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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:51

Gerard Way und Gabriel Bá: The Umbrella Academy: Dallas

24.03.2011

Feuerzauber

Gerard Way, Sänger von My Chemical Romance, und Gabriel Bá brennen mit Umbrella Academy – Dallas ein weiteres Feuerwerk aus Worten, Bildern und fantastischen Ideen ab, das nicht ohne Grund von Größen wie Neil Gaiman und Grant Morrison mit lobenden Vorworten bedacht wurde. PETER KLEMENT reiht sich in den Chor der Laudatoren ein und stellt die wahnwitzigste Patchworkfamilie des Universums vor.

 

Der zweite Teil von Umbrella Academy wurde in Apokalypse Suite bereits angedeutet und füllt einige Lücken des ersten Teils. Zeitlich beginnt Dallas drei Jahre nach den Geschehnissen des ersten Bandes und die Risse in der Familie wider Willen sind tiefer geworden: Space Boy (No.01) verbringt den Tag vor der Glotze und stopft sich mit Keksen voll. The Kraken (No.02) macht was The Kraken will. Seance (No.04) genießt den Ruhm die Welt gerettet zu haben. The Rumor (No.03) hadert mit dem Verlust ihrer Stimme, was sie auch ihrer Superkraft beraubt hat. The Boy (No.5) vergeudet sein Geld mit Hundewetten und wird von den seltsamen Figuren in knallgelben Umweltschutzanzügen verfolgt, die schon aus der Apokalypse Suite bekannt sind. Nach einer weiteren blutigen Auseinandersetzung mit den Gasmaskenträgern scheint wieder einmal das Ende der Welt anzustehen.

 

Raum, Zeit, Psychopathen mit Cartoonmasken

Wie der erste Teil ist Dallas eine Collage, die mit halsbrecherischem Tempo den Zeitstrom verknotet und schon auf der ersten Seite absurde Antagonisten den ebenso absurden Kleinkind-Superhelden entgegen wirft. Die zum Leben erwachte Statue von Abraham Lincoln, Vietcong-Vampire oder zeitreisende Irre mit Tiermasken sind nur drei Beispiele, die sich zwischen den Panels die Klinke in die Hand geben.

 

Das Kunststück, das Gerard Way und Gabriel Bá hier vollbringen, ist, dass die geschaffene Welt durch das atemberaubende Tempo und die komplexe Erzählstruktur zwar bizarr wirkt, aber dennoch glaubwürdig bleibt. In der Apokalyse Suite wird das Universum von The Umbrella Academy in fünf Seiten regelrecht in die Existenz geschleudert, trotzdem bleibt noch Zeit für einen atomaren Ellbogen auf Seitengröße.

 

In Dallas setzt sich der verschachtelte Erzählstil fort und fordert mit häufigen Sprüngen zwischen Orten und Zeiten viel Aufmerksamkeit, zumal wichtige Informationen geradezu beiläufig in den Panels platziert sind und unter Umständen erst deutlich später Bedeutung erhalten.

 

Familienbande

Die durch schicksalhafte Fügung oder geschickte Zeitmanipulation zusammengewürfelte Truppe aus Super-Adoptivkindern wird weit jenseits des Superheldenpathos präsentiert: Zwar gibt es auch hier Opferbereitschaft, Heldenmut und das gelegentliche Retten von Unschuldigen, doch der schöne Schein ist nur Fassade. Die drakonische Erziehung durch den außerirdischen Ziehvater Hargreeves – weltberühmter Wissenschaftler, Fechtmeister und Nobelpreisträger – hat tiefe Spuren in den Zöglingen hinterlassen, die es ihnen unmöglich machen sich auch nur im selben Raum aufzuhalten.

 

Nur der bevorstehende – und oft selbst verschuldete – Untergang der Welt kann die Einzelgänger zu einem mehr schlecht als recht funktionierendem Team zusammenschweißen, das jeden Moment auseinanderzubrechen droht. Die menschliche Seite der Protagonisten – auch wenn einer von ihnen eigentlich nur ein Kopf auf einem Gorillakörper ist – gibt der Graphic Novel den roten Faden, der einen durch Prügeleien mit historischen Denkmälern und zahlreiche Zeitsprünge lotst und für ein bisschen Bodenhaftung sorgt.

 

Collagenpunk

Das Artwork von Bá und die Kolorierungen von Dave Stewart passen wie der Ellbogen ins Krakenauge: Die Graphic Novel glänzt mit leuchtenden Farben und Figurenentwürfen, die mit gekonnter Überzeichnung und Liebe zum Detail die Sehnerven fast überfordern. The Umbrella Academy ist Pop-Art, die ihresgleichen sucht und mühelos mit überladenen Panelen und geschickter Simplifizierung jongliert.

 

Bild und Text ergänzen sich gegenseitig darin, die LeserInnen mit feingliedrigen, fast schon musikvideoartigen Panelsequenzen an die Graphic Novel zu fesseln. Die Bildkomposition füllt den vorhandenen Platz bis zum Bersten und kombiniert auf jeder Seite die Anordnung und Einstellungsgröße der Panels neu, so dass der reißende Erzählfluss nie zum stillen Wasser wird.

 

The Umbrella Academy kombiniert das Superheldengenre mit Elementen aus Steam- und Cyberpunk, wirft noch eine Prise Phantastik dazu und verpackt es in farbgewaltigen Panels im Sekundenschnitt eines MTV-Clips. Ein gewagtes Experiment, das jeden Augenblick an seiner unglaublichen Dichte an Bildern und dem enormen Erzähltempo zu zerbrechen droht. Man muss den Hut ziehen vor der künstlerischen Begabung und dem überbordenden Ideenreichtum der Autoren, die hier einen echten und für den Rezensenten völlig unerwarteten Meilenstein der Neunten Kunst gezaubert haben.

 

Der Postmoderne wird viel angekreidet: Die Auflösung klarer Erzählstrukturen, das Zusammenflicken und zwanghafte Aufpeppen von Altbekanntem, so dass ein Mindfuck-Gangsterepos in den unendlichen Weiten des Alls mit Elementen des späten Disneyfilms in 3-D niemanden wirklich wundert. Wenn die Auflösung allerdings auf so hohem Niveau wie in The Umbrella Academy betrieben wird, bitte mehr davon – und mit extra Zucker.

 

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