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Viktor Pelewin: Die Dialektik der Übergangsperiode...

25.10.2004

Degeneration V.P.

Er ist zweifelsohne ein Superstar der Szene: Viktor Pelewin, der Vorzeigeschriftsteller aus dem Land, das uns Deutschen bis heute Kopfzerbrechen, Magenschmerzen, Angst und Sehnsucht zu bereiten vermag: Russland - der andere Orient. Sein neustes Buch „Die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin“ will Bestandsaufnahme einer verwirrten Gesellschaft sein und findet wohl deswegen hierzulande fast ungeteilte Aufmerksamkeit.

 

Dass es in der Wirtschaft heutzutage recht komplex zugeht, wissen wir und lauschen dennoch der universalen Sprache der Börse wie einst nur den Offenbarungen Gottes, vermeinen auch durch reines Ablauschen von Zahlen den Zustand der Welt zu erkennen. Bulle und Bär sind die neuen Antipoden im Kosmos dieser weltumspannenden Religion. Ja, es trägt deutlichst auch Züge des Irrationalen und Primitiven, was wir da brusttönend Globalisierung nennen und Aktienhandel steht dem Ablasshandel näher, als wir gestehen wollen.

In gerade diese Kerbe haut auch Pelewin mit seinem Helden Stepan, einen erfolgreichen Geschäftsmann russischer Prägung. Dessen Erfolg basiert aber keineswegs auf einem Studium – das findet nur seitlich Erwähnung – vielmehr ist er der Kabbalistik, also Zahlenmystik verfallen, wenn auch auf recht primitiver Ebene, er muss auf dem Gebiet nämlich ständig etwas dazulernen. Dennoch: die einfachen Gesetze, die er für sein Leben aufstellt („Folge der 34, meide die 43!“) verhelfen ihm zu Reichtum und Ansehen, da keiner seiner Widersacher in der Lage ist, diese simple Logik seiner Entscheidungen zu entschlüsseln.

Dialektischer Tanz der Gummipuppen

Das war´s eigentlich. Leider erliegt Pelewin nun dem Drang diese Idee 300 Seiten lang neu einzukleiden: popkulturell, philosophisch, historisch und natürlich pornographischen und james-bondsch. Willkür übernimmt ab jetzt den Regimentsstab, die Zunge schnalzt ihm davon, alles will ja untergebracht sein in diesem Neue-Welt-Entwurf.
Dabei bleibt es aber nicht. Denn ein anderer großer Fehler des Romans ist seine uferlose Wortspielerei. Natürlich versteht Pelewin etwas von Semiotik, doch er kommt etwas spät und dazu auf sehr dünnen Brettern. Andauernd muss sich der Leser durch Werbe- und Spontisprüche arbeiten, die uns suggerieren sollen, wie aufmerksam, kritisch und ironisch-distanziert sich der Autor mit unserer Gegenwartswelt beschäftigt. Es ist aber allerhöchstens viertklassig, was hier zusammengeschraubt wird und wohl Abfallprodukt der exzesshaften, durchaus nervenbetäubenden Auseinandersetzung mit der Zahlenmystik.

Literarische Gulaschkanone

Wem das noch nicht gereicht haben sollten, dem schöpft Pelewin dann noch einige Kostbarkeiten aus seiner Gulaschkanone in den Pappteller: ein Gedicht (Motto: Dies ist eine Elegie / So wie von Wwedenski die...), ein Essay (Die Mazedonische Kritik der französischen Philosophie) und drei kurze Geschichten (Ein Vogue, Akiko und Focus-Group). Alle haben – selbstverständlich! – mit dem völlig irren, modernen Russland zu tun und sind – selbstredend! – brüllaffenkomisch.

Werfen wir einen Blick in die deutschsprachigen Feuilletons, dann fällt uns alsbald auf, dass der Ton ernüchtert ist. Leser und Kritiker haben zwar mit feuchten Händen auf das Erscheinen gewartet, aber Freude will sich nicht Einstellen bei einem Roman, der selbst allzu verschwitzt daherkommt.

Christoph Pollmann


Viktor Pelewin: Die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin
Roman, 348 Seiten
Aus dem Russischen von Andreas Tretner
Erschienen bei Luchterhand
Preis: 22,50 EUR
ISBN 3-630-87172-0

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