Mezzo/Pirus: Der König der Fliegen Band 1: Hallorave
03.02.2011
Ensemblefilm in Comic-Form
Der König der Fliegen – Hallorave ist eine der besten amerikanischen Graphic Novels, die BORIS KUNZ seit langem gelesen hat. Sie kommt aus Frankreich.
Éric ist scharf auf die Kellnerin Sal, aber die ist mit seinem Kumpel Damien zusammen. Als er sie auf einer Halloweenparty im Gebüsch endlich flachlegt, beobachtet er gleichzeitig, wie Damien überfahren wird. Kein Grund für ihn, den Sex zu unterbrechen. Auch Robert, Alkoholiker und Familienvater, träumt vom Sex mit Sal – ist aber dann doch damit beschäftigt, den Drogendealer Denis von seiner Tochter Marie fernzuhalten.
Marie möchte gerne entjungfert werden und sucht sich als neues Opfer Éric aus, während dessen Freundin Sal jetzt mit Denis ins Bett geht, weil der sie mit Pillen versorgt. Karine ekelt sich vor dem alten Monsieur Becker, dessen Wäsche sie macht, doch man kann bald ahnen, wo die beiden landen werden. Und auf Seite 53 dann lautet eine der Kapitelüberschriften „Der grosse Ringo fickt euch alle“. Klingt nicht nach einem Comic mit literarischen Qualitäten? Ist es aber.
Was sich in einer Zusammenfassung anhört, als stamme es aus der Feder des immer pubertärer werdenden Garth Ennis, ist der erste Band einer als Trilogie angekündigten Reihe eines französichen Autoren- und Zeichnergespanns. Mezzo und Pirus erzählen Geschichten aus einer anonymen Kleinstadt, verbinden ein Ensemble trauriger Existenzen, die abwechselnd als Ich-Erzähler zu Wort kommen, zu einer immer dichter werdenden, geschlossenen Erzählung. Ihre Figuren driften aneinander vorbei, zwar begegnet irgendwie jeder jedem, nicht wenige schlafen miteinander, doch alle bleiben einsam dabei.
»Ich war verwirrt von den Grashalmen, die beharrlich an ihren Schenkeln und ihrem Badeanzug klebten. Die mir sagten, wohin ich schauen muss.«
Zunächst kommt einem Hallorave vor, als hätte ein dem Underground-Comic entwachsener amerikanischer Zeichner eine Sammlung von Kurzgeschichten eines Landsmannes illustriert. Die Zeichnungen und das Setting erinnern an Graphic Novels wie Ghost World, der Ton der Geschichten an klassische Short Stories - die Sprache in der deutschen Ausgabe klingt tatsächlich wie eine Übersetzung aus dem Amerikanischen. Vor allem scheinen die Illustrationen anfangs auch nicht mehr zu sein als das: reine Illustrationen, die dem Inhalt der Textblöcke nichts an Information hinzufügen. Man möchte meinen, der Comic käme auch ohne sie aus, der in jedem Panel vorhandene Prosatext ließe sich als Kurzgeschichte lesen. Dialoge tauchen erst sehr spät in der Erzählung auf.
Man fühlt sich merkwürdig an die Bild-Text-Doppelungen bei Blake und Mortimer erinnert – doch während dort die Texte den Inhalt der Bilder kommentieren, sind es hier die Bilder, die dem Text eine Dimension geben, die einem erst nach und nach aufgeht: Sie machen ihn erträglich.
Dies ist eine Kunst, die man eher aus Episodenfilmen des amerikanischen Independent Kinos kennt, wie Happiness von Todd Solondz oder vielleicht Ken Park von Larry Clark, wo auch ein suburbanes Figurenensemble durch Geschichten stolpert, in denen sich ein Abgrund nach dem anderen auftut, in denen sexuelle Phantasien (und zumeist auch deren zeitnahe und merkwürdig leidenschaftslose Umsetzung), Drogenerfahrungen und das Aufbegehren gegen die eigene Lethargie zentrale Rollen spielen.
Wie erzählt man solche Geschichten, ohne ihre Tristesse auf das Publikum zu übertragen, ohne abstoßend oder plump pornografisch zu werden? Der König der Fliegen verdankt dieses Kunststück den Zeichnungen, die sich keinen Exzess erlauben. Sie bleiben nüchtern und realistisch, wirken selbst bei ihrer Wahl ungewöhnlicher Perspektiven (etwa dem Blick einer Frau zwischen ihren geöffneten Schenkeln hindurch auf ihren Liebhaber) niemals expressiv, sondern sind graphisch sehr klar und erden dadurch die Erzählung auf angenehme Weise. Obwohl sie nichts beschönigen, wenig aussparen, keine Angst vor expliziter Nacktheit haben, wirken sie niemals vulgär, lassen sich niemals zu Splattereffekten hinreißen oder von austretenden Körpersäften faszinieren und unterstützen damit den Text auf kongeniale Weise.
So kann man sich einlassen auf die beschriebenen Bösartigkeiten, kann ihre eigentümliche Poesie entdecken und die Genauigkeit der Beobachtungen, die diesem Comic literarische Qualitäten verleihen.
»Am Ende ließ ich die Plüschtiere so wie sie waren - stinkend, ihre halb geschmolzenen Augen himmelwärts gerichtet. Lebendiger als zuvor.«
Auch Ausflüge in die Phantasien und Halluzinationen der Figuren bedeuten für Zeichner Mezzo keinen Stilbruch, sie werden wie selbstverständlich in diese nüchterne Welt integriert, und doch herrscht, dank einer klugen Farbdramaturgie, niemals Verwirrung darüber, was sich in der Wirklichkeit und was nur in den Köpfen der Antihelden abspielt.
Zwei Momente der Irritation gab es bei mir. Zum einen wird es einem schwer gemacht, zu glauben, dass diese Geschichten in Frankreich spielen, so durchzogen sind die Lebenswelten der Figuren mit Amerikanismen: Man trifft sich in Shopping Malls, man feiert Halloween, man hat die Simpsons auf der Bettwäsche und eine Episode lang sind die Rolling Stones als stumme, imaginäre Begleiter von Éric zu sehen. Wenn dann vom 200 km entfernten Deutschland die Rede ist, oder Éric sich für seine Aushilfsarbeiten in Euro bezahlen lässt, wirkt das fast wie ein Stilbruch.
Auch macht Pirus in den „Voice Overs“ stilistisch kaum einen Unterschied, egal ob ein Mann im Rentenalter oder ein 18-jähriges Mädchen der augenblickliche Erzähler ist. Die Innenwelten der Figuren werden zwar ernst genommen und ohne Scheu vor schmerzhafter Ehrlichkeit erforscht, aber es scheint so, als blickten all diese Figuren durch dieselbe Brille auf die Welt.
Diese Irritationen sind sicherlich absichtlich gesetzt und erinnern den Leser daran, dass auch die Welt von Hallorave ein künstliches Konstrukt ist, kein Abbild einer irgendwo existierenden Wirklichkeit. Dass ein Comic den Leser daran erst wieder erinnern muss, ist allerdings wirklich eine Leistung.

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