Herzchen und Kotzstrahlen
Auch Zeichenstil und Farbgebung von Rob Guillorysind extrem expressiv und überzeichnet. Münder werden bis zum Gaumenzäpfchen aufgesperrt und es kommt durchaus vor, dass der Protagonist Tony Chu innerhalb von vier aufeinanderfolgenden Panels Gesichtsausdrücke aus unterschiedlichen Extremen des Gefühlspektrums zur Schau stellt. Besonders die großen und kleinen Ekligkeiten werden hervorragend visualisiert, was die zahlreichen Seitenhiebe auf die Nahrungsmittelindustrie bestens zur Geltung bringt.
Wenn Blut spritzt, dann spritzt es richtig. Wenn Tony Chu sich frisch verliebt, dann steigen Herzchen über seinem Kopf auf, auch wenn er gleichzeitig von einem Schwall Erbrochenem mit biblischen Ausmaßen getroffen wird. Guillory erweckt mit seinem Stil die abgefahrene Geschichte glaubhaft zum Leben und jongliert gekonnt mit den Möglichkeiten und den Beschränkungen des Mediums. Die Sechs-Panels-pro-Seite-Standardkost wird in Chew bestenfalls als Lückenfüller serviert. Guillory und Layman vollbringen mit der Graphic Novel, ähnlich wie die Macher von Umbrella Academy, einen gekonnten Drahtseilakt zwischen Struktur und Verspieltheit, der jeden Augenblick an seinem halsbrecherischen Tempo zu scheitern droht, aber doch immer wieder sicheren Halt findet.
Chew – Bulle mit Biss ist eine großartige Graphic Novel, die sich die zahlreichen Auszeichnungen, wie den Eisner und den Harvey Award, redlich verdient hat. Die wilde Mischung macht Lust auf mehr. Trotz oder gerade wegen der ganzseitigen Panele, auf denen Herzchen und Erbrochenes gleichberechtigt nebeneinanderstehen.