Bier, Medikamente, Hitze
Entsprechend günstig für den Verlauf des Buches ist, dass Glavinic selbst von Anfang an geschwächt ist. Er steigt nämlich schon krank in den Bus. Hat mit sich selbst zu tun. Führt eine Ladung Medikamente mit sich, auf die er immer haltloser zugreift.
Nach knapp mehr als hundert Seiten trägt die von verrücktem Glauben geprägte Umgebung, tragen die Figuren aus dem Bus, Glavinic und Ingo selbst auch nicht mehr.
Glavinic‘ Vater Franjo holt die beiden mit einem Mercedes in Medjugorje ab, hat seine Frau Dita und Glavinic‘ Halbgeschwister Denis und Nina im Schlepptau. Allerdings helfen diese zusätzlichen Personen der Geschichte nicht wieder auf die Beine. Das ist natürlich kein wirkliches Wunder – trotz Medjugorje und seiner Gottesmutter –, denn Glavinic ist mittlerweile so krank, wirft sich obendrein alle paar Seiten die verschiedensten Medikamente ein, dass er selbstverständlich nicht mehr viel mitbekommen haben kann vom Geschehen um ihn herum. Da er aber der Autor ist, ist das nicht wirklich günstig!
Die Fahrt von Medjugorje nach Split ist arm an Highlights. Raststätten. Bier. Medikamente. Hitze. »Ich stecke den iPod weg und lese noch einmal Pater Slavkos Gebet an die Königin des Friedens, dann schicke ich es meinem Vater in die Hosentasche. ›Was ist das?‹, kreischt mein Vater. ›Was war das? War das Scheiße?‹ […] ›War das Klopapier? Was hast du gemacht?‹ Mein Vater windet sich auf seinem Sitz, der Wagen gerät ins Schlingern.«
Was soll das? Wie verrückt ist dieser Vater? Fährt der wirklich so besoffen mit dem Auto? Denn: Wie kommt man darauf, dass einem jemand Scheiße in die Hosentasche steckt? Glavinic kann man keinen Vorwurf machen, der ist zu diesem Zeitpunkt sowieso schon völlig hinüber, obendrein flennt der nervige Ingo die ganze Zeit herum, dass er nach Hause will. Bald landen sie bei Franjos Freunden, den Mafiatypen Ivica und Zvonko und wie sie alle heißen, feiern ein Gelage, ballern im Garten herum und reden Blödsinn.
Man liest sich durch das hindurch, aber eigentlich nur deshalb, weil man zum Schluss schwarz auf weiß bestätigt haben will, dass der bemitleidenswerte Glavinic, für den man große Sympathie entwickelt hat, den ganzen Wahnsinn überlebt.
Dass man da nicht mehr alles für bare Münze nehmen muss, ist klar. Denn natürlich kann keiner auf allen Vieren und auch nur annähernd so gezeichnet, wie Glavinic sich selbst beschreibt, durch die Halle eines Flughafens auf die Kontrolle zu kriechen. Heutzutage wird man schon für viel weniger auffälliges Verhalten hopsgenommen. Und in Ländern wie Kroatien schon überhaupt. Aber dass da einiges nicht mehr passt, ist einem in dieser Phase des Lesens komplett egal. Und am Schluss ist man einfach froh darüber, dass der Autor diesen Trip überstanden hat.