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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:57

Mezzo / Pirus: Der König der Fliegen Band 2: Der Ursprung der Welt

09.06.2011

Gestorben wird immer

Vom ersten Band von Der König der Fliegen war BORIS KUNZ hellauf begeistert. Beim zweiten Band hat diese Begeisterung ein wenig nachgelassen.

 

Die Erwartungen waren natürlich hoch. Im ersten Band hatten Mezzo und Pirus eine faszinierende Welt kreiert, die man in Comics selten so gefunden hat: Eine Kombination aus nüchternem Voice Over und stilistisch ausgeklügelten Zeichnungen machte das triste Dasein und die eigentümlichen Grausamkeiten von Figuren erträglich, die an ihrem Leben entlangschrammen, anstatt es auszufüllen. Die einzelnen Kapitel ließen sich lesen wie Kurzgeschichten, innerhalb derer die Figuren sich zwar auch weiterentwickelten, die aber noch keinen wirklichen Plot erkennen ließen, der einem verraten konnte, wo es im zweiten Teil wohl hingeht.

 

Es geht auch erst einmal im Prinzip so weiter. Die Figuren aus dem ersten Band bleiben im Spiel; ein paar neue Gestalten werden in den Reigen eingeführt. Der Teenager Éric wird immer deutlicher zur Hauptfigur; die langsame Spirale der Verzweiflung, in die ihn sein zerfasertes Leben führt, tritt als dünner roter Faden des Albums in Erscheinung.

 

Gespensterreigen in Neongrün

Es tut sich aber auch eine neue Ebene auf, mit der man als Leser erst einmal nicht gerechnet hat. Damien, der Typ im Skelettkostüm, der auf den ersten Seiten von Band 1 das tragische Opfer eines dummen Unfalls wurde, meldet sich wieder zu Wort – aus dem Jenseits. Und da er – so viel sei verraten – nicht der Einzige sein wird, der im Verlauf der Geschichten sein Leben lassen muss, spuken nun also auch ein paar Gespenster durch den Comic. Während die Farbe Rot weiterhin für die Phantasien der Erzählerfiguren steht, wird den Gespenstern ein zu Damiens Kostümierung passendes Neongrün zugeordnet.

 

Zunächst einmal fühlt sich dieser neue Erzählstrang ganz organisch ein, schließlich erlaubt er uns auch, die Ereignisse vom Beginn des ersten Bandes noch einmal mit anderen Augen zu sehen. Nach und nach stellt sich aber etwas Verwirrung ein: Für einige sind die Toten unsichtbar, andere können ganz selbstverständlich mit ihnen kommunizieren; einerseits haben sie eine eigene Gedanken- und Gefühlswelt und agieren untereinander, andererseits scheinen sie sich aufzulösen, wenn sie in den Gedanken der Hinterbliebenen keinen Platz mehr finden.

 

Man weiß also nicht so genau, ob man die Toten nun als Hirngespinste der Lebenden oder als ruhelose, gemarterte Seelen verstehen soll. Man kann natürlich sagen, dass es darauf in so einer Geschichte nicht ankommt (so wenig, wie es letztlich für die Figuren einen Unterschied macht, ob sie tot oder lebendig sind), doch dafür war der Comic zu Anfang doch noch sehr konsequent in seiner Trennung von Realität und Phantasie.

 

2011- A Suburban Space Odyssey

Ein wenig hat man das Gefühl, als würden (passend zum Titel) in Der Ursprung der Welt ein paar Fässer aufgemacht, die fast eine Nummer zu groß sind. Geburt und Tod: Die einen sterben, die anderen werden schwanger. Die Grenzen zwischen Leben und Tod und Phantasie weichen sich auf. Als die Gespenster dann auch noch anfangen, auf dem Mars herumzuhängen, weil es dort angeblich so schön sein soll, lässt nicht nur Allan Moores Dr. Manhattan grüßen, sondern auch Stanley Kubricks bekannter SF-Klassiker. Und auch die reale Handlung driftet stellenweise in merkwürdige, gewalttätige Thrillerpassagen ab, die an die Filme der Coen-Brüder erinnern und sich in der Welt des Köngis der Fliegen ein wenig fremd anfühlen.

 

Die neue Figur David bricht auch noch mit einer anderen »Tradition« aus dem ersten Band. Er ist der erste, dessen Erzähltext sich stilistisch durch eine etwas überkandidelte Ausdrucksweise von dem der anderen Figuren abhebt – was einen aber nur wieder daran erinnert, dass sonst alle Personen ungeachtet ihres Charakters dieselbe Sprache gesprochen haben.

 

Wie das Leben von Éric fällt die stilistische Geschlossenheit von Der König der Fliegen im zweiten Teil etwas auseinander. Nun weiß man ja aber noch nicht, wo die beiden Künstler mit ihrer Trilogie hinwollen. Da Zeichnungen und Text auf gewohnt hohem Niveau bleiben, wird sich jeder, der im ersten Teil Blut geleckt hat, auch den zweiten Band anschaffen wollen, und das sei auch empfohlen. Vermutlich wird sich seine Bedeutung aber erst im Kontext der kompletten Trilogie endgültig erschließen. Schade, dass man auf den Abschlussband wohl bis 2013 wird warten müssen.

 

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