Sándor Márai: Die Nacht vor der Scheidung
24.05.2004
Ehe und Leidenschaft
Erneut bringt der Piper-Verlag einen Roman des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai heraus, der seit ein paar Jahren posthum wiederentdeckt wird. Die Nacht vor der Scheidung, 1935 zum ersten Mal auf Ungarisch, 1951 auf Deutsch erschienen, erzählt vom Scheitern einer Ehe und stellt zudem eine subtile aber nachhaltige Kritik an ihrer bürgerlichen Institution dar.
Christoph Kömüves, Richter im Budapest der Zwischenkriegszeit, den alten Werten verpflichtet, soll am folgenden Tag die Ehe zwischen Imre Greiner, einem Freund aus Jugendzeiten, und der schönen aber verwöhnten Anna scheiden. Kömüves ist nicht gerne Scheidungsrichter, da ihm die Ehe eigentlich nur von Gott aufhebbar erscheint. Diesem Ideal verpflichtet, wird er in persönliche Erinnerungen hineingezogen, in der Anna, die er nur flüchtig kennt, eine ungeahnte Rolle spielen wird. Denn nachts, als der Richter mit seiner Frau von einer Gesellschaft heimkehrt, in der wir den Richter seelisch unausgeglichen erleben, wartet Imre Greiner auf ihn, der ihm mitteilt: „Die Verhandlung kann morgen nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe.“ Die seelischen Abgründe, die sich auftun, während Greiner erzählt, bleiben unvergesslich und betreffen Kömüves mehr, als ihm lieb ist.
Vom Scheitern der bürgerlichen Ehe
Márais psychologischer Gesellschaftsroman setzt sich mit den Möglichkeiten, insbesondere aber mit dem Scheitern einer Ehe nach bürgerlichem Muster auseinander. Und das in doppelter Weise: Zum einen, indem der eigentliche Scheidungsfall aus dem Munde eines der Betroffenen, des Ehemannes, erzählt wird. Zum anderen aus dem Blickwinkel eines Beobachters, des Richters, dessen Reflexionen die eigentliche Geschichte perfekt einbetten und ihr eine Dimension geben, die über die beiden Eheleute hinausweist und damit eine gesellschaftliche Relevanz verleiht. Der Ehemann schildert seinen brennenden Wunsch nach Verschmelzung, der Kontrolle der Frau, was die Generierung eines totalen Regimes zur Folge hat, eines, das letztlich zerstört, was es zu suchen vorgibt: die Liebe. Lustertötung und Frigidität der Frau sind die Folge, ja Trennung ist schließlich nur noch durch den Tod möglich. Die Ideologie des Richters kennen wir ebenfalls: Unaufhebbarkeit der Ehe und strenge Triebunterdrückung der Leidenschaften, woraus das Unbehagen und die seelische Not wie ein Vulkan zum Ausbruch drängen. Schließlich stellt sich nämlich heraus, dass Anna den Richter geliebt hat, und auch der Richter träumte von Anna. Natürlich musste dies mit allen Mitteln verleugnet werden, bis man es fast vergessen hatte. Es ist fast so, als wollte Márai zeigen, dass das bürgerliche Ehesubjekt nur halb leben darf, die andere Seite, die verbotene, die Welt der Lüste, der Sehnsüchte, der verborgenen Früchte, bleibt dagegen ungelebt. Und ein halbes Leben ist manchmal gar keins – und es stirbt gelegentlich dahin.
Zerbrechen der heiligen Allianz
Mit bürgerlichem Blick das Problematische am Bürgerlichen selber zu erzählen, dies ist der Verdienst Márais, ja macht die Spannung vieler seiner Texte erst aus. Die bürgerliche Ehe, ohne dabei auf fremde Ideologien zurückzugreifen, gewissermaßen von innen zu beleuchten, das schafft ein Kritikpotential, das in seiner tiefgründigen Wirkung subtil aber anhaltend ist. Mit großer Erzählkraft und analytischer Schärfe gewährt er uns Einblicke in seelische Abgründe, die zugleich ideologische Abgründe sind. Die Problematik der bürgerlichen Ehe muss zwar vom Subjekt gelebt werden, ist aber in die bürgerliche Gesellschaft tief eingebrannt. Es ist die heilige Allianz, die zerbrechen muss, will sich das Subjekt befreien. Márai ist hier ein großer Roman gelungen, der noch heute zum Nachdenken über die bürgerliche Ehe und ihre Ausgestaltung einlädt.
Frank Kaufmann
Sándor Márai: Die Nacht vor der Scheidung. Roman. Aus dem Ungarischen von Margit Ban. Piper-Verlag 2004. 220 Seiten. ¤ 17,90. ISBN: 3-492-04287-2
|
Das Leben ist nicht Wünschdirwas
Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL
Sorry wegen dem Auge
Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...
Das Leben ist nicht Wünschdirwas
Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL
Ein Geheimtipp der deutschen Literatur
Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...
Seid umschlungen Millionen
Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...
Licht wo zu viel Schatten lag
Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...
Lämmer in der Obhut von Wölfen
Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...
Schweizer Käse!
Fromage suisse!
Swiss Cheese!
Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...
Valium im schwarzen Anzug
Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...
|