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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:56

Interview zum 2. Gratiscomictag

05.05.2011

Viele neue Gesichter im Comicladen

Einmal im Jahr werden Comichefte kostenlos verteilt, seit vergangenem Jahr auch in Deutschland. Kurz vor dem zweiten Gratis Comic Tag am 14. Mai gab der Verlagsleiter für den Bereich Comics des Panini Verlags, Max Müller, ANDREAS ALT Auskunft über die Ur-Veranstaltung, den Free Comic Book Day in USA, wie auch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Comicmärkte in Amerika und Deutschland.

 

 Frage: War der Free Comic Book Day (FCBD), den es seit 2002 in USA gibt, ein Vorbild für den Gratis Comic Tag (GCT)?

 

Max Müller: Ja, das war das Vorbild. Wir haben die Idee übernommen, weil uns alle amerikanischen Comicverlage gesagt haben, dass der FCBD die wichtigste Marketing-Aktion für den amerikanischen Comic-Fachhandel darstellt, jedes Jahr an Bedeutung zunimmt und als Event nicht mehr wegzudenken ist. Gerade wurde gemeldet, dass in diesem Jahr 2,7 Millionen Comics von den US-Händlern bestellt werden – so viele wie noch nie. Deshalb haben wir überlegt: Wieso gibt es so was eigentlich nur in Amerika? Warum nicht auch in Europa? Und durch eine glückliche Fügung hat sich ergeben, dass sich vergangenes Jahr diverse deutsche Comicverlage zusammengesetzt und diese Idee verwirklicht haben.

 

Einerseits sind die Amerikaner Meister im Marketing, andererseits ist zumindest der Superhelden-Markt in USA in der Krise und braucht neue Leser. Was war eigentlich der Grund für die Einführung des FCBD?

 

Müller: Die Amerikaner haben ein grundsätzliches Problem, und zwar fehlt dort das Kiosk-System, wie wir es kennen – Hefte, die fast ausschließlich über den Kiosk verkauft werden und dadurch automatisch in die Hände von Kindern und Jugendlichen kommen. Witzigerweise werden dort an Kiosken – mit Ausnahme von ein paar Outlets – so gut wie keine Comics angeboten. In USA ist für die Gesamtverkäufe der Comicfachhandel von zentraler Bedeutung. Hauptsächlich durch die Manga spielen inzwischen Buchläden eine größere Rolle, auch dadurch, dass die großen Verlage zunehmend Graphic Novels, also dicke Comic-Bücher, herausbringen. Aber für die klassischen Hefte sind Comicläden das A und O, und wenn da die Bestellung schlecht ist, sind auch die Gesamtverkäufe schlecht. Seit Mitte der 90er Jahre schrumpft der US-Markt, und es wird daher versucht, dem Comicfachhandel zu helfen. Daher wurde der FCBD initiiert mit der Zielsetzung, dass neue Kunden in die Läden kommen und der Fachhandel so mehr Aufmerksamkeit erhält. Außerdem werden damit auch die entsprechenden Comictitel beworben.


Welche Dimension hat der US-Comic-Book-Markt im Vergleich zum deutschen und der FCBD im Vergleich zum GCT?

 

Müller: Von den bestverkauften Serien werden in USA rund 100 000 Stück pro Ausgabe abgesetzt. Das war mal deutlich mehr. Und das nimmt dann relativ schnell ab. Die Nummer 50 erreicht nur noch etwa 40 000, Nummer 100 dann 20 000 Exemplare – ganz grob. Es werden aber viel mehr Comictitel veröffentlicht als vor 20 oder 40 Jahren. Das wirkt sich dann eben auf die einzelnen Titel aus. Marvel allein bringt pro Monat 80 Titel heraus. Bei DC sind es um die 50. Beim FCBD werden rund 40 Hefte verteilt. In Deutschland haben wir in diesem Jahr 44 Comics, die am Gratis Comic Tag verteilt werden, mit zusammen 300 000 Stück Auflage.

 

Ich habe gehört, dass die Superhelden-Leser in USA überaltert sind – man bräuchte also dringend ein jüngeres Publikum. Stimmt das? Und wie sieht es bei uns aus?

 

Müller: Die Hauptzielgruppe unserer Superheldencomics ist 15 bis 25 Jahre alt. Es gibt aber trotzdem viele, die 30, 40, vielleicht schon 50 Jahre alt sind. Bei uns ist die Situation nicht so schlimm wie in Amerika. Das liegt daran, dass wir die Kioske haben und es möglich ist, auch sogenannte Kinder-Comics zu publizieren, die es in Amerika kaum mehr gibt, jedenfalls nicht in so großen Auflagen. Wir haben zum Beispiel ein Spider-Man-Magazin, mit Comics und Redaktionsseiten, das sich an Sieben- bis Zehnjährige richtet. Davon verkaufen wir jeden Monat 40 000 Exemplare. Von den Spider-Man-Comics für Ältere, wie es sie in USA gibt, verkaufen wir nur maximal 10 000 Exemplare. Ein Kindermagazin mit Extras gibt’s in Amerika nicht. Das Gleiche bei Star Wars: Wir verkaufen schon seit zehn Jahren Star-Wars-Comics und sind sehr zufrieden – Mengen zwischen 5000 und 15 000 sind die üblichen Zahlen für Erwachsenen-Comics. Seit zwei Jahren machen wir ein Star-Wars-Comicmagazin zur TV-Serie Clone Wars, davon verkaufen wir 80 000 Exemplare pro Monat. Dieses Magazin richtet sich an Kinder von acht bis elf Jahren. Das sind dann, wenn’s gut läuft, die Comicfans von morgen. Wir haben einfach ein viel besseres Vertriebs- und Verbreitungssystem. Darum beneiden uns die Amerikaner.

 

Wenn das so ist, warum gibt es dann den GCT?

 

Müller: Wie gesagt: Der Grund, warum wir das initiiert haben, war, den Comicfachhandel zu unterstützen. Wir von den Verlagen möchten, dass es dem Fachhändler besser geht, er neue Kunden bekommt. Wir machen bewusst Werbung in unseren Magazinen und sagen den Lesern: Es gibt am 14. Mai Gratis-Comics für dich. Also schau doch mal zusammen mit deinen Eltern im Internet, wo es in deiner Umgebung ein Comic-Fachgeschäft gibt. Die meisten wissen ja gar nicht, dass die richtig nette Sachen haben, auch Merchandise und anderes. Das hat letztes Jahr gut funktioniert. Der Fachhandel sagte: Das war genau, was wir gehofft haben. Wir haben ganz viele Gesichter im Laden gesehen, die wir noch nie gesehen haben, auch sehr viele Familien und junge Leute.

 

Dient der GCT auch dazu, die Akzeptanz von Comics zu fördern?

 

Müller: Extrem zweitrangig. Die Akzeptanz von Comics ist heute deutlich besser als vor 10 bis 30 Jahren. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die junge Generation von Familien schon selbst mit Star Wars und ähnlichen Themen groß geworden ist und nicht mehr die Berührungsängste hat wie ihre Eltern. Viele Vorbehalte sind nicht mehr da – Star Wars wird wirklich von Jung und Alt geliebt. Der Papa hockt mit seinem Sohn vorm Fernseher und schaut sich die TV-Serie und die Filme an oder spielt mit ihm Lego Star Wars. Man muss sich nur mal bei H&M die Kinderklamotten mit aufgedruckten Comicfiguren anschauen.

 

Wie war das in USA?

 

Müller: Ich denke, die haben dort auch lange Vorbehalte gehabt, die Akzeptanz ist nicht allgegenwärtig. Und wenn man das vergleicht mit Italien und Frankreich, wo Comics einen ganz hohen Stellenwert haben und von allen gelesen werden, ist Amerika weit hintendran, genauso Deutschland. Da gibt es kulturell einfach Unterschiede. Von den amerikanischen Kollegen höre ich immer wieder: Es ist nicht einfach, an neue Zielgruppen heranzukommen. Und wenn man sich die Zahlen der Comicverkäufe in USA anschaut, dann sind diese in der Relation nicht sehr viel besser als in Deutschland. Manche Alben in Frankreich haben Auflagen von zwei oder drei Millionen. So etwas gibt es in den USA nicht.

 

Ähnlich auch Japan.

 

Müller: Auch in Japan ist die Akzeptanz deutlich höher. Manche Manga haben Startauflagen von mehreren Millionen. Das sind richtige Massenphänomene.


Gibt es sonst auffällige Unterschiede zwischen dem FCBD und dem GCT?

 

Müller: Beim FCBD ist jeder teilnehmende Verlag seines Glückes Schmied. Er druckt die Auflage selbst und macht den Preis für den Handel selbst. Marvel Comics kosten den Händler damit weniger als Comics von kleineren Verlagen, weil diese mit weniger Bestellmenge rechnen müssen. Hier haben also die großen Verlage von vornehereinem Vorteile. In Deutschland haben alle Verlage an einem Strang gezogen, das heißt, wir drucken zusammen, die Hefte werden zusammen über einen unabhängigen Vertrieb ausgeliefert, und alle Comics kosten den Händler gleich viel, egal, ob es ein bekannter Titel ist oder ein unbekannter, egal, wie groß die Druckauflage ist. Der GCT ist im Hinblick auf die kleineren Verlage besser organisiert als in den USA, weil die kleinen Verlage ihre Comics zu den gleichen Bedingungen anbieten können wie die Großverlage. Er soll für alle offen sein. In den Verhandlungen waren die Verlage unisono dafür, das solidarisch anzugehen. Die Hürden waren sehr niedrig, und entsprechend sind jetzt auch 28 Verlage, quasi alle Verlage, die es in Deutschland gibt, dabei.

 

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