Eastern Promises
Was man dem Comic dafür nicht vorwerfen kann, ist ein Mangel an Phantasie. Man hat es bei den sehr atmosphärischen Bildern des Debütanten Yann Tisseron zwar nicht immer leicht, den Überblick über die handelnden Figuren zu behalten, dafür aber gelingt es ihm, aus dem Shanghai der vorherigen Jahrhundertwende einen magischen und phantastischen Ort zu machen, eine Art asiatisches Steampunk-Babylon.
Tisseron spielt gekonnt mit dem sehr entschlossenen Einsatz von Farben, wobei er den jeweils dominanten Farbton von Szene zu Szene wechselt. Er erleuchtet die Düsternis des Szenarios mit zahlreichen Lichtquellen, die aber immer hinter Türen, hinter Wolken, hinter Fenstern oder in Papierlampions eingesperrt sind und die Dunkelheit dadurch eher betonen als durchbrechen. Er lässt es gerne regnen oder erfüllt die Luft mit wild umherfliegendem Herbstlaub (dessen dazugehörende Bäume dafür zu fehlen scheinen). Er weiß mit den Elementen chinesischer Architektur und Folklore umzugehen und schafft mit all diesen Elementen tatsächlich eine Atmosphäre, die an Blade Runner erinnert.
Allerdings versäumen es sowohl Zeichnungen als auch Szenario, den Leser darauf vorzubereiten, dass die Geschichte nicht nur in einem stilistisch überhöhten, sondern auch in einem Paralleluniversum spielt. Ziemlich spät im Album finden phantastische und retro-futuristische Elemente Eingang, die zwar schon angedeutet wurden, aber ein wenig zu dezent, um wirklich zu greifen. Das mag Absicht gewesen sein, dennoch irritiert es einen etwas, dass die Geschichte in dem Moment, wo man sich ein wenig zurecht gefunden hat, neue Kapriolen schlägt.
Am Ende hat man also eine Ahnung, wo es wohl hingehen wird, wie die zahlreichen eingeführten Figuren und Elemente zu einer Geschichte zusammenfinden werden, die wirklich spannend werden könnte, aber das bleibt zunächst ein uneingelöstes Versprechen. Man kann also nur hoffen, dass Shanghai in den Folgebänden an Fahrt gewinnt.
