Dufaux / Miralles: Djinn - Erster Zyklus
07.07.2011
Jäger der verlorenen Erotik
Lassen Sie sich einladen nach Istanbul in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, werfen Sie einen Blick hinter die Bronzetüren des Harems, gehen Sie mit in die Wüste auf Schatzsuche – aber Vorsicht, der Weg ist gesäumt von Gefahren und von Verlockungen: Sie könnten nicht nur ihr Leben, sondern auch Ihr Herz verlieren. Mit derartigen Versprechungen lockt Djinn den Leser. Bei BORIS KUNZ hat das nicht so ganz geklappt.
Vielleicht liegt das daran, dass Jean Dufaux Versprechungen wie die obigen zu oft wiederholt. Jedem der in dem Sammelband vereinigten vier Alben (sie sind der Osmanische Zyklus der auf drei solcher Zyklen angelegten Reihe) ist ein ähnlich klingendes Vorwort vorangestellt. In einem weiteren Vorwort, den gesamten Band betreffend, erzählt er von seiner ersten Begegnung mit der Zeichnerin der Serie, Ana Mirallès, und erwähnt, dass er sich mit einem weiblichen Kollegen an der Seite vor der Gefahr sicher wähnte, die Geschichte könnte zu einer reinen Männerphantasie verkommen. Wenn man allerdings mit diesen Worten im Ohr die Geschichte liest, kommen einem manchmal Zweifel, ob nicht doch genau das geschehen ist.
Verspielte Trumpfkarten
Die junge Engländerin Kim Nelson fahndet in Istanbul nach der Vergangenheit ihrer Großmutter Jade, von der man eigentlich nur weiß, dass sie die Favoritin im Harem des Sultans war, 1912 aber mit einem Diplomaten des Empire nach England durchgebrannt ist – angeblich mit dem gewaltigen Schatz des Sultans im Gepäck, der aber niemals mit ihr ankam. Und seither als verschollen gilt. Während es Kim nur um ihre Großmutter geht, sind einige zwielichtige Gestalten, der Abenteurer Ibram Malek und der skrupellose Geschäftsmann Amin Doman, hinter dem Schatz her.
Beide Parteien haben gefährliche Verbündete und versuchen, Kim für sich zu instrumentalisieren (wobei der einzige für die Geschichte irgendwie relevante Unterschied zwischen beiden Parteien eigentlich nur der ist, dass Kim mit Malek freiwillig schläft, während ihr die anderen sexuellen Begegnungen eher aufgezwungen werden). Bald wird klar, dass eine geheimnisvolle Person namens Ebu Sarki der Schlüssel zu dem Schatz ist. Und der einzige Weg zu ihm führt über seinen geheimen Harem, in dem sich Kim nun hocharbeiten muss.
Gleichzeitig wird in Rückblenden die Geschichte ihrer Großmutter erzählt: Diese wird von ihrem Herrn auf den britischen Diplomaten Lord Nelson angesetzt. (Der politische Grund dafür, warum der Sultan diesen in der Hand haben will, wird im Verlauf der Geschichte leider zunehmend obsoleter, weil der Sultan ein Bündnis mit Deutschland eingeht, ohne von seiner mühsam erarbeiteten Trumpfkarte richtig Gebrauch zu machen). Jade macht sich aber nicht an Lord, sondern an Lady Nelson heran, in der sie das Feuer der Begierde zu wecken versteht, so dass auch diese sich schließlich freiwillig aus Liebe zu Jade in den Harem begibt.
Mit Daumenschrauben gezeichnet
Beide Frauen werden nun ein bestimmtes Ritual zu bestehen haben: Sie bekommen einen Gürtel mit 30 Glöckchen umgebunden und müssen dementsprechen viele Liebhaber befriedigen. War der Kunde zufrieden, wird ein Glöckchen entfernt, sind alle Glöckchen weg, ist der Weg in den Harem geschafft.
Das ist nun die Stelle, wo einem das Vorwort des Autors wieder in den Sinn kommt, weil man sich als Leser fragt, warum die beiden Heldinnen nun eigentlich bereit dazu sind, ein derartig demütigendes Ritual über sich ergehen zu lassen. In der Rückblende ist das irgendwie noch ganz nachvollziehbar: Man glaubt der verschüchterten, liebeshungrigen Diplomantengattin Lady Nelson die Freude an der Entdeckung ihrer Sexualität, ihre masochistische Ader sowie ihre Liebe zu Jade. Bei Kim sieht das anders aus. Da immer wieder versichert wird, dass es ihr nicht um den Schatz geht, da sie der Unterwürfigkeit offenbar auch nur wenig Reiz abgewinnt, kommt es einem doch seltsam vor, wenn eine moderne junge Frau allein aus Interesse an der Lebensgeschichte ihrer Großmutter sich immer wieder bereitwillig auszieht, sich versteigern, betatschen und beschlafen lässt.
Witzigerweise entdeckt man dann im Nachwort, dass man als Leser mit diesem komischen Gefühl nicht allein war: "Ana [die Zeichnerin] rebelliert. Die Entwicklungen gefallen ihr nicht. Zwischen Szenarist, Zeichnerin und Verlag laufen die Telefone heiß.[...] Die Gefahr besteht, dass Ana sich mit ihrem Szenaristen entzweit. Dies ist nicht mehr ihre Kim Nelson. [...] Ana ringt mit den "Daumenschrauben" die der Szenarist ihr anlegt. Ein Glück, dass mit solchen Erniedrigungen erkauft wird, ist ihr nicht erstrebenswert." Es ist schon selten, dass das unbehagliche Gefühl, dass man als Leser hatte, im Making Of von den Machern selbst noch einmal reflektiert wird.
Nachdem Dufaux aber vermutlich absichtlich und nicht aus Ungeschicklichkeit sämtliche äußeren Beweggründe der weiblichen Figuren obsolet werden lässt, kann er nur darauf hinaus wollen, dass die Frauen dem Reiz des Harems selbst, der Anziehung der dunklen Seiten der Sexualität erliegen. Diese Anziehung lebendig zu machen gelingt dem Comic durchaus nicht immer. Vielleicht ist das Problem bei Djinn, dass eine mehr oder weniger pornografische Geschichte erzählt wird, der Comic aber gleichzeitig Angst davor hat, pornografisch zu sein. Zwar gibt es massenweise nackte Frauen zu sehen, aber Beischlafszenen werden doch meistens ausgespart oder sehr verknappt und ästhetisiert. Manchmal gelingt es Ana Mirallès durchaus, Erotik zu vermitteln – manchmal aber ist Erotik für eine derartige Geschichte vielleicht zu wenig. Alan Moore hat in seinem meisterhaften Werk Lost Girls gezeigt, dass man durchaus expliziter werden kann und womöglich auch muss, um eine Geschichte über sexuelles Begehren wirklich glaubhaft vermitteln zu können.
In einer Szene beispielsweise lässt sich Jade kleopatrahaft von Sklaven über den Bosporus rudern. Am Heck des Bootes ist ein Zelt aufgebaut, in dem Lady Nelson ein anderes Haremsmädchen zu befriedigen hat. Aus dem Zelt dringen Satzfetzen wie: „Nicht das... das nicht... Oooohhh... ja... mehr... mehr... mehr....", aber der Leser sieht nicht, was vor sich geht. Nach dieser Szene gefragt, würde Dufaux sicherlich das alte Klischee bedienen, dass es manchmal stärker sei, die Dinge der Phantasie des Lesern zu überlassen, anstatt sie explizit zu zeigen. Das mag oft zutreffen, hat für mich in diesem Fall aber nicht funktioniert. Wenn man nur erzählen möchte, dass die Botschaftersgattin irgendwelche beliebigen sexuellen Erfahrungen macht, auf die man nicht näher eingehen möchte, hätte man die Szene auch komplett weglassen können. Wirklich erotisch wird es erst, wenn Lady Nelson sich danach splitternackt den Blicken sämtlicher Ruderer aussetzen muss - einfach, weil man hier als Leser wieder beteiligt ist.
Verkleinerte Freiräume
Dort wo Erotik für die Geschichte genügt, ist diese durchaus prickelnd, da der Comic aber gleichzeitig noch Abenteuergeschichte, Politthriller und Drama um menschliche Begierden sein will und am Ende auch noch magische Elemente und Halluzinationen dazukommen, hat der Plot manchmal schwer zu tragen.
Auf der einen Seite gelingen immer wieder auch eindrückliche, stimmungsvolle Momente, (etwa die Szene, in der der Sultan als Zeichen seiner Machtaufgabe seiner Volièren öffnen lässt und eine Wolke aus Tauben über dem Palast in die Luft steigt), dann wieder muss man sich mit klischeehaftem Schurkenpersonal wie dem schmierigen Fotografen, dem strammen deutschen Offizier und dem Handlanger Kemal herumschlagen, dessen einziger Charakterzug es zu sein scheint, gerne zu vergewaltigen. Ana Mirallès kann mit ihren ansprechenden Zeichnungen viel retten - sowohl was das orientalische Lokalkolorit als auch was die Darstellung der weiblichen Helden betrifft, bei denen vor allem die verführerische Jade auch in ihren zahlreichen Nacktauftritten immer ihre Souveränität bewahrt.
Das kleinere Format des Sammelbandes könnte möglicherweise ein Grund dafür sein, dass die Freiräume, die Zeichnungen und Inhalt dem Leser lassen wollen, nicht mehr ganz so großzügig bemessen sind. Die Tatsache, dass Djinn sich so gut verkauft hat und dass es diesen (mit zahlreichen Notizen des Autors und Skizzen der Zeichnerin durchaus ansprechend angereicherten) Sammelband überhaupt gibt, spricht aber dafür, dass der Zauber bei einigen Lesern funktioniert haben muss.

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