Pension Glückauf
Michael Kumpfmüller hat das schier Unmögliche gewagt – und gewonnen. Behutsam, einfühlsam, fantasievoll zeichnet er ein neues Kafka-Bild, federleicht, immer am Rande des Abgrunds balancierend und dennoch zuversichtlich. Als promovierter Germanist und Historiker kennt er die Quellen der Kafka-Forschung in- und auswendig; doch nie protzt er in seinem Roman über das Wissen, die Ahnung, den Hintergrund. Nicht mal den Namen »Kafka« lässt er fallen.
Besinnen wir uns: Im Sommer 1923 reist der vorzeitig verrentete, tuberkulosekranke, gerade mal 40 Jahre alte Jurist und Schriftsteller Franz Kafka mit seinen Schwestern Valli und Elli zur Sommerfrische in das Ostseebad Graal-Müritz. Obwohl vom nordischen Reizklima eher abgeraten wird, ist die Familie froh, den ewigen Junggesellen mit den sonderbaren Gewohnheiten (gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus, latente Anorexie) und der schwächlichen Konstitution wieder einmal für ein paar Wochen versorgt zu wissen.
Die Pension Glückauf wirbt mit freiem Blick auf das Meer, anerkannt guter Verpflegung und soliden Preisen. Der Blick von Kafkas Zimmer geht zwar nicht zur See, sondern zum jüdischen Kinderheim nebenan. Und dort arbeitet die attraktive, junge, lebenstüchtige Jüdin Dora Diamant gerade als Küchenhilfe. Angesichts ihres Jobs, frische Fische für das Abendessen auszunehmen, gilt Kafkas Ausspruch als verbürgt: »… so zarte Hände, und so blutige Arbeit müssen sie verrichten…«