, um ein El Dorado zu entdecken.

 

Aus Apocalypse Now ist die Gestaltung des Dschungelmotivs übernommen: Der Regenwald dient als nietzscheanischer Abgrund, in dem sich die Protagonisten verlieren und in dem ihre gesamte Existenzgrundlage in Frage gestellt wird. Und dann stößt man am Schluss im Herzen der Finsternis sogar noch auf einen alten Bekannten, der sich inzwischen für Gott hält...

 

Here be Spoilers

Trotz des im Deutschen recht kitschigen Titels ist der vierte Alim-Band ein spannender, gewalttätiger und durchaus gnadenloser Comic, dessen zynisches Finale nur mit erheblichen Einschränkungen als Happy End bezeichnet werden kann. Alim überlebt zwar – soviel sei verraten –, ebenso jedoch auch der primäre Antagonist der Reihe, Khelob, der darüber hinaus sogar noch so gut wie alle Ziele, die er sich im Laufe der Reihe gestellt hatte, erreicht.

 

Faszinierend ist dabei – schon durch die ganze Reihe hinweg, aber besonders prägnant im Abschlussband – der Religionsdiskurs. Sämtliche Glaubensvorstellungen egal welcher Personen – stets erweisen sie sich konsequent als falsch, gesellschaftsschädigend und selbstzerstörerisch. Nützlich ist Religion nur für Khelob, der sie als Mittel benutzt, um seine Macht und die des jesamethianischen Imperiums zu mehren und der für dieses Ziel über Leichenberge geht.  

 

Eine Menge Leute sind tot, aber, wie Khelob sagt, es war gut für das Reich, die Wissenschaft und die Zivilisation als Ganzes. So lässt sich der Comic auch als ein ausgesprochen zynisches Stück Religions- und Zivilisationskritik lesen. Dadurch bringt Dort, wo die Blicke glühen das Kunststück fertig, ein atheistischer Fantasy-Comic zu sein. Fazit: Unbedingt lesenswert!

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