Kennzeichen T - 25.05.2012 Frankie Chavez: Family Tree von Michael Ebmeyer David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 19:59

Andreas Dierßen: Die besten Zeiten

10.11.2011

Zum Tagverbummeln

Andreas Dierßen ist ein ziemlich guter deutscher Comic-Zeichner und lässt in seiner neuen Graphic Novel eine Truppe skurriler Gestalten aufeinandertreffen. BORIS KUNZ hat mit ihnen seinen Nachmittag verbracht.

 

Geschlagene fünf Comic-Seiten dauert es, bis der namenlose Antiheld der Geschichte sich aus seinem Bett hat klingeln lassen. Vor der Tür steht ein weiterer namenloser Antiheld, der für den ersten eine »Überraschung« parat hat. Was das für eine Überraschung ist, erfährt man erst einmal lange Zeit nicht - nur dass sie Anlass genug bietet für einen Streifzug der beiden Kumpel durch eine namenlose deutsche Kleinstadt, in der sich allerhand schräge Vögel und auch erstaunlich viele Gauner herumtreiben. Bei einigen von diesen Figuren verweilt der Comic eine Weile, bei manchen auch lange genug, um sie in den Status weiterer Protagonisten zu erheben, eher er wieder zu den beiden vom Anfang zurückkehrt, deren Abenteuer exemplarisch für den ganzen Comic ist: Etwas ziellos stolpern sie von einer Episode in die nächste ...

 

So wird der Figurenreigen nach und nach erweitert um ein Rentnerpärchen, das auf seine alten Tage noch versucht, eine Verbrecherkarriere zu starten, einen verzweifelten stadtfremden Geschäftsmann, dessen Suche nach der richtigen U-Bahn Linie in einer Pechsträhne mündet, und schließlich sogar um eine Fee - eine richtige Fee mit Zauberkräften. Die hat allerdings, wie alle Figuren der Geschichte, ihre besten Zeiten offensichtlich hinter sich: In der Gestalt eines alten Mannes wohnt sie im obersten Stockwerk eines Plattenbaus und scheitert bei ihrer Mission, den Menschen die Wünsche zu erfüllen, meistens daran, dass keiner ihr mehr glaubt. Bis sie schließlich an einen Kleinganoven gerät, der sich seine vertane Chance auf einen Wunsch zurückergaunern möchte und sich auf ein Ping-Pong Spiel mit der Fee einlässt - mit fatalen Konsequenzen ...

 

Protagonisten mit Verweigerungshaltung

Schlägt man zum Vergleich ein paar Seiten seines vor über 10 Jahren ebenfalls bei Carlsen erschienen Detektivcomics Kunz auf, entdeckt man, dass Autor und Zeichner Andreas Dierßen, der damals hohe Qualität abgeliefert hat, sich in vielen Dingen treu geblieben ist: Seine stimmungsvollen, in Grautönen gestalteten Zeichnungen passen gut zu seinen immer etwas melancholischen, abgeklärten Geschichten die ganz eindeutig in einem deutschen Setting spielen, das man als Leser wiederkennen kann.

 

Die Qualität der Zeichnungen hat sich noch ein weing verfeinert, nur die Story ist leider etwas durchwachsen. Während die Nebenstänge, die fast allesamt am Ende eine eher ungute Wendung nehmen, phantasievoll, pointiert und mit einer gewissen Schadenfreude erzählt sind, bleibt der Hauptstrang leider tatsächlich ein wenig »farblos« - die zwei namenlosen Antihelden, mit denen die Geschichte ihren etwas schleppenden Anfang nahm, gewinnen bis zum Ende nicht wirklich an Profil, während sie mehr oder weniger lutlos auf ihr vages Ziel zusteuern.

 

Es scheint, als hätte Dierßen an den etwas bösartigeren Figuren, denen dann vom Schicksal auch ordentlich eingeschenkt wird, mehr Spaß und Interesse gehabt, als an den »Hauptfiguren«, die bei ihrer Aufgabe, den Leser durch die Geschichte zu leiten, eine gewisse Verweigerungshaltung an den Tag legen. Auch die Entscheidungen, welche der Erzählfäden am Ende geschickt miteinander verknpüft und welche einfach lose hängen gelassen werden, wirken etwas willkürlich. Ein wenig erschwerend kommt dann noch hinzu, dass Dierßen zwar sehr lebensnahe Figuren zeichnet, aber irgendwie ein großes Fabel für alternde Männer mit rundlichen Köpfen, Halbglatze und Hakennasen zu haben scheint, die in seinem Werk so gehäuft auftreten, dass man manchmal zurückblättern muss, um zu klären, ob dieser oder jener nun schon einmal aufgetaucht ist, und an welcher Stelle.

 

Die besten Zeiten ist ein optisch ansprechender, unaufgeregter, an manchen Stellen vielleicht etwas zu ausführlich erzählter Comic, dessen zahlreiche gute Einfälle und schön beobachtete Situationen von keiner wirklich starken erzählerischen Prämisse zusammengehalten werden und der daher trotz einiger Highlights tatsächlich wie ein verbummelter Nachmittag dahinplätschert. Für einen solchen Nachmittag sollte man ihn sich vielleicht auch aufheben.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Hoden los!

Die Gleichberechtigung hat in diesen Tagen herbe Rückschläge erlitten. Während in akademischen Kreisen das Thema »Gender« höchstens noch für Proseminare ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Kind sein, der moderne Vollzeitjob

Nur das Beste für das Kind, wer wünscht sich das nicht? Vorhalten soll das Beste auch, vorzugsweise ein Leben lang. Dafür müssen Grundlagen gelegt, das Kind rundum ...

Schweizer Käse!

Fromage suisse!

Swiss Cheese!

Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...