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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:56

Philippe Berthet/Tome: Die Straße nach Selma

12.05.2011

Road to Perdition

Mit Die Straße nach Selma liegt ein neuer Band der »noir«-Reihe des Verlags Schreiber&Leser vor. Dieser erzählt eine verworrene Crime-Story, die sich auf den von Rassismus geprägten Straßen des US-amerikanischen Südens abspielt. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Blitze durchzucken den nächtlichen Himmel, als irgendwo in Alabama ein Schwarzer das Opfer eines rassistisch motivierten Mordes wird. Zeitgleich und unweit des Tatorts versucht ein anderer Afroamerikaner auf einer einsamen Landstraße per Anhalter in seine Heimatstadt Selma zu gelangen. Eine junge hübsche Frau nimmt ihn schließlich mit. Sie scheint keine Vorbehalte zu haben. Im Gegenteil: Die beiden verbringen eine Liebesnacht in einem billigen Motel auf halber Strecke.

 

Aus irgendeinem Grund hat die Frau sehr viel Bargeld dabei. Und aus einem anderen Grund, vielleicht auch aus demselben, gibt es einen, der sie durch die regnerische Nacht verfolgt: ein gewisser Frank, von dem man als Leser weiß, dass er in dieser Nacht bereits ein Menschenleben auf dem Gewissen hat ...

 

Sweet home Alabama?

Ein nächtliches Telefonat später weiß man außerdem, dass der Schwarze seinem Bruder aus der Patsche helfen will. Er muss Geld besorgen, damit er eine Kaution stellen kann. Da ist es natürlich von Vorteil, dass er zufällig das dicke Geldbündel in der Handtasche der Frau erblickt, während diese schlafend im Bett liegt. Doch schläft sie wirklich? Immerhin hatte ihr der Verfolger, der von ihrem männlichen Begleiter nichts gewusst hat, während des Telefonats einen kurzen Besuch abgestattet.

 

Ein schneller Griff in die Handtasche, ein kurzer Druck auf den Abzug. Der schwarze Mann und der Weiße, beide meinen, sich ebenso schnell aus dem Staub machen zu können, wie ihre beiden Verbrechen vonstatten gingen. Was die beiden Protagonisten aber noch nicht wissen, ist, dass die Folgen ihrer niederen Motive schon sehr bald kollidieren werden. Ihre von Rassismus und Eifersucht, Habgier und Mitgefühl geprägten Handlungen entfesseln einen wahren Strudel der Gewalt.

 

Das Verbrechen, das den Anfang der Erzählung markiert, zieht aufgrund schicksalhafter Verstrickungen Komplikationen nach sich, mit denen keiner der Handlungsträger rechnen konnte – trotz aller kühlen Planung und Berechnung. Der Spannungsbogen erklimmt Seite um Seite neue Gipfel. Daneben schwingt ständig ein merkwürdig-komischer Hauch des Irrwitzigen mit. Aufgrund dieser Verflechtung entfaltet Die Straße nach Selma eine Sogwirkung, wie sie z.B. die Coen-Filme Fargo oder Blood Simple kennzeichnet. Und das mit ungeheurer Dynamik und dem Drive eines guten Road Movies.

 

Vertrackt und verworren

Beim Ersinnen ihres Krimi-Comics war es für Berthet und Tome ein vorrangiges Anliegen, den nach wie vor schwelenden Rassismus aufzuzeigen. Das verrät das dem Band angehängte Interview mit dem Zeichner- und Autorenteam. In der Tat kann man den rabenschwarzen Kriminalcomic auch als Rassismusdrama begreifen. Doch die komplexe Crime-Story würde auch ohne diese Thematik funktionieren. Der Konflikt jdoch, der sich aus den unterschiedlichen Hautfarben ergibt, ist keinesfalls beliebig und wurde auch nicht durch Schwarz/Weiß-Malerei banalisiert. Im Gegenteil: Die düstere Krimihandlung gewinnt an Energie und Glaubwürdigkeit, indem der Rassismus zum integralen Bestandteil gemacht worden ist.

 

Den Zeichnungen merkt man an, dass Berthet der Schule der »Ligne Claire« entstammt. Deren strenge Federführung wurde für Die Straße nach Selma ein wenig erweitert, was sich vor allem in den detailreichen Hintergründen zeigt, was aber auch die Gesichtszüge der Figuren kennzeichnet. Dabei dominieren – ganz der Tradition des Crime Noir verpflichtet – eindeutig dunkle Farben, um den düsteren Gesinnungen der Protagonisten zu entsprechen. Dieser Eindruck stellt sich auch in den wenigen Momenten ein, in denen Tageslicht auf die Handlung geworfen wird.

 

Indessen ist noch zu erwähnen, dass der Comic bereits 1995 in Deutschland erschienen ist – bei Carlsen, unter dem Titel Zufällige Nähe. Das einstige Albumformat wurde vom Verlag Schreiber&Leser für seine »noir«-Reihe auf eine kleinere Größe heruntermontiert. Wer unbedingt will, kann hierin vielleicht ein Manko sehen. Ansonsten ist Die Straße nach Selma eine geschickt konstruierte Kriminalstory, die keine Helden kennt und auch keinen Helden braucht. Und eine, die es auf jeden Fall verdient, gelesen zu werden.


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