Patrick Neate: Twelve Bar Blues
16.08.2004
Leidenschaft mit berauschender Eleganz
Man nenne mir einen Roman, welcher derart Musik atmet wie Patrick Neate’s Twelve Bar Blues. Ein Phänomen, ein wundervoller, ein fantastischer Glücksfall.
Patrick Neates Twelve Bar Blues wandelt auf drei Zeitebenen, die runde 200 Jahre auseinander liegen. Wir schreiben zunächst das Jahr 1790: Die junge Häuptlingstochter Wacheke verliebt sich in den begnadeten Sänger Sike, woraufhin der eifersüchtige Dorf-Schamane Mutela den armen Mann kurzerhand übers Meer nach Amerika zaubert.
Trompete spielen mit vier Körperteilen
Dann springen wir in die ersten Anfänge des 20. Jahrhunderts. Fortis James Holden kommt in Cooltown, dem ärmsten Bezirk von Mont Marter, Louisiana, als achtes Kind zur Welt und wird schon in jungen Jahren von der Faszination des Jazz infiziert. In der Besserungsanstalt für schwer erziehbare Negerknaben gibt der Musikdirektor ihm auf den Weg: „Ich will dir mal was sagen Lick-Boy. Wenn Du wirklich gut spielen willst, dann musst Du Dein Horn mit vier Teilen deines Körpers spielen. Im Augenblick spielst du es gerade mit zweien: deinem Kopf und deinen Backen.“ Schon bald kommt der dritte Teil, das Herz, hinzu und spätestens nachdem er Jahre später endlich seine Schwester Silvie wieder trifft - seine Schwester, die nicht blutsverwandt mit ihm war – wurde er zum kompletten Musiker und spielte mit allen vier relevanten Teilen seines Körpers. In den 20er Jahren mischt er mit seinem brillanten Trompetenspiel die verruchten Kaschemmen von New Orleans auf und macht die ganz Großen wie Mr. Louis Armstrong himself auf sich aufmerksam.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später will die Londoner Gelegenheitssängerin und Prostituierte Sylvia di Napoli endlich erfahren, wieso sie schwarzes Blut in ihren Adern hat, obwohl ihre Eltern weiß sind. Sie beschließt, nach ihren Wurzeln zu suchen. Im Flugzeug nach Chicago trifft sie auf den charmanten Globetrotter Jim, und schließlich auf einen geheimnisvollen, Hasch rauchenden Fremden, der vorgibt, Urururenkel eines afrikanischen Häuptlings zu sein ...
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Der titelgebende Twelve Bar Blues ist Programm: Neate komponiert seinen Roman nach der klassischen Blues-Akkordfolge von Tonika, Subdominante und Dominante. Eine klare harmonische Grundstruktur, die nun mit Leben gefüllt werden will - wie im wirklichen Leben des Jazz. Und wie dieser Teufelskerl Neate sie mit Leben füllt !
Mit durchdringender Natürlichkeit und kompromissloser Unmittelbarkeit übersetzt er das Neben- und Ineinander der beiden Überlebens-Pole Rohheit und Zärtlichkeit in eine glasklare ungekünstelte Sprache. Er lässt die Magie afrikanischer Mythen & Bräuche ebenso aufleben wie die heißen Klänge des Kornetts vor dem geistigen Ohr auferstehen. Er bringt einem seine Protagonisten aus völlig anderen Zeiten und Kulturen und aus gänzlich anderen Lebensumständen sehr nahe, lässt ihr Handeln, Denken und Fühlen unglaublich vertraut erscheinen, egal in welcher Zeit und an welchem Ort die Geschichte gerade spielt. Gleichzeitig wahrt er eine gebührende respektvolle Distanz zu seinen Figuren und deren Tun und gewährt so den notwendigen Abstand für einen öffnenden Blick voll des Staunens. Und alles erscheint dabei absolut mühelos, unverkrampft und bodenständig.
Im Stil der größten Jazzmusiker verbindet er die Frische und Flüchtigkeit der Improvisation mit der Ernsthaftigkeit strenger ausgefeilter kompositorischer Vorgaben. Und zu guter Letzt gelingt es ihm auch mit berauschender Eleganz die drei Stränge und Zeitebenen miteinander zu verbinden. Eine vollendete kraftvolle Synthese von Kopf und Bauch, von Augenblick und Ewigkeit.
Twelve Bar Blues vermittelt, ach was: verkörpert reine Leidenschaft, ohne sie heraufbeschwören zu wollen oder zu müssen – sie kommt völlig unaufdringlich daher, aber mit umwerfender Wucht.
Der Verlagstext teilt uns mit: „Als der DJ und Ex-Rugbyspieler Patrick Neate mit seiner Saga um den Jazzmusiker Lick Holden und die Londoner Prostituierte Sylvia für den renommierten Whitbread-Literaturpreis nominiert wurde, rieben sich selbst Kenner verwundert die Augen. Als er seine namhafte Konkurrenz - Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul, Ian McEwan, Salman Rushdie u.a. - auf die Plätze verwies, titelte Daily Telegraph ‚Der Sieg des unbekannten Autors ist ein Märchen’“.
Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer sich einen letzten Rest Glauben an moderne Märchen bewahren oder beleben möchte, dem sei die Lektüre von Patrick Neates Twelve Bar Blues ans Herz gelegt.
Anselm Brakhage
Patrick Neate: Twelve Bar Blues
Aus dem Englischen von Bernhard Schmid
Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins 2004
Gebunden. 451 Seiten. 17,90 Euro