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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:54

Blutch: Peplum

03.03.2011

Gut gewickelt und fest geschnürt

Ein regelrechter Verkleidungskünstler ist Blutch. Mit jedem neuen Comic scheint er sich in ein anderes Gewand zu werfen. In Peplum, einem Epos in zehn Kapiteln, zieht er sich selbst als Erzähler zurück und DANIEL WÜLLNER schaut zu, wie sich die Geschichte selbst lustvoll ihren Weg bahnt.

 

Peplum, so lautet der griechische Name für die Tunika. In dieses simple Gewand aus Leinen oder Wolle wickelten sich Römer und Griechen während der Antike. Ein fast schon demokratisches Kleidungsstück, das von seiner äußerlichen Beschaffenheit keine Rückschlüsse auf den Stand des Trägers ziehen lässt. Zugleich bezeichnet der Begriff ein Filmgenre, den Sandalen-Film, in dem sich meist Außenseiter wie Juda Ben Hur (alias Charlton Heston) in das Zentrum der Gesellschaft kämpfen müssen. Irgendwo zwischen Ben Hur und realer römischer Antike kann auch die Handlung von Peplum verortet werden.

 

Am Rand der Gesellschaft

Die Exposition von Peplum beginnt weit außerhalb der römischen Gesellschaft, in der Eiswüste, wo der ausgestoßene Adlige Publius Cimber mit seinen Gefolgsleuten eine Art Expedition durchführt. Ihr Ziel: eine Frau, gefangen im ewigen Eis, zu finden. Nach wenigen Seiten springt die Handlung zum Epizentrum der Macht, dem römischen Senat. Blutch fängt den wohl bekanntesten Mord der Antike ein, die Iden des März. Aber nicht nur Cäsar selbst, sondern auch Publius Cimber wird ermordet und schnell ist klar, dass der Begriff der Identität auch in der römischen Antike ein sehr fragiles Gut war.

 

Der junge Peplum nimmt kurzerhand den Adelstitel des Exilanten an und macht sich zu seiner eigenen Odyssee auf. Er beginnt seine Reise in weißer Toga, doch lässt diese bald schon zurück, lustwandelt einige Kapitel halbnackt herum, nur um in schwarzer Montur wieder aufzutauchen. Seine Kleidung scheint als Spiegel seiner Seele zu fungieren. Doch werden seine Handlungen nicht kritisiert, solange er den falschen Namen des römischen Ritters vor sich her trägt.

 

Die Suche nach dem Schicksal und der Lust führen Peplum vorbei an bekannten Figuren des antiken Dramas: dem griechischen Chor, den Soldaten und auch den Sklaven. All diese pupillenlosen Figuren kann Peplum mit seiner falschen Identität täuschen. Doch täuscht sich der junge Hochstapler selbst. Glaubt er auch nach seiner eigenen Identität zu suchen, so zielt er doch immer wieder nur auf die kurzfristige Erfüllung seiner Begierde ab. Blind vor Verlangen übersieht Peplum seine wirklichen Gefühle und jagt seiner stummen Begleiterin hinterher, der Frau im ewigen Eis. Ein regungsloses Gesicht, das unbedingte Liebe einfordert.

 

Lustvoll gestaltet

Der großformatige Band schafft Freiraum für Blutchs Seitenkompositionen, die er stets der Handlung anpasst. Wenn die Action sich beschleunigt, werden großflächige Kompositionen beiseite gelegt und einzig und allein zwei miteinander ringende Figuren in Szene gesetzt, ganz ohne Panelrahmen.

 

Während andere Künstler Farben als Hilfsmittel verwenden, um Emotionen auszudrücken oder sich an einer Strichführung festklammern, lässt Blutch los. Dabei findet er mittels unterschiedlichster Schraffierungen und einem ständigen Wechsel von schwarzem und weißem Hintergrund abwechslungsreiche Methoden, seinem Comic eine innere Spannung zu verleihen. Spannungsbogen und sexuelle Spannungen befruchten sich so gegenseitig.

 

Die Odyssee, die Peplum erlebt, hat stets nur ein Ziel: die Befriedigung seiner Triebe. Er strebt nicht an, mit der gestohlenen Identität reich zu werden. Er sucht nach der Lust, die sich im Sex, in der unerwiderten Liebe zu einem Gegenstand und in der Befriedigung ausdrückt. Blutchs Spiel zwischen Sexualität und Identität dokumentiert aber auch den Drang, die Erzählform "Comic" zu transzendieren. Anstatt die Darstellungsform allein in den Dienst der Handlung zu stellen, entwickelt er die Geschichte anhand bekannter antiker Stoffe und Formen. Das Ergebnis ist ein vor Energie strotzender Comic, der die Suche nach der eigenen Identität auf mehreren Ebenen gleichzeitig thematisiert, ohne dabei belehrend zu wirken.

 

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