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Christophe Dufossé: Letzte Stunde

12.04.2004

 
Leave them kids alone

Lakonisch-nüchtern kreist Christophe Dufossé in seinem Roman "Letzte Stunde", der in Frankreich als "Bestes Debut 2002" ausgezeichnet wurde, um die Gewaltbereitschaft Jugendlicher und das Erwachsenwerden.

 

Nicht erst seit dem Amoklauf von Erfurt ist die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen und speziell unter Schülern zum Thema geworden. Die Angst der Erwachsenen vor vermeintlich schieß- und stechwütigen Halbwüchsigen ist schon seit längerem auf die Tagesordnung gesetzt, doch gehört es zum Wesen der Tagesordnung, dass sie den Launen und Schwankungen des öffentlichen Diskurses unterworfen ist und ihre Themen genauso schnell verschwinden können wie sie zuvor aufgetaucht sind. Das Zyklische gehört zu den unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten der Medien, in denen und durch die die Themen und Diskurse verwaltet werden. Und ob sich nun – auch mit Blick auf den spezifischen Fall – die vor-pubertäre und adoleszente Gewaltbereitschaft und –ausübung auf gesellschaftliche Missstände, auf „falsche“ Erziehung im Elternhaus oder auf Computerspiele, in denen großkalibrig geschossen wird, zurückführen lassen, ist letztlich nicht so wichtig. Hauptsache, wir haben drüber geredet. Next please.

Die Literatur ist da ausdauernder. Ihr längerer Atem reicht aus, um sich an bestimmten Themen festzubeißen, sie zu bearbeiten und erst wieder loszulassen, wenn sie erschöpft sind. Und das ist nie.

Schwelende Gewalt

Mit Letzte Stunde gewann Christophe Dufossé in Frankreich die Auszeichnung für das „Beste Debüt 2002“. Der Roman beginnt mit einem Toten. Ein junger Lehrer ist aus dem Fenster gesprungen – vielleicht wurde er auch gestoßen oder auf andere Art zum freien Fall genötigt – und liegt nun verblutend auf dem Straßenpflaster. Pierre Hoffman, Anfang dreißig und bereits weitgehend desillusioniert, was seinen Beruf angeht, übernimmt die Klasse des toten Kollegen. Es handelt sich dabei um ein verschworenes Kollektiv von Dreizehn- bis Vierzehnjährigen, in ihrem Verhalten gegenüber dem Lehrkörper auffällig korrekt, mit geradezu exzessiv gepflegten Manieren. Die Unterrichtsstunden verlaufen ohne Zwischenfälle, vorbildlich gehorsame, lernwillige Schüler sitzen Hoffman gegenüber. Es kann hier also etwas nicht stimmen. Als schließlich eine Klassenfahrt geplant und Hoffman als Begleiter bestimmt wird, warnt ihn eine Schülerin der Klasse, er solle nicht mitfahren, sich krank melden oder eine andere Ausrede einfallen lassen. Am nächsten Tag erscheint die Schülerin verspätet zum Unterricht. Ihr Gesicht ist zerschnitten, teilweise in Mullbinden gewickelt. Doch wer die Angreifer waren – denn dass das Mädchen überfallen wurde, stellt sich schnell heraus – verrät sie nicht.

Desillusioniert und hoffnungsfroh

In einer eigenartig zwischen nüchternem Berichtstil und soziologisch-philosophischem Traktat changierenden Sprache widmet sich der Autor dem Thema des Erwachsenwerdens. Sein Ausgangspunkt unterscheidet sich hierbei von dem vieler seiner Autorenkollegen, die, wenn es um die Kindheit und ihre Tücken geht, entweder die Nostalgiebrille aufsetzen und den Weichzeichner einschalten oder in düstere Zukunfstprognostik verfallen. Nichts von beidem findet sich bei Dufossé. Sein Erzähler, Hoffman, betrachtet die Welt und alle Vorgänge darin mit einem Blick der desillusioniert und gleichzeitig durchaus hoffnungsfroh ist. Die Kinder sind die Kinder, sie werden sich zu Erwachsenen formen, und sie werden das Beste daraus machen. Das ist der Lauf de Dinge.

Gleichwohl zerschmilzt der Erzähler nicht in trüber Standpunktlosigkeit. Durch Rückblicke auf die eigene Kindheit und Jugend, die unter der Hand immer wieder die Ausmaße gesellschaftlicher Reflexionen annehmen, nimmt er die Position des beurteilenden Subjekts ein. Doch nie erhebt er den Zeigefinger, dazu ist er zu schlau und zu sehr Mensch.

Ob die Jugend von heute – falls es so etwas gibt – eine ist, die nicht erwachsen werden will und sich mit allen Mittel dagegen wehrt, soll dahingestellt bleiben. Die Einblicke und Aussichten jedenfalls, die Dufossé in seinem Roman gibt, können das Spektrum der Sichtweisen, mit denen die Erwachsenen auf ihre Sprösslinge schauen, um vieles erweitern. Und sie weiten ebenfalls den Blick der Erwachsenen auf sich selbst und ihresgleichen. Denn der Mensch – diese Aussage möchte der Autor dann doch ganz altmodisch an den Mann bringen – bleibt stets ein Produkt der gesellschaftlichen Umstände.

Lars Reyer


Christophe Dufossé: Letzte Stunde. Roman; aus dem Französischen von Claudia Steinitz. DuMont 2003; 346 Seiten; ¤ 22,90. ISBN 3-8321-7842-2

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