Nicolas Juncker: Die drei Musketiere
26.05.2011
Ein illustrer Klassiker
Geht es Ihnen auch so? Die drei Musketiere - kommt einem irgendwie wie ein alter Hut vor. Man weiß, dass sie Athos, Porthos und Aramis heißen, dass der wahre Held der Geschichte eigentlich D´Artagnan ist, und dass die vier Helden mit dem Wahlspruch „Einer für alle und alle für einen“ losgezogen sind für König und Vaterland und gegen die Intrigen des Kardinals Richelieu. Aber eigentlich weiß man das nicht aus dem Roman, sondern hat irgendeinen der zahlreichen "Mantel und Degen" - Filme gesehen, in denen diese Figuren zu Haudrauf-Helden verwurstet wurden. Für jeden, auf den das zutrifft, könnte Die drei Musketiere von Nicolas Juncker genau die richtige Lektüre sein – wie für BORIS KUNZ.
Auch die Geschichte, wie D`Artagnan und die drei Musketiere sich kennlernen, könnte einem noch im Kopf geblieben sein – schließlich hat Alexandre Dumas hier nach einem Prinzip gearbeitet, an dem sich in abgewandelter Form seither fast jedes Buddy-Movie und jedes Superhelden-Crossover orientiert: In einer rasanten Serie von unglücklichen Missgeschicken gelingt es dem frisch in Paris eingetroffenen Grünschnabel und Möchtegern-Haudegen D`Artagnan, sich für den folgenden Tag gleich drei Verabredungen zum Duell einzuhandeln.
Am nächsten Tag stellt er fest, dass seine Gegner eng miteinander befreundet sind, und die wiederum entdecken, als sie allesamt von der Kardinalsgarde verhaftet werden sollen (Duelle waren nämlich tatsächlich eine verboten Sache), dass der Grünschnabel wahrhaftig den Schneid hätte, einer der ihren zu werden. Aus anfänglichen Gegnern werden nach einem Kampf Seite an Seite die besten Freunde, die alsbald schon Kopf und Kragen für Frankreich riskieren werden.
Aber schon während dieser Szene gibt es bereits ein paar Misstöne, und der Comic spart diese nicht aus: D´Artagnan tötet, einfach weil er es nicht besser weiß und es in der Todesangst seines ersten Duells mit der Heftigkeit der Gegenwehr etwas übertreibt, einen Hauptmann der Garde. Was ihm also Anerkennung und neue Freunde bringt und zum ersten Schritt seines Abenteuers wird, ist im Grunde genommen ein Mord aus Dummheit und Ungeschicklichkeit. Die große Stärke von Junckers Comicfassung liegt nun daran, dass sie genau diese Ambivalenz ihrer Helden herausarbeitet, die Fragwürdigkeit ihrer Aktionen zur Geltung bringt, ohne dabei moralisierende Mythendekonstruktion zu betreiben, die einem irgendwie den Spaß an der Lektüre verderben würde.
Einer für alle, denn alle sind pleite!
In diesem Stil geht es weiter. D´Artagnans Love Story mit der königlichen Näherin Constance verdankt ihr Zustandekommen auch nur wieder dem Zufall, einer Kurzschlusshandlung und der Notgeilheit des Helden. Von Constance erfährt D`Artagnan, dass die Königin von Frankreich ihren Gemahl mit einem englischen Lord betrügt. Als die Affäre durch Hofintrigen aufzufliegen droht, beschließen er und seine drei Freunde eine Reise nach England zu unternehmen, die einerseits als Rettungsmission für die Königin, andererseits aber auch als eine Vertuschungsaktion einer politisch brisanten Affäre gedeutet werden kann – und außerdem kläglich scheitert, weil alle drei Musketiere sich unterwegs auf Streitereien einlassen. D´Artagnan muss schließlich nicht nur zusehen, wie er allein nach England kommt, sondern auch, wie er seine Kameraden danach wieder aus dem Schlammassel holt, in das sie sich selbst manövriert haben.
Bald schon muss D´Artagnan sich den Schattenseiten seiner Kameraden stellen: Die sind nämlich in Wahrheit ein Haufen von Machos, Spielern und Säufern, chronisch pleite, mit verkorksten Vergangenheiten voller dunkler Geheimnisse und ebenso verkorksten Lösungsstrategien. Als die drei bei ihrer Rückkehr nach Paris erfahren, dass sie in zwei Monaten in den Krieg gegen die Hugenotten ziehen sollen, haben sie keine anderen Pläne mehr, als durch die Gnade irgendwelcher wohlhabender Damen an genug Geld zu kommen, um sich imposantes Rüst- und Sattelzeug und schicke Pferde leisten zu können.
Drei Musketiere in zwei Dimensionen
Juncker braucht mit seinem modernen Funny-Stil lediglich 260 Comicseiten, um die nicht unkomplizierte, von zahlreichen Liebeswirren und Hofintrigen beherrschte Romanhandlung erstaunlich werktreu wiederzugeben. Er schafft es dabei auch noch, seine Hauptfigur, den Ich-Erzähler D´Artagnan, und die drei weltberühmten Musketiere als vielschichtige und bei aller Verschrobenheit auch wieder sympathische Antihelden zu zeichnen, deren Motivationen manchmal weniger in ihrer Freundschaft und ihrem Edelmut, sondern eher in ihrer Libido, ihrer Selbstgerechtigkeit und ihren persönlichen Rachegelüsten zu suchen sind.
Die schmissige Figurengestaltung ist comichaft überzogen und auf abstrahierte Flächen und Formen reduziert (Kanten für Arthos, Rundungen für Porthos, Pupillen werden nur Kardinal Richelieu als Charaktermerkmal zugestanden); die Geschichte ist bunt und flott erzählt, nimmt sich an den richtigen Stellen (vor allem bei dem geradezu bedrückend ambivalenten Schlussakt) aber auch die nötige Zeit.
Auf seiner Homepage preist der Carlsen Verlag den Comic als der Musketier-Neuverfilmung, die auf uns zukommt, "ebenbürtig" an - und verkauft ihn damit unter Wert. Junckers Umgang mit dem Stoff merkt man eine Ernsthaftigkeit an, die man (nach dem Trailer zu urteilen) im Film vergeblich suchen wird. Der Comic ist eine Romanadaption im besten Sinne: Hier werden nicht Versatzstücke in beliebiger Art und Weise zu eine 08/15-Geschichte neu montiert, sondern es offenbart sich eine frisch anmutende Sichtweise auf einen Klassiker, dem inhaltlich die Treue gehalten wurde.
Der neue Musketier-Film ist übrigens in 3D – so dass sich ein inzwischen schon allzu oft gebrauchtes Wortspiel zwangsläufig aufdrängt: Dieser Comic hat zwar eine Dimension weniger als der Film, aber vermutlich mehr Tiefe.

|
Elektronische Findlinge
Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...
Hoden los!
Die Gleichberechtigung hat in diesen Tagen herbe Rückschläge erlitten. Während in akademischen Kreisen das Thema »Gender« höchstens noch für Proseminare ...
»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«
Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...
Valium im schwarzen Anzug
Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...
Kind sein, der moderne Vollzeitjob
Nur das Beste für das Kind, wer wünscht sich das nicht? Vorhalten soll das Beste auch, vorzugsweise ein Leben lang. Dafür müssen Grundlagen gelegt, das Kind rundum ...
Schweizer Käse!
Fromage suisse!
Swiss Cheese!
Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...
|