Pierre Michon: Leben der kleinen Toten
07.10.2004
In den Ruinen des möglich Gewesenen
Was für ein außergewöhnliches, außerordentliches Buch, das ebenso vortrefflich wie selten ist – gleich jenem dunklen Findlingsblock, den die Astronauten auf dem Mond in Kubricks „2001“ mit rätselhaftem Staunen bewundern! Pierre Michons „Leben der kleinen Toten“ ist bewundernswert.
Nie habe ich, seit Studienzeiten, den letzten Satz von Spinozas „Ethik“ vergessen können: „Doch alles Vortreffliche ist ebenso schwierig wie selten“. Aber selten im Laufe eines langen Leser(er)lebens stellte er sich ganz selbstverständlich als triumphale Begleitmusik ein, wenn einem etwas so außerordentlich „Vortreffliches“ begegnet war. Genau genommen: seit langem nicht mehr – soviel Schönes, Begeisterndes, Bewegendes, Gelungenes und auch Überraschendes man sich lesend angeeignet, entdeckt oder gefunden hatte. Spinozas schönes Adieu, mit dem er den monumentalen Bau seiner Philosophie abschloß, kam mir dabei dennoch nicht in den Sinn während der vergangenen Jahre.
Jetzt aber wieder – und gewiß nicht, weil ich erst einmal zwei, drei Anläufe machen mußte, um in dem Buch lesend voran zu kommen, weil es sich um etwas „Schwieriges“ handelte: dicht gewoben, rätselhaft, befremdlich und durch seine Fülle sprachlicher, metaphorischer Vieldeutigkeiten so abweisend wie verlockend und einladend war. Schon der Titel war anziehend: „Leben der kleinen Toten“. Kleine Tote: nein, ich dachte nicht an Kinder, ahnte eher, was damit gemeint war: die Nobodys mit „namenlosen“ Namen und nichtssagenden Biografien, die spurlos von ihren Erdentagen in ihren Toden verschwunden sind.
Außenansicht eines Wörterfeldes
Das Titelbild des Schutzumschlags tat ein Übriges, um die Erwartung zu wecken: ein schwarz-weiß Bild des Magnum-Fotografen Josef Kondelka, wie ich nachlas. Zu sehen waren am unteren Bildrand ein kleines gelocktes Mädchen, das seine Augen auf eine am rechten Bildrand angeschnittene Person ganz in Schwarz mit Kapuze oder Kopftuch (?) richtet – doch wohl eher Kapuze, weil sich auf der Oberlippe über geöffnetem Mund ein Bart abzeichnet. Am oberen rechten Rand des Bildes sitzt ein kraushaariger Alter mit Brille, in schwarzem Anzug, mit einem Spazierstock und einem Hut in der Hand auf einem weißen Steinblock und blickt aus dem Bild. Dreht man den Titelumschlag auf die Rückseite, sieht man, daß er in einen geschlossenen, engen Raum blickt, auf dessen Wände das einfallende Licht die Silhouette des Kapuzenträgers wirft und links an der Wand lehnt ein mir unbekanntes Gerät, das einem Stiel mit zwei geschwungenen Hörnern gleicht. Vielleicht ein Schafhirtenstab?
Ein rätselhaftes, bedrohliches Stilleben: vielleicht leben die kleinen Toten in einer Grabkammer? Unsinn: das Bild illustriert nicht den Text, ist ihm aber, wenn man dann das Buch gelesen hat, auf eine poetische Weise adäquat. Der französische Schriftsteller Pierre Michon hat „Leben der kleinen Toten“ geschrieben, die in Frankreich lebende deutsche Autorin Anne Weber hat es übersetzt und das französische Außenministerium, entnehme ich einem der Vorsatzblätter, hat diese Ankunft im Deutschen finanziell gefördert. Eine späte deutsche Ankunft; denn das Buch wurde 1984 (!) von dem 1945 geborenen, damals also schon 39jährigen Autor publiziert – und zwar als sein literarisches Debüt, dem, habe ich mittlerweile erfahren, nur noch wenige, kürzere Prosastücke in längeren Jahresabschnitten gefolgt sind. Das Debüt aber mit dem Originaltitel „Vies minuscules“, für das es, schreibt seine Übersetzerin, „keine Entsprechung gibt“, wenngleich sie wortwörtlich von „winzigkleinen(...) Menschenleben“ spricht, sei in Frankreich, behaupten wiederum andere, jedoch seither ein „Kultbuch“ geworden.
Zumindest insofern wäre das verständlich, füge ich hinzu, weil es nicht nur das autobiografische Memorial und Eingedenken für acht Personen (& zahlreiche andere) ist, denen der Schriftsteller eine literarische (Fort-)Existenz erschafft, sondern auch, weil das Buch selbst seine eigene Geburt und die des Autors als „Wortmetz“ (Arno Schmidt) zum Gegenstand hat: nicht chronologisch, sondern aleatorisch erwürfelt, aus Fremd- & Eigenleben als Rohstoffen herausgeschnitzt, herausmodelliert von einem sich langsam inthronisierenden „König des Wörtervolks“, das er zur Errichtung eines Monoliths von Sprache gewordener Erinnerung und Spekulation um sich versammelt.
Aus dem Zentrum der Weltferne
Wenn wir auch nicht abschätzen können, was Piere Michons Buch für die aktuelle französische Prosa bedeutet, so können wir denn doch, Dank der Übersetzerin Anne Weber, erkennen, was das übertragene Buch für die deutschsprachige Prosa bedeutet: nämlich eine hochprozentige Anreicherung des Prosaischen durch konzentrierteste Poesie. Vergleichbar dicht (& zugleich ausschweifend) wird bei uns derzeit von niemandem geschrieben – sosehr sich vielleicht Peter Handke auch darum bemühen mag. Es ist womöglich nicht ohne Bedeutung, daß der Autor aus der französischen Zentralprovinz der Creuze stammt, und erst recht nicht, daß er sich als Enkel seiner bäuerlichen Vorfahren begreift – wie bei uns, das wäre eine einzig mögliche entfernte Verwandtschaft, Herbert Achternbusch mit seinem weltfernen Fixpunkt des Bayrischen Walds. Denn die Creuze, südlich der Loireschleife, und das dortige harsch-unzugängliche, menschenleere Hochplateau der Millevaches, über das der rauhe Wind des Atlantik pfeift, ist so wenig eine (liebliche) „Kulturlandschaft“ wie die bayrische Waldgrenze zu Tschechien. Beides sind in vielerlei Hinsicht vergessene, abgelegene, „zurückgebliebene“ Landesteile: ländlich-archaische Gegenden tradierter bäuerlicher Lebensweise, der Michon ebenso entwachsen ist wie sein 1953 geborener Landsmann Richard Millet, von dem der Alexander-Fest-Verlag vor ein paar Jahren (siehe meinen Essay „Satzsymphonien von der anderen Seite der Zeit“) zwei epische Familienromane veröffentlichte, die leider nicht die ihnen zustehende Leserresonanz bei uns gefunden haben. Seit der namensgebende Verleger seinen Verlag liquidiert und zu Rowohlt gegangen ist, besteht auch wenig Hoffnung, daß Millets Oeuvre weiterhin auf deutsch verlegt wird.
Die beiden entlaufenen, abgetriebenen, aufgestiegenen Bauernnachkommen Michon & Millet verbindet ein gemeinsames Ziel: die Sprache, ihre Grammatik und ihren Rhythmus, ihren Ausdrucksreichtum sättigen zu lassen sowohl von ihren ländlichen Lebenserfahrungen als auch aufzuladen mit der Kunst einer rhetorischen Poesie, die in der prosaischen Urbanität des bürgerlichen Lebens nicht mehr am Platze ist. Einer weitgehend analphabetischen, ja sprachlosen Existenzweise ihrer Vorväter entkommen, haben sie den denkbar erotischsten und emphatischsten Begriff von der Sprache, die sie ja einzig der vorsprachlichen Welt, der sie entstammen, in eine andere Welt der Imagination enthoben hat und in die sie – gewissermaßen aus Dankesschuld und im Eingedenken an ihre Vorfahren – die soziale, mentale und naturale Welt ihrer Kindheit & Jugend nun literarisch „aufheben“ wollen: Retten im Augenblick des Verschwindens, Fiktionalisieren im Angesicht des Untergangs, Sprachwerdung der längst Verstummten, feierliche Erinnerung an die „enfants perdus“, prunkvolle Grablegung der „Petits riens“ ( – ein Begriff, von dem uns eine wunderbare Ballettmusik Mozarts überliefert ist).
Mit allen Wassern der Moderne gewaschen
Michon & Millet, aus tiefster, jahrhundertelanger Sprachlosigkeit auftauchend, haben nichts mit einer nostalgischen Rückwendung oder gar – „besinnung“ auf das „einfache“ oder „archaische“ Leben im „bäuerlichen Universum“ von Knut Hamsun, Jean Giono oder sogar P. P. Pasolini zu tun. Die beiden französischen Autoren haben erkennbar einen anderen literarischen Bezugspunkt: William Faulkner und sein sprachgewaltig beschworenes Universum des Verhängnisses in den nordamerikanischen Südstaaten – mithin der Fixstern, an dem sich schon auch die lateinamerikanischen Epiker García Márquez, Vargas Llosa oder Augusto Roa Bastos orientierten. Nicht der Stoff ( „das Leben“) ihrer Protagonisten ist Michons und Millets primärer Gegenstand, sondern dessen literarische Evokation – in menschlicher Würde. Nicht vermeintlich „adäquate“ semantische Simplizität oder „Archaismen“ streben sie an, sondern eine „mit allen Wassern der Moderne gewaschene“, intellektuell vermittelte Komplexität des sprachlichen Ausdrucks, der spekulativen Imagination und der poetischen Entgrenzung. Millet greift dabei bis zu dem barocken Rhetoriker Bossuet zurück, um ästhetische Präzisionen & eine Musikalität zu erreichen, die vergessen waren; Michon, der immer wieder seine literarischen Leseerfahrungen zitiert (sein Buch ist gesprenkelt mit Anspielungen auf Autoren und Bücher) geht sogar bis zur Anrufung von Rimbaud und Mallarmé als Hausgötter – also bis zur äußersten Grenze des Literarischen.
Im Lichte dieses extremen literarischen Ziels wird das Pathos, mit dem Pierre Michon im „Leben der kleinen Toten“ die qualvolle Geburt als Autor seines Debüts mit den erst danach ihm zugewachsenen Mitteln erzählerisch „inszeniert“, ebenso verständlich wie vor allem: gerechtfertigt. Nur seine Fähigkeit, das eigene Lebensdesaster, das sich in seiner durchaus typischen Abfolge eines herumhängenden Studenten, versoffenenen, psychiatrisierten, von Geliebten ausgehaltenen und bloß eingebildeten Bohème-Genies abspielt (wie dutzend oder hundertfach davor und danach), als infernalisches Fegefeuer der Erniedrigung und der Verkommenheit so intensiv zu beschwören, daß wir in ihm und seinem vor-literarischen Leben selbst einen „der kleinen Toten“ sehen, der jedoch seinem Untergang entkommen ist, um die anderen „Untergegangenen“ durch seine imaginative Zuwendung literarisch zu „retten“ und sie uns und unserer Zuneigung & Liebe anzuvertrauen, indem er ihre Erscheinung und ihre Sehnsüchte, ihre wirkliche oder mögliche Existenz uns Lesern vor Augen stellt. Dadurch ist die autobiographische Engführung in seinem Buch „gerechtfertigt“ vor dem für Ignoranten naheliegenden Vorwurf der Selbstpathetisierung seiner Familiengeschichte.
Es ist zweifellos eine Selbstpathetisierung bis zum „Ecce poeta“ – und doch keine. Sie gilt nämlich allen, deren sich der Erzähler annimmt – ob z.B. dem Stiefbruder seiner Mutter, dem als Waise in die bäuerliche Großeltern-Familie gekommenen Antoine Dufourneau, der nach Afrika geht und dort verschwindet; dem schönen jungen Pfarrer, der Motorrad fährt, mit seiner Sprache und Stimme die Gemeinde verzaubert, insgeheim die Frauen liebt und schließlich, im Alter, dem Alkohol verfällt und vor Irren winters in einer eiskalten, verfallenden Dorfkirche predigt; oder dem alten Foucault, der „Rachenkrebs“ hat, sich in Paris behandeln lassen müßte, aber lieber in der Provinz hilflos zugrunde geht, weil er die Hauptstadt meidet, „wo selbst die Mauern gebildet sind (...) und unverständlich die feilgebotenen Waren und die Schilder der Läden“, weil er – Analphabet ist! Michons Lebensbe-, oder besser: Lebenserschreibungen, gelten sowohl den eigenen Vorfahren wie Zeitgenossen seiner Jugend – sei´s bäuerlichen Mitschülern in einem Internat, sei´s Lehrern oder der früh verstorbenen Schwester –, als auch Begleiterinnen seiner desolaten Mannesjahre.
„Meine Texte“, hat er erklärt, „sind barbarisch und wenig treu“, womit er offenbar darauf anspielt, daß es sich nie oder gar ausschließlich um dokumentarisch recherchierte Porträts handelt, sondern eher um imaginative Entwürfe und spekulative Lebensmomentaufnahmen, die oft bloß von winzigen Details und Informationen ausgehen und immer den Autor dabei zeigen, wie er alternative Möglichkeiten und seine subjektiven Vorstellungen über das Leben, Denken und Empfinden seiner Personen ausprobiert und durchspielt, um zugleich seine „kleinen Toten“ in die Orte, Wege, Landschaften (meist seiner unmittelbaren Heimat) aufs Sinnlichste, Konkreteste einzubetten und einzupassen, so daß am Ende von diesen „Figures in a Landscape“ eine zutiefst bewegende Spur der Anteilnahme, ja der Erkenntnis und der Liebe in uns Lesern zurückbleibt – für Menschen, die „näher an der Erde geboren“ sind und „schneller wieder von ihr verschluckt“ wurden.
Auf dem nächtlichen Heimweg von einer Kneipe in einem anderen Dorf, wo der verrückte Jean mit dem gealterten Pfarrer gemeinsam getrunken hatte, erinnert sich der Erzähler an den neben ihm brabbelnden Jean: „Als wir den Wald durchquerten, verstummte er; der Mond war aufgegangen, tanzte durch den Hochwald, brachte hier und da das Gespenst einer Birke zum Vorschein; auf den kalten Schildern sprangen endlos gemalte Hirsche durch die Nacht. Ich dachte an den Zentaur in der Soutane, der einst auf seinem Motorrad umhergesprungen war; damals hatte er nur für die anmutigen, duftenden Geschöpfe Augen, für die Leiber, die ihm und seiner Rede ergeben waren; dann hatte er eines Tages, wann genau wußte ich nicht, den Glauben an die Geschöpfe verloren, der vielleicht der Glaube ist, den schönen Geschöpfen zu gefallen: Niemand war gläubiger als Don Juan. Mit Verwunderung, vielleicht mit Entsetzen, mit jenem Staunen, das er vor dem Vogelflug oder einer Epileptikerin empfand, hatte er gelernt, daß es auch andere Kreaturen gibt; er hatte gemerkt, daß das Alter uns ihnen jeden Tag ähnlicher macht, uns den Bäumen angleicht oder den Irren; als er aufgehört hatte, ein schöner Priester zu sein, als die Frauenzimmer, die fröhlichen, sich von ihm abgekehrt hatten, rief er die anderen zu sich, die mißgestalteten, die keine Worte mehr haben, kaum mehr Seele und noch nicht einmal mehr Fleischlichkeit, und die angeblich die Gnade in einer ungeheuren Grätsche umso leichter erreicht; aber welche Mühe er sich auch gab, seinem hochmütigen Entschluß folgend diese einfachen Seelen zu lieben, und wie verzweifelt er sich auch mit ihnen auf eine Stufe stellen wollte, ich glaube nicht, daß es ihm gelang. Vielleicht irrte ich mich; es blieb jedoch, was meine Augen gesehen hatten: aus dem enfant terrible der Diözese, dem attraktiven und durchtriebenen Theologen war ein alkoholsüchtiger Bauer geworden, der den Verrückten die Beichte abnahm“.
Ich kenne derzeit keine Prosa, die es mit dieser an sinnlicher & geistiger Schönheit, an Eloquenz und Musikalität, an farbiger Schwingungsfülle aufnehmen könnte – Dank Anne Webers empfindlicher Sensibiltät für diesen meisterhaften Stil. Was für ein außergewöhnliches, außerordentliches Buch, das ebenso vortrefflich wie selten ist – gleich jenem dunklen Findlingsblock, den die Astronauten auf dem Mond in Kubricks „2001“ mit rätselhaftem Staunen bewundern! Pierre Michons „Leben der kleinen Toten“ ist bewundernswert.
Wolfram Schütte
Pierre Michon: Leben der kleinen Toten. Aus dem Französischen von Anne Weber. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2004. Gebunden. 245 Seiten. 19.90 ¤. ISBN: 3-518-41612-X
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