Sekt, Steinpilze und Stockfisch
Genuss ist eines der Hauptthemen dieses Romans. Es wird exquisit gegessen (Feldsalat mit Steinpilzen, Stockfisch mit gegrilltem Gemüse), viel getrunken (Sekt, Sekt und nochmals Sekt – sowie Ergenzinger Ochsenbräu) zwischendrin geschwommen und gelesen, spaziert und flaniert. Allzu bemüht und perfekt wird hier inszeniert, installiert, arrangiert. Manche beiläufigen Handgriffe geraten allerdings zu Nichtigkeiten in ihrer bloßen Aneinanderreihung: »Sie zieht ihre helle Jacke aus und geht kurz ins Bad, sie schaut in den Spiegel und kippt dann das Fenster, sie wäscht sich die Hände, geht zurück in den Schlafraum, sucht in ihrer Tasche nach einer Bürste und fährt sich damit mehrmals durchs Haar«.
Es ist kaum zu übersehen: nach über zwei Dutzend veröffentlichten Romane tritt ein gewisser Grad der Erschöpfung ein. Ortheil, der dieser Tage seinen 60.Geburtstag feiert, hat seine Standardthemen ausgereizt und zur Genüge durchdekliniert. Mit Liebesnähe komplettiert er seine Trilogie über die Geheimnisse der Liebe, über Verständigung und den Wunsch nach Nähe. Kenner seines Oeuvres werden auch unschwer Bezüge zu den Romanen Erfindung des Lebens und Die Moselreise erkennen, in denen der Schriftsteller seine eigene Sprachlosigkeit als stummes Kind thematisiert und die Bedeutsamkeit von schriftlichen Aufzeichnungen, Notizen, Protokollen beschwört. Trotz der Vertrautheit mit den Ortheil'schen Motiven, fragen wir uns sehnsüchtig: Wann können wir wieder auf Überraschungen hoffen?
