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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:07

Josef Bierbichler: Mittelreich

19.12.2011

Verfluchtes Erbe

Zehn Jahre nach seiner Essay-Sammlung Verfluchtes Fleisch überzeugt Josef Bierbichler, vor allem bekannt als Theater- und Filmschauspieler, erstmals auch mit einem Roman: Mittelreich. Von TOM ASAM.

 

Mittelreich beginnt Mitte der 80er Jahre, als sich der Kalte Krieg zu erwärmen beginnt, um danach ins Jahr 1914 zu schwenken. Vor der Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg an ist Josef Bierbichlers Debütroman Mittelreich eine chronologische Reise durch das Jahrhundert der großen Katastrophen. Das im Zentrum der Handlung stehende Dorf an einem oberbayerischen See bleibt in den beiden Weltkriegen von direkten Zerstörungen verschont, mittelbar sind die Auswirkungen jedoch vielfach zu spüren. Der älteste Sohn der Dorfwirtsfamilie, die der Leser über mehrere Generationen kennenlernt, kommt schwer verletzt von der Front des Ersten Weltkriegs zurück, was zur Folge hat, dass der jüngere Bruder das Erbe widerwillig antritt. Sein Lebenstraum Künstler zu werden ist damit passé. Spätestens nach einer Naturkatastrophe geht es darum, für das Fortbestehen der Familie und die pure wirtschaftliche Existenz zu kämpfen.

 

Bierbichler beschreibt die Veränderung Ambachs am Starnberger See (auch wenn der Name seines Heimatortes an keiner Stelle fällt) vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg besonders anschaulich und eindrucksvoll. Flüchtlinge und Großstädter verändern die Dorfgemeinschaft, moderne Maschinen deren Alltag. Vom nicht vorhandenen Sexualleben eines völlig verwirrten Hermaphroditen bis zum Missbrauch des Wirtssohns im Klosterinternat reichen die unbequemen Schilderungen zwischenmenschlichen Ödlands. Im Kontrast dazu steht die sexuelle Freiheit, die später die Hippies auf den Seegrundstücken der Anwohner ausleben, was ebenso wenig auf Akzeptanz stößt, wie die Zwangseignungen jener Grundstücke, die zur Schaffung eines Erholungsgeländes für die Städter erfolgen.

 

Zwänge des Alltags

Bierbichler, vor allem als ausdrucksstarker Theaterdarsteller und Filmschauspieler (u.a. Winterreise, Winterschläfer) bekannt, findet auch in seinem Debütroman seine ganz eigene Ausdrucksweise. Zwischen Naturbeschreibungen und surrealen Momenten spürt man die Ängste der Menschen, die komplexe Psychologie des Zusammenlebens, die Zwänge des Alltags. Dabei verleiht er den Großkopferten und Bürgerlichen ebenso glaubwürdig eine Stimme, wie den Knechten und Flüchtlingen, den am Rande der Gesellschaft stehenden.

 

Bierbichler, der sich öffentlich darüber wundert, wie viel Geld man beim Film für ein paar auswendig gelernte Sätze bekommt, beweist auch als Schriftsteller, dass man neben Talent vor allem zwei Dinge braucht, um den normalen Wahnsinn des Alltags glaubhaft darzustellen. Man muss über eine gute Beobachtungsgabe verfügen und darf auch in Zeiten des Erfolges nicht beginnen, sich der Welt zu entziehen. Man muss dazu vielleicht nicht zwingend sein eigenes Holz hacken und statt zu Duschen in den See zu springen. Bierbichler tut dies – nicht um irgendetwas zu beweisen, sondern weil er Lust darauf hat. Deshalb hat er auch diesen Roman geschrieben. Und gerade deshalb bewiesen: Er kann auch das. Lesenswert!

 

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