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Donnerstag, 02. September 2010 | 20:37

Zu Neuer Wort Schatz II (20): Clemens Kuhnert

08.02.2010

Ladenhüter

Clemens Kuhnert

stammtisch neukölln

 

Vorgestellt von Daniel Ketteler

 

 

stammtisch neukölln

 

meine brüder, erbschaftslose heimlichtrinker

sind versorgt. aber welche wohlstandsdamen

werden ladenhüter trauen? – meinen antrag

 

nahm das amt an, kein altar, doch bargeld

gegen formulare, keine ehe, eher ringkampf:

künstlerpech. nachträglich wird ein pflegeheim

 

mir sterbehilfe leisten, grund sich gleich mit klaren

kalt zu machen: diese runde zahl ich. trinkt,

meine brüder, wer wird ladenhütern trauen?

 

 

Endlich mal keine Cover, auf denen nackte Frauenrücken in mattem Morgenlicht posen, keine feuchten Unterhosen, nein, es gibt sie noch, eine Dichtung aus den guten alten Ingredienzen Melancholie, Männerfreundschaft, einer Prise Anarchie und Restalkohol.

 

Clemens Kuhnert hat sich mit „tina“, der „teilzeitstewardess“, tief ins Whiskyglas vorgekämpft. Im „Freien Neukölln“ gehen fast die Lichter aus, da hebt der Meister an. Gegenüber schaufelt Stardöner noch müde im Salat: „der duft nach döner und nach warmem staub / weicht fischgerüchen aus den Hofeinfahrten, / durch gitterroste atmen schächte aus, als ob kanäle aufs gewitter warten.“

 

Großartig! Stimmungsbilder, Polaroids aus einem Neuköllner Künstleralltag, völlig unromantisch, keine reichen Studentenpapis warten hier im Hinterhof, man ist mit dem Amt verheiratet, „nahm das amt an, kein altar, doch bargeld / gegen formulare, keine ehe, eher ringkampf: / künstlerpech. nachträglich wird ein pflegeheim // mir sterbehilfe leisten, grund sich gleich mit klaren / kalt zu machen: diese runde zahl ich. trinkt, / meine brüder, wer wird ladenhütern trauen?“ Alliterationen, hart wie Stahlbeton, kaltes, klares Wasser.

 

Doppeldeutigkeiten zwischen Wohlstandsphantasien („welche wohlstandsdamen / werden ladenhüter trauen?“), Ambivalenz zwischen bürgerlicher Partizipation und trotziger Resignation. Besser die Stellung halten, lieber „ladenhüter“ als korrumpiertes Andienen. Also Verzicht aufs besagte Nacktcover. Statt dessen: eine halbnackte, rauchende Alte im Stil Bukowskis (zusammen mit den tollen Illustrationen von Thomasz Bohajedyn). Es ist durchaus eine gewisse Melancholie, die sich beim Lesen breit macht, ein unaufdringliches Pathos. Das Leben, es ist halt „keine ehe, eher ringkampf: künstlerpech.“ Ein Glück jedenfalls, an diesem Stammtisch Platz zu nehmen.

 

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