Original und Kopie
Alles beginnt mit einer Volkszählung. Plötzlich steht da ein bärtiger Mann mit schlohweißem Haar vor den Beamten und behauptet, Gott zu sein. Die üblichen Reflexe werden bemüht: Anfänglichem Gelächter folgen Skepsis, Staunen und schließlich bedingungslose Euphorie, als Gottes Echtheit verifiziert scheint. Der Schöpfer wird zur Jahrhundertentdeckung stilisiert und – wie könnte es heutzutage anders sein – ordnungsgemäß vermarktet.
Möglichst jeder möchte vom göttlichen Kuchen ein besonders großes Stück abhaben. Postwendend wird Gottes Leben und Werk auf allen medialen Kanälen reproduziert. Auf den Film folgen das Theaterstück, der Comic und unzählige Bücher. Eine eigene Homepage, eine Spielshow und ein Freizeitpark dürfen nicht fehlen. Schnell tritt jedoch Ernüchterung ein. Als Sündenbock seiner eigenen Schöpfung wird Gott der Prozess gemacht – selbstredend live im TV.
Diesen medialen Hype, der unserer eigenen Realität näher scheint, als uns lieb ist, präsentiert Marc-Antoine Mathieu retrospektiv. Schon bei Gottes Ankunft auf der Erde handelt es sich um eine Fiktion in der Fiktion. Erst als ein Regisseur „Okay“ ruft, wird dem Leser bewusst, dass er auf den ersten sechs Seiten des Comics dem Ereignis nicht direkt beiwohnte, sondern einem Reenactment für den bevorstehenden Kinofilm aufgesessen ist.
Mit dieser Verschachtelung der Erzählebenen fährt Mathieu munter fort. Als loser narrativer Faden zieht sich durch Gott höchstselbst eine Fernsehreportage, bei der diverse Talkingheads ihre Statements über den Schöpfer direkt an den Leser adressieren. Durch die Rückschau bleibt diesem aber stets unklar, wie viel Wahrheit tatsächlich im Gezeigten steckt.