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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:01

Eddy Paape / Greg: Luc Orient Gesamtausgabe Band 1

08.09.2011

Über Charme lässt sich streiten

Durchaus begrüßenswert findet BORIS KUNZ die Tatsache, dass die in Frankreich sehr populären, aufwändigen Gesamtausgaben von Comic-Klassikern auch in Deutschland Einzug halten. Beim ersten Band der Luc Orient Gesamtausgabe kann man sich aber fragen, ob jeder Klassiker auch gut gealtert ist.

 

In dem modernen Forschungslabor Eurokristall arbeitet das wissenschaftliche Universalgenie Doktor Kala, unterstützt von der hübschen Lora und dem Draufgänger Luc Orient.  Wie das damals noch üblich war, hat er außerdem einen bösartigen Erzfeind, Doktor Argos, ebenfalls wissenschaftliches Genie, aber sonst von Grund auf schlecht.

 

Als Dr. Kala ein geheimnisvolles Paket aus dem Mittleren Osten erreicht, ahnt er gleich, dass die Steine, die es enthält, von einem fremden Planeten stammen könnten. Er macht sich auf den Weg in das verbotene Tal, aus dem die Steine kommen - gefolgt von Dr. Argos, der (ebenfalls ganz richtig) annimmt, dass sich dort sicherlich Artefakte finden werden, mit denen man bösartige Dinge anstellen kann.

 

Der Trupp stößt wahrhaftig auf UFOs, die vor Jahrhunderten gelandet sind, und muss sich nicht nur mit Dr. Argos, sondern auch mit mutierten Wildkatzen, gefährlichen Stromschnellen, tumben Steinzeitmenschen und Außerirdischen herumschlagen. Und nachdem die Situation im Dschungel entschärft ist, geht das Abenteuer erst richtig los, denn bald gilt es, gemeinsam mit den neuen extraterrestrischen Freunden auf deren Planeten Terrango aufzubrechen, dessen zahlreiche Völker von dem bösartigen Diktator Sectan unterdrückt werden. Und dessen Eroberungspläne erstrecken sich bereits auf die gute, alte Erde...

 

Mief unter den Raumanzügen

Man muss keinen Hehl daraus machen, dass Luc Orient zunächst nichts anderes ist, als eine späte europäische Nachahmung von Flash Gordon, allerdings aus einer Zeit (der erste Band erschien 1967) als man sich die Naivität etwa von E.P. Jacobs Die U-Strahlen oder dem britischen Raumpiloten Dan Dare nicht mehr so ganz erlauben konnte.

 

Der Szenarist war also angehalten, die Existenz der auftauchenden Untiere wissenschaftlich zu "erklären" oder den Besuchern von einem fremden Planeten  einen etwas anderen Stoffwechsel anzudichten. Dies sind dann auch die Passagen, in denen immer wieder originelle Ideen aufblitzen, die den Comic wie eine Zwischenstufe erscheinen lassen zwischen jener naiven SF, die einfach nur Kolportage war, und jener, die sich tatsächlich um eine Zukunftsvision bemüht (wie wenige Jahre später z.B. Valerian und Veronique).

 

Auf narrativer Ebene hat Greg allerdings zumindest in den ersten Bänden wenig Innovation zu bieten. Das Figurenpersonal ist so klassisch und eindimensional, dass es heute nur noch als Parodie durchgehen würde. Luc Orient ist angeblich ein Physiker, scheint jedoch allein für physische Herausforderungen zuständig zu sein: für Faustkämpfe, Schießereien und Verfolgungsjagden. Ansonsten gehört es zu seinen Aufgaben, gut auszusehen und leicht naiv zu sein, damit der geniale Doktor Kala einen Ansprechpartner hat, der seine Intelligenz herausstreicht.

 

Kala ist zwar genial genug, die Funktionsweise außerirdischer Technologie im Handumdrehen richtig zu erraten, dennoch ist unbändiger Forschergeist ihm weniger wichtig als moralische Integrität. Lora, die Frau im Bunde, hat lange Zeit weder Persönlichkeit noch narrative Funktion - außer ab und an in Gefahr zu geraten. Sie ist einfach nur da, damit eine hübsche Frau dabei ist, auch wenn weder Szenarist noch Zeichner wirklich viel mit ihr anfangen können. Mehr Bedeutung hat da noch Toba, der treue, turbantragende Orientale, der perfekte Diener, der immer zur Stelle ist und jeden Befehl ausführt.

 

Auf der anderen Seite der Gegenspieler Dr. Argos, der nicht nur böse ist, sondern mit spitzem Glatzkopf und schwarzem Cape (!) auch so aussieht. Hinzu kommen einfältige Eingeborene, sanfte Außerirdische und böse Diktatoren. Als moderner Leser kommt man bei aller Liebe nicht umhin zu bemerken, dass einem da doch ein gestandenes Maß an 50er-Jahre Mief entgegenweht.

 

Was macht einen Klassiker aus?

Was aus heutiger Sicht etwas belächelnswert erscheint, kann natürlich auch einen gewissen nostalgischen Charme haben, ohne den man heute ja auch Flash Gordon nicht mehr lesen kann. Doch es braucht mehr als diesen Charme, um ein Klassiker zu werden. Trotz seines relativ späten Entstehungsdatums und dem großen Namen des Szenaristen, dauert es lange, bis Luc Orient ein eigenes Profil entwickelt und nicht mehr nur über den Nostalgiebonus funktioniert. 

 

Ein gutes Beispiel dafür sind auch die Zeichnungen, die zwar keineswegs schlecht sind, sich aber über weite Strecken mit einer merkwürdigen Beliebigkeit und Konzeptlosigkeit zufrieden geben, was die Ausgestaltung der fremden Zivilisation, Flora und Fauna angeht.  "So lange es nur irgendwie verfremdet aussieht, wird es schon passen" scheint sich Eddy Paape da lange Zeit gedacht zu haben.

 

Erst als die Reise zum Planeten Terrango beginnt, und die Geschichte nach und nach einen längeren Atem zeigt, als die verschiedenen Völker Terrangos etabliert werden und die Nutzlosigkeit des weiblichen Personals mit einem Mal tatsächlich thematisiert wird, erahnt man dann doch, dass die Serie beginnt, eigene Wege zu gehen und eine Welt zu entwickeln, die nicht mehr nur aus Versatzstücken besteht.

 

Ein Aufwärtstrend ist also zu verzeichnen. Und grundsätzlich ist so eine edle Gesamtausgabe (4 Originalalben pro Band) mit solidem Hardcover und ordentlichem Informationsteil auch immer zu loben.  Aber auch das ändert vermutlich nichts daran, dass man mit der Gesamtausgabe von Luc Orient nur als Nostalgiker und Liebhaber von "Retro-SF" etwas wird anfangen können.

 

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