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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:07

Michael Kumpfmüller: Die Herrlichkeit des Lebens

23.01.2012

So zarte Hände und so blutige Arbeit

Sie waren nur noch wenige Monate zusammen und haben dabei doch Die Herrlichkeit des Lebens erfahren: Fanz Kafka und seine letzte Gefährtin Dora Diamant. Diese wahre Liebesgeschichte hat Michael Kumpfmüller kenntnisreich in einen herrlich schwebenden Roman transferiert. Von INGEBORG JAISER

 

Welch mutiges Unterfangen: einen Roman zu schreiben über die letzten Monate von Franz Kafka – Schriftsteller-Ikone und Schreck aller Deutsch-Abiturienten, verschämter Frühpensionär und Tuberkulosekranker, verhinderter Palästina-Auswanderer und ewiger Junggeselle, bekennender Vegetarier und Hungerkünstler.

 

Seine Briefe, seine Tagebücher, seine Kurzgeschichten gehören ganz selbstverständlich zum Kanon der Weltliteratur; eifrige Biographen wie Reiner Stach haben sein Leben minutiös seziert und unermüdlich durchdekliniert. Wo bleibt da noch Platz für Leerstellen, für Vision und Fiktion?

 

Pension Glückauf

Michael Kumpfmüller hat das schier Unmögliche gewagt – und gewonnen. Behutsam, einfühlsam, fantasievoll zeichnet er ein neues Kafka-Bild, federleicht, immer am Rande des Abgrunds balancierend und dennoch zuversichtlich. Als promovierter Germanist und Historiker kennt er die Quellen der Kafka-Forschung in- und auswendig; doch nie protzt er in seinem Roman über das Wissen, die Ahnung, den Hintergrund. Nicht mal den Namen »Kafka« lässt er fallen.

 

Besinnen wir uns: Im Sommer 1923 reist der vorzeitig verrentete, tuberkulosekranke, gerade mal 40 Jahre alte Jurist und Schriftsteller Franz Kafka mit seinen Schwestern Valli und Elli zur Sommerfrische in das Ostseebad Graal-Müritz. Obwohl vom nordischen Reizklima eher abgeraten wird, ist die Familie froh, den ewigen Junggesellen mit den sonderbaren Gewohnheiten (gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus, latente Anorexie) und der schwächlichen Konstitution wieder einmal für ein paar Wochen versorgt zu wissen.

 

Die Pension Glückauf wirbt mit freiem Blick auf das Meer, anerkannt guter Verpflegung und soliden Preisen. Der Blick von Kafkas Zimmer geht zwar nicht zur See, sondern zum jüdischen Kinderheim nebenan. Und dort arbeitet die attraktive, junge, lebenstüchtige Jüdin Dora Diamant gerade als Küchenhilfe. Angesichts ihres Jobs, frische Fische für das Abendessen auszunehmen, gilt Kafkas Ausspruch als verbürgt: »… so zarte Hände, und so blutige Arbeit müssen sie verrichten…«

 

Wilde Ehe

In Müritz versiegen indes Kafkas Tagebuchaufzeichnungen. Was folgt ist Vermutung, Hochrechnung, Interpretation. Kumpfmüller ist ein Meister darin. Traumwandlerisch erzählt er die letzten Monate Kafkas. Der schweigsame, scheue, hypersensible Schriftsteller wagt – wohl angesichts des nahenden Untergangs – eine neue Lebensform, die er zeitlebens erhofft, jedoch niemals umgesetzt hat: Leichtfüßig und todesmutig zieht er vom verhassten Prag zum weltoffenen Berlin, von der einengenden Familiengruft zur eheähnlichen Gemeinschaft.

 

Zusammen mit der geliebten Dora Diamant bewohnt er nacheinander drei möblierte Unterkünfte in Berlin. Dabei waren die Zeiten nie schlechter: Eine galoppierende Hyperinflation lässt das vermeintliche finanzielle Vermögen in Windeseile dahinschmelzen.

 

Dora und der Tod

Vielleicht könnte die gerade mal 25jährige Dora als wirklich emanzipierte Frau ihrer Zeit gelten. In ihrer Jugend ist sie mehrmals dem despotischen Vater entronnen und hat sich in Berlin – in einer frühen Wir-Kinder-vom-Bahnhof-Zoo-Manier – mutig und erfindungsreich durchgeschlagen. Den todkranken, abgemagerten, hilflosen Kafka pflegt sie aufopfernd, aber auch selbstsicher und irgendwie selbstverständlich. Ihre Mühen sind dennoch vergebens. Zwar folgt sie dem Moribunden noch in ein Sanatorium nach Klosterneuburg, doch nicht einmal ein Jahr nach ihrem Kennenlernen verstirbt der inzwischen an Kehlkopftuberkulose erkrankte Kafka im Juni 1924. Seine letzte und treueste Gefährtin weicht bis zuletzt nicht von seiner Seite.

 

Michael Kumpfmüller packt diese Geschichte einer hingebungsvollen, schwerelosen Liebe in einen 237 Seiten umfassenden Roman voller Leichtigkeit und Zuversicht. Diese Verschmelzung von Fakten und Fiktion zeugt von tiefem Einfühlungsvermögen und sensiblem Fingerspitzengefühl. Dazu hätte wohl auch der zeitlebens kritische Kafka seinen Segen gegeben.

 

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