Flohmarkt Feeling
Beide Künstler gehören inzwischen zu den großen Namen im Comic-Geschäft. Gaiman hat mit dem Sandman und den Büchern der Magie längst Comic-Geschichte geschrieben, hat Romane veröffentlicht und mehrere seiner Stoffe sind verfilmt worden (zuletzt der 3D-Animationsfilm Coraline). McKean hat mit Cages Aufsehen erregt und auch über die Comic-Szene hinaus einen Namen als Gestalter von Plattencovern und als Fotograf. Veilchenblau ist ihre erste Zusammenarbeit aus dem Jahre 1987 und wirkt heute wie eine Fingerübung für das, was noch kommen sollte.
Den Vorgang des Erzählens selbst zum Thema zu machen und düstere Phantasiegestalten (seien es nun vergessene Götter, Magier oder eben Gangster mit Trenchcoats und breiten Hüten) in vertraute Wirklichkeiten hereinbrechen zu lassen und sich dann zwischen diesen Welten traumwandlerisch zu bewegen - das ist ja schon ein erzählerisches Markenzeichen von Neil Gaiman. Dass Comics auch einmal unfertig aussehen dürfen, dass das Hinzufügen abfotografierter Banknoten, Landkarten oder alter Plakate einen gewissen Schick hat, war ja gerade in der Covergestaltung in den späten 90ern dann eine richtige Mode und hat sogar im amerikanischen Mainstream Schule gemacht (man erinnere sich an die Titelbilder der Akte X-Comicserie oder die Daredevil-Interpretation von David Mack).
Der Klappentext der deutschen Ausgabe, der man eigentlich ruhig den Originaltitel Violent Cases hätte lassen können - weil das nicht nur cooler klingt, sondern auch tatsächlich den Kern der Geschichte weitaus besser trifft als irgendwelche Blumenfarben - bringt es eigentlich ganz gut auf dem Punkt: „Vor zwanzig Jahren war Veilchenblau bahnbrechend. Heute ist es ein Klassiker.“
Deswegen fühlt es sich, wenn man die Neuausgabe in die Hand nimmt, ein bisschen so an, als hätte man sie auf dem Flohmarkt erstanden. Das liegt nicht nur an dem schicken Hardcover (und der leider etwas anfälligen Klebebindung), sondern daran, dass der Comic eindeutig aus einer Zeit stammt, in der in Deutschland recht viele Verlage versucht haben, mit aufwändigen Alben wie diesem den Beweis anzutreten, dass Comics tatsächlich Kunst sein können – und die hatten dann auch nach Kunst auszusehen.
Man merkt dem Comic an, dass Gaiman ein versierter Erzähler und McKean ein begnadeter Zeichner und phantasievoller Grafiker ist. Im Grunde ist dies aber eine einfache, gut erzählte Geschichte mit gutem Artwork – und nicht viel mehr. Dass man so etwas wie ein bahnbrechendes Meisterwerk in den Händen hält, erschließt sich nur noch im Rückblick auf den historischen Kontext, weil beide Künstler inzwischen Beeindruckenderes geschaffen haben. Insofern ist es schön, dieses Album zu besitzen, aber nicht unbedingt zwingend.
