Alles befindet sich im Umbruch – nicht nur das Leben der Hauptfiguren, sondern eben auch die Gesellschaft. Überall wartet das Nichtvorhersagbare, und das blutgetränkte Muskelspiel zwischen Hitler, Mussolini und Franco auf der einen und Stalin auf der anderen Seite droht Spanien zu zermalmen.
»Während die Vertreter der Republik als überholt galten, mit ihren steifen Krägen und dem Frack, war es cool, totalitär zu sein«, beschreibt Muñoz Molina die politisch-emotionale Gemengelage und lässt auch historische Persönlichkeiten wie Federico Garcia Lorca, Rafael Alberti oder den republikanischen Politiker Juan Negrín in der Handlung auftreten.
Antonio Muñoz Molina erzählt mit großer Leidenschaft über die Zeit der brachialen politischen Umwälzungen in Spanien, über die Zerrissenheit vieler Familien, über unsägliches Leid, aber auch über Liebe, Verrat und handfeste Schuldgefühle. Der Autor bediente sich dabei eines nicht ungeschickten Kunstgriffs. Er begann seinen Erzählstrom mit einem Rückblick. Abel befindet sich im Oktober 1936 auf einer Zugfahrt von New York nach Rhineberg, und vor seinem Auge laufen etliche Lebensstationen wie ein Film ab. Die Hauptfigur hat sich offenkundig mitschuldig gemacht, zumindest meldet sich nach dem Tod seines falangistischen Schwagers Viktor und seines ehemaligen Lehrmeisters, des jüdischen Professors Karl Rossmann ganz vehement sein Gewissen.
Trotz üppiger Ausschweifungen ist Antonio Muñoz Molina mit Die Nacht der Erinnerungen ein großes, lebendiges und äußerst facettenreiches historisches Panorama von balzacschem Zuschnitt gelungen.