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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:51

Brecht Evens: Am falschen Ort

21.04.2011

Bunte Hunde, graue Mäuse

Brecht Evens Am falschen Ort wurde beim diesjährigen Comic-Festival in Angoulême  mit dem »Prix de L’Audace« ausgezeichnet. Trotzdem wird der Comic recht ambivalent aufgenommen. CHRISTIAN NEUBERT versucht, dem Werk mit ein wenig Philosophie beizukommen. Das kann ja heiter werden ...

 

Kurzer philosophischer Exkurs: Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard beginnt seine Schrift Die Krankheit zum Tode mit einer Analyse des menschlichen Selbst. Er stellt fest, dass das Selbst eine Synthese von Unendlichkeit und Endlichkeit, von Zeitlichem und Ewigem und von Freiheit und Notwendigkeit ist – und demzufolge ein Verhältnis. Wenn – und solange – sich dieses Verhältnis als ein solches und sich obendrein im Verhältnis zu sich selbst verhält, erhält der Mensch sein individuelles Selbst. Dieses kann jedoch in ein Missverhältnis geraten – z.B., wenn es dem Selbst an Möglichkeiten, es selbst zu bleiben und/oder zu werden, ermangelt.

 

Dass dem Begriff des Selbst, den Kierkegaard einem so mir nichts, dir nichts vor den Latz knallt, zunächst einmal der Hegel hinein- und wieder hinausgejagt werden muss – und was das alles schließlich für ein Gottesverhältnis bedeutet –, wird hier großzügig unterschlagen. Für uns ist es an dieser Stelle lediglich wichtig, festzuhalten, dass der Mensch sein in eine Verhältnismäßigkeit gebrachtes Selbstverhältnis erkennen und als sein Selbst akzeptieren muss. Er muss sich u.a. selbst genügen. Ist dies nicht der Fall, ist sein Selbst in eine Unverhältnismäßigkeit geraten bzw. gar nicht erst aus dieser herausgekommen. Die Folge davon ist Verzweiflung – z.B. die Verzweiflung, nicht man selbst sein zu wollen.

 

Von der unerträglichen Leichtigkeit des Seins

Mit diesem - naja, nennen wir es: Halbwissen - im Hinterkopf sehen wir uns die Hausparty an, zu der Gert in Am falschen Ort geladen hat. Schnell wird einem klar, dass hier etwas fehlt. Dabei scheint Gert an alles gedacht zu haben: Der Wodka ist gut gekühlt, Snacks werden in Schälchen gereicht und geraucht wird in der Küche. Trotzdem will keine rechte Stimmung aufkommen. Alle warten nur darauf, dass Robbie endlich auftaucht. Robbie, der Partygarant, nein, mehr noch: Robbie, die Sagengestalt, der Stoff moderner Mythen. In seinem Glanz würden alle erstrahlen. Aber Robbie kommt nicht. Das bedeutet das Aus für die Party, dabei ist der Wodka noch nicht mal leer. Doch ohne Robbie sind nun mal alle hier Versammelten am falschen Ort – das gilt sogar für Gert, den Gastgeber. Niemand scheint sich hier selbst genug zu sein. Es mangelt an Selbstbewusstsein und an Selbsterkenntnis: Wer hier überhaupt von seinem individuellen Selbst weiß, der wäre gern ein bisschen weniger er selbst und vielleicht mehr so wie Robbie.

 

Szenenwechsel: Gemeinsam mit einer Freundin ist Noemi unterwegs zur Disko. Sie hat sich Bunny-Ohren aufgesetzt, um damit ihr Selbst ein Stück weit abzulegen: Heute Nacht ist Noemi als Lulu unterwegs. Sie betreten das Harem, einen angesagten Club. Kein Wunder, ist doch Robbie hier Stammgast. Irgendwann, nachdem ihre Freundin mit einem Tanzpartner in der Menge untergetaucht ist, gerät Noemi bzw. Lulu dann auch tatsächlich an Robbie. Und, ja, zugegeben: Robbie hat's wirklich drauf. Es wird ausgiebig gezecht, die Party nimmt zunehmend märchenhafte, fast schon mystische Ausmaße an – und schließlich landen die beiden in der Kiste. Geschafft: Robbie sein Tagesgeschäft, Noemi die Kür.

 

An einem anderen, vielleicht auch am selben Abend – aber spielt das im Nachtleben überhaupt eine Rolle? – haben Gert und Robbie sich im Harem verabredet. Kaum zu glauben, dass der coole Robbie einen Langweiler wie Gert zum Freund hat. Anderen von seinem Kaliber wäre solch ein Umgang möglicherweise peinlich. Doch Robbie, der zumindest hier, in der Disko, komplett mit sich im Reinen zu sein scheint, kennt dieses Gefühl offenbar nicht. Im Gegenteil: Er nimmt sich viel Zeit für die Sorgen und Nöte seines Freundes. Doch letztendlich hat sogar ein Typ wie Robbie nur einen Ratschlag parat, der Gert auf sich selbst zurückwirft: »Mach dein Ding!« Dabei möchte Gert, wenn es schon sein muss, lieber so etwas wie Robbies Ding machen. Eine Sache, an der er, der verzweifelt nicht er selbst sein will, scheitern muss. So schafft er auch nicht das, was z.B. Noemi erreicht hat – er ist kein Thema des Smalltalks beim Frisör geworden ...

 

Von der Schwierigkeit, sein Ding zu machen

Was macht man nun mit all dem? Kann man sagen, dass die dargestellten grauen Mäuse die bunten Hunde brauchen, damit diese auf sie abfärben, um nicht an einem falschen Ort zu sein? Oder sind die graue Mäuse neben bunten Hunden ohnehin am falschen Ort? Aber wie können dann, wenn das stimmen sollte, die eingangs erwähnten Partygäste am falschen Ort gewesen sein? Und mal ganz abgesehen davon: Ist es nicht ausgesprochen durchschnittlich, sich beim Frisör das Maul über andere zu zerreißen?

 

Möglicherweise wurde hier zu viel hinein oder auch zu sehr vorbei interpretiert. Fest steht dagegen, das Brecht Evens sich mit Am falschen Ort als guter Analytiker zwischenmenschlicher Beziehungsgeflechte und Abhängigkeitsverhältnisse erweist. In scheinbar belanglosen Episoden aus dem Nachtleben gelingt ihm eine wunderbare Darstellung menschlicher Abgründe und Verstrickungen, wobei er sich, ohne jemals plump oder reißerisch zu werden, ausschließlich auf den Small Talk der zahlreichen Protagonisten konzentriert. Was dabei herauskommt, ist bei mancher Übertreibung äußerst lebensnah und entsprechend gehaltvoll.

 

Von großer Tragweite

Damit ist schon viel geleistet. Die zeichnerische Umsetzung setzt dem Ganzen aber noch die Krone auf. Eine klare Bilderfolge wird immer wieder aufgebrochen, damit die mit Aquarellfarben gestalteten Figuren mit dem Inventar durchfeierter Nächte in ganzseitigen Bildkompositionen kulminieren, in denen alles zu verschwimmen scheint. Evens schafft Räume der Allgemeinheit und Gleichzeitigkeit, wo Konturen verschwinden, um Individuen in der Masse untergehen oder aufblühen zu lassen, was der existenzialistischen Tragweite des Comics zusätzlich in die Hände spielt. Einzelne Gesprächsfetzen können dabei oft nur durch ihre Farbgebung den jeweiligen Personen zugeordnet werden. Trotzdem wird es für den Leser dabei nie zu unübersichtlich.

 

Am falschen Ort ist ein Comic, der Fragen beantwortet, die nicht gestellt wurden, und der Fragen aufwirft, die niemand zu beantworten weiß. Er besticht durch eine ebenso ungewöhnliche wie interessante Erzählweise, die von einer virtuosen Bilderflut meisterhaft getragen wird. Großartig, alles in allem. Doch da es Evens in seinem Werk einfach nur um Menschen und deren Miteinander geht, braucht es nun mal nicht weiter zu verwundern, dass einige Leser dies banal oder arm an Höhepunkten finden könnten. So ist das halt mit dem Leben.

 

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