Bec / Dorison / Reyes: Heiligtum Bd.1: USS Nebraska
17.02.2011
1945 - 2029, 20.000
Im Jahre 2029 empfängt die USS Nebraska das automatische Notsignal eines gesunkenen U-Bootes der Sowjetunion. Gefühlte 20.000 Meilen unter dem Meer ist der Druck nicht das einzig Menschenfeindliche, dem die Besatzung begegnet. PETER KLEMENT berichtet aus dem Machelodon über Heiligtum von Xavier Dorison und Christophe Bec.
Es ist ein Kreuz mit den Sowjets und noch mehr mit den Nationalsozialisten: Man kann keine verschollene Zivilisation zu entdecken, ohne über mumifizierte, besessene oder – am schlimmsten – noch quietschlebendige Uniformträger zu stoßen. Und jedes Mal haben sie ihre Finger in und an Dingen, die aus gutem Grund auf dem Grund des Meeres oder in unzugänglichen Bergmassiven versteckt sind.
Gebunkert
Die Vorgeschichte beginnt mit dem guten alten Nazibunker, in dem die üblichen geheimnisvollen Artefakte lagern, die unglaubliche Macht versprechen, vorausgesetzt ein findiger Wissenschaftler schafft es die Bedienungsanleitungen zu übersetzen. Die meist in steinerner Form vorliegenden Texte enthalten stets wichtige, aber verschlüsselte Warnhinweise wie "Falsche Anwendung führt zu sofortigem Weltuntergang oder Erwachen der Großen Alten". Hier finden die Sowjets1945 bei den Kämpfen um Berlin unter dem Reichstag allerlei Schrifttafeln und eine seltsam grinsende Statue, die sie als Kriegsbeute einsacken.
Zweiundsiebzig Jahre später finden die Taucher der USS Nebraska in einer riesigen Unterwasserhöhle das geflutete Wrack eines sowjetischen U-Bootes und eine gewaltige Tempelanlage. An Bord finden sie festgebundene Leichen und Dokumente über die Artefakte aus Berlin. Während ein Taucherteam das Schiff erkundet, ergreift eine unheimliche Macht von der Besatzung der Nebraska Besitz.
»It´s long, hard and full of seamen!«
Das Zitat aus dem Film Goldständer von und mit Mike Myers bringt die Technophilie der Graphic Novel treffend auf den Punkt, denn trotz knapper Seitenzahl weist sie immer wieder drauf hin, dass die USS Nebraska das Boot der Boote ist: groß, klimatisiert, bis an die Schrauben bewaffnet, mit Klein-U-Booten und Tauchern ausgestattet und mit den Besten der Besten bemannt. Soviel ungefilterte Begeisterung für Technik und Männerfreundschaften wäre vermutlich sogar Jules Verne zu viel - und in dessen Werk leisten sich Männer auf dem Grund des Ozeans Treueschwüre, dass der/die geneigte LeserIn ganz rote Ohren bekommt. Außerdem fallen die Flüchtigkeitsfehler unangenehm auf, die sich an mehreren Stellen eingeschlichen haben: Der Schiffsdoktor hat „Desease unkown“ auf dem Schirm und später erscheint ein „!!!Alerte 1!!!“ auf einem Monitor des amerikanischen Schiffs.
Klaustrophobisch, kalt und verwirrend
Christophe Bec schafft mit seinen dunklen Bildern bedrückende Räume, die die Enge des U-Bootes und die gigantische und bedrohliche Tempelanlange hervorragend zur Geltung bringen. Die Gestaltung des Tempels und dessen Statuen erzeugen eine überzeugende Atmosphäre ständiger Gefahr, der die Mannschaft ausgesetzt ist. Was der guten Gestaltung der Graphic Novel entgegen steht, ist die verwirrende Abfolge der Bilder: Auf manchen Seiten ist es extrem mühselig Figuren und Handlungsstränge zu ordnen. Schade, denn eine gute Präsentation hätte dem mageren Plot gut getan. So zerfasert der erste Band von Heiligtum in nur lose zusammenhängende Szenen, die kein größeres Ganzes bilden und so einen angenehmen Lesefluss verhindern.
Unterirdischer Schiffbruch
Heiligtum schöpft sein durchaus vorhandenes Potential leider nicht aus und verspielt sich mit seinen leichtsinnigen Fehler in der Plotführung die Pluspunkte der gelungenen Zeichnungen. Zudem erinnert das Ganze verdächtig an den Film Event Horizon, mitsamt bedeutungsschwangeren lateinischen Referenzen. Bedauerlich, dass die Begegnung mit einer unheimlichen Macht auf dem Meeresgrund von Xavier Dorison so stiefmütterlich behandelt wurde. Gruselig wäre es allemal, wenn man sich nicht ständig im Plot verheddern oder über die etwas flachen Charaktere schmunzeln würde.
Wenn es unbedingt ein Machelodon sein muss, lohnt unter Umständen der Griff zu Carthago, ebenfalls mit Zeichnungen von Christophe Bec. Hier gibt es keinen Tempe, aber einen prähistorischem Riesenhai. Der Rezensent hat immerhin gelernt, dass »Machelodon« der Begriff für eine Unterwasserhöhle ist und Suchmaschinen dafür nur obskure Treffer liefern.

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