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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:11

 

Colin McAdam: Ein großes Ding

22.11.2004

 
Sehnsüchte inmitten von Banalitäten

Ein interessantes Debüt legt der Kanadier Colin McAdam vor. Ein Buch über Männer, das Baugewerbe und die unerfüllte Sehnsucht nach Liebe.


 

Zugegeben, der Autor McAdam macht es dem Leser gar nicht leicht. Da warten auf den ersten Seiten reine Dialogfetzen, banal und teils wirr, deren Sinn man sich mühsam zusammenreimen muss. Vom Erzähler ist hier erst einmal nichts zu hören. Doch dann taucht er auf: Der Ich-Erzähler Jerry McGuinty. Das hört sich dann so an: „Ich sollte vielleicht sagen, daß ich Jerry heiße und das Haus hier gebaut habe. Fest und standhaft, Putzwände, von der Sohle bis zum Scheitel mit einem verdammt eisernen Willen ausgesteift, mein Freund, und stolz stolz stolz steht es da. Ich hab’s in die Erde gerammt und in den Himmel gestoßen, und durch Gottes Gnade und mit Männerschweiß werd ich noch weitere tausend bauen.“ Und wem das Gerede vom Mann, der baut, nicht passt, der bekommt gesagt: „Ich baue, mein Freund, und wenn ich deshalb gewöhnlich für Sie bin, dann können Sie mich mal.“

Kometenhafter Aufstieg

Jerry erzählt von seinem kometenhaften Aufstieg vom einfachen Putzer zum Baulöwen, der stets wie ein Besessener arbeitet und in der kanadischen Hauptstadt Ottawa der 70er-Jahre die gigantischen Wohnsiedlungen hochzieht. Gewaltig und ein großes Ding ist das. Früh verliebt sich Jerry in Kathleen, die in ihrem Imbisswagen die Bauarbeiter versorgt. Doch nach der Geburt des Sohnes, der ebenfalls Jerry genannt wird, entwickelt sich die Beziehung immer mehr zum Desaster. Kathleen zerstört sich mit Alkohol, und als Jerry jr. heranwächst, entfernt er sich zusehends. Parallel dazu entwirft McAdam eine andere Figur, über die personal erzählt wird: Simon Struthers, ein aus guter Familie stammendes blasses Aristokratensöhnchen, das einen guten Posten in Ottawas oberster Baubehörde innehat und eine Art moderner Don Juan ist, einer, dessen Gier nach Frauen im Alter lächerliche Züge annimmt.

Zwei Fälle von Beziehungsunfähigkeit

Hat man sich auf die geistig schlichte Ebene Jerrys und Simons erst einmal eingelassen und die ewige Landnahme vorgeführt bekommen, die abwechselnd, Kapitel für Kapitel, mit banalen Dialogen und Bewusstseinsströmen operiert, so wird irgendwann deutlich: hier soll offenbar die Beziehungsunfähigkeit zweier Männer vorgeführt werden. Denn beide verfehlen das, was sie sich als ihr persönliches Glück vorgestellt haben: die Liebe. Im Verlauf des Romans kreuzen sich die Lebenswege von Jerry und Simon mehrfach. Was zurück bleibt ist die unerfüllte Sehnsucht nach Liebe, die nicht verwirklicht werden kann, was im Finale einen deutlich tragikomischen Effekt zeitigt angesichts der gealterten, fett gewordenen Typen. Der sich zum Voyeur entwickelnde Simon verfolgt schließlich eine junge Studentin, während Jerry dasselbe mit seinem Sohn macht, der verzweifelt das Weite sucht. Kathleen, die Ehefrau, hat Jerry zu diesem Zeitpunkt schon längst verloren. An einer Stelle des Buches heißt es: „Die Liebe macht dem Liebenden das Warten kostbar, der sicher ist, daß die Liebe Wort hält.
Nun, die Liebe hält offenbar gar nichts – und die Zeit zerfällt in tausend Stücke. Dem Debütanten McAdam ist hier ein interessanter Roman über das Bauen und die Liebe gelungen. Ein Roman, der es versteht, hinter banalen Baugerüsten eine einsame poetische Wahrheit aufscheinen zu lassen. Nur für Leser, die solche Banalitäten nicht scheuen.

Frank Kaufmann


Colin McAdam: Ein großes Ding.
Roman. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld.
Verlag Klaus Wagenbach 2004.
Gebunden. 376 Seiten, 22,50 Euro.
ISBN: 3-8031-3190-1

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