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António Lobo Antunes: Elefantengedächtnis.

13.12.2004


Schreiben als Liebesversprechen

Endlich auf Deutsch erschienen ist jetzt António Lobo Antunes' fulminantes Debüt "Elefantengedächtnis". Wolfram Schütte betrachtet es im Licht des Gesamt-Oeuvres.


 

Das Debüt eines Autors ist in den wenigsten Fällen sonderlich aufregend, wenn es sich nicht z.B. um Goethes „Werther“ oder Célines „Reise ans Ende der Nacht“ handelt – also um erkennbare Geniestreiche. Meist lassen erste Bücher nicht ahnen, was ihnen ihre Autoren noch an besser Gelungenem folgen lassen werden.

Viel aufschlussreichender ist es dagegen, spät erst mit dem Anfang eines über mehrere Jahrzehnte hin entstandenen Werks konfrontiert zu werden, das man gut kennt und seit geraumer Zeit verfolgt hat. Sofern es wie ein Baum gewachsen ist, befindet man sich dann als Leser in der vorteilhaften Lage, den Erstlingstrieben nachträglich abzulesen, was aus ihnen dann als vollrauschender Baum entwachsen ist. Denn es gibt Autoren, in deren Debüts fast alle Eigenarten und Originalitäten schon versammelt sind, die der Schriftsteller (Maler, Musiker, Filmemacher) dann im Laufe seines späteren Werkes immer wieder (und immer wieder anders) erst entfaltet, ja: zum Blühen und Vergehen gebracht hat. Bei dem 1942 geborenen portugiesischen Schriftsteller António Lobo Antunes erlaubt die sich ebenso voran- wie zurückbuchstabierende deutsche Publikation seines noch stetig fortschreitenden Werks, daß man als sein Leser in den vergangenen Jahren abwechselnd sowohl seine jüngsten Romane als auch seine frühesten (i.e. ältesten) lesen konnte. So sind zuletzt von seinem Frühwerk 2002 der umfangreiche „Fado Alexandrino“, 2003 sein dritter Roman „Einblick in die Hölle“ und nun sein literarisches Debüt „Elefantengedächtnis“, immer in der tadellosen Übersetzung Maralde Meyer-Minnemanns, bei Luchterhand erschienen.

Hattrick eines späten Beginners

Ein Elefantengedächtnis gehört wohl zur Grundausstattung eines Romanciers wie Lobo Antunes, je weiter er sich auch im Laufe seines Schreibens vom Autobiographischen entfernt haben mag. Wer fliegt, muß sich einmal vom Boden abstoßen (oder ihn um- & umwälzen, wie das Marcel Proust in seiner „Recherche du temps perdu“ tat). Das „Frühwerk“ des immerhin erst mit 37 (!) Jahren an die Öffentlichkeit getretenen Portugiesen besitzt engste autobiographische Bodenhaftung und gerade sein Debüt „Elefantengedächtnis“ ist von einer noch heute erstaunlichen, wenn nicht gar moralistisch gesprochen: „obszönen“ Lebensnähe des tastend-werdenden Schriftstellers.

Aus einer angesehenen Lissaboner Arztfamilie als ältester seiner fünf anderen Brüder stammend, hatte er bereits als Chirurg und Offizier im Kolonialkrieg in Angola 3 Jahre gedient, danach als Psychiater in einem großen Lissaboner Krankenhaus gearbeitet, war verheiratet gewesen, hatte zwei Töchter, und war geschieden und lebte allein – bevor er seit 1976 an seinen drei ersten Büchern zu schreiben begann, wobei „Elefantengedächtnis“ und „Der Kuss des Judas“ 1979 fast gleichzeitig und ein Jahr später „Einblick in die Hölle“ erschienen. Ein „Hattrick“, mit dem sich der „Benfica“-Fan an die Spitze der portugiesischen Literatur katapultierte.

Der so spätete literarische Debütant hatte ausführlich gelebt und viel mehr noch erlebt oder gar überlebt: Familiengeschichten, Liebe und Ehe, den mörderischen Krieg in Afrika, das Grauen des Inneren Kriegs in der Psychiatrie, den Selbstzweifel, die Verlassenheit, den Hochmut, die Einsamkeit. Letztere ist nicht mehr von ihm gewichen, seit er (fast) sein ganzes darauf folgendes Leben (dem noch eine zweite, nicht lange glückliche Ehe mit einer Frau aus einer der reichsten Familien Portugals folgte & eine Tochter) ähnlich wie Flaubert dem Frondienst & der Obsession des Schreibens opferte; und das bis heute, da er in diesem Jahr, nach 17 Romanen und zwei Erzählungsbänden sein 25jähriges Verlagsjubiläum feierte – und als der „außergewöhnlichste lebende Schriftsteller“ dennoch nicht den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, der an seinen intimen portugiesischen Konkurrenten Jose Saramago ging.

Das „Elefantengedächtnis“ also jetzt auf deutsch: ein fulminantes Debüt, kraftvoll, satirisch, poetisch, lyrisch, erotisch und vor allem: ungeschützt autobiographisch bis tief ins Familiäre der Eltern wie der eigenen Ehe hinein. Aber – im Unterschied zu jüngsten deutschen literarisch-romanesk verbrämten „Abrechungen“ mit erotischen Autobiographika – nicht gehässig, sondern selbstanklägerisch und „der Liebe voll“, gewidmet „Zézinha und für Joana“, der verlassenen Frau und der ersten Tochter.

Selbstfindung mit großen Vorbildern

Ein Psychiater, der sich nach 13 Jahren Ehe von seiner Frau und ihren zwei kleinen Kindern getrennt und den Verlust der geliebten Frau und seiner Kinder nicht verwunden hat; der sich in seinem ärztlichen Beruf und an seiner Arbeitsstätte in einem Krankenhaus in Lissabon fehl am Platze fühlt, die Psychiatrie ebenso hasst wie sich selbst; der von traumatischen Erinnerungen an seine unglückliche Kindheit, der kühlen Beziehung zu seiner Mutter genauso heimgesucht wird wie von den Traumata des Kolonialkriegs und mit der Realität der ihm entfremdeten Heimat sich konfrontiert sieht; der nur von sich & mit sich spricht als einer „lächerlichen Person“, laufend in dieser Erzählung seiner Tage und Nächte vom „Er“ zum „Ich“ wechselt – ganz wie der Autor, der er werden soll nach dem Wunsch & Willen seiner verlassenen Frau, und der sich aus den Bedrängungen seines „beschissenen Lebens“ zwischen Gruppenanalyse und Spielcasino-Besuch erst einmal mit Schmerzen befreien muß. Wo „ich“ war, soll „er“ werden, bevor Lobo Antunes viel später dann endgültig zum „Es“ übergehen wird: dem polyphonen in- & auswendigen Gespräch der Stimmen, Erinnerungen, Obsessionen, Utopien seiner Figuren, aus denen er die polyphonen Partituren für die lyrischen Epen seiner heutigen Romane komponieren wird, in denen Autobiografisches sich vollständig aufgelöst hat bis zum Verschwinden in den Labyrinthen seiner Fiktion.

Weit sind wir davon hier noch entfernt: aber die Landschaft der Lissaboner Stadtviertel, der Vorstädte samt ihrer Straßen & Plätze und die Psychiatrie mit ihren Verrückten und Debilen, das triste Junggesellenapartment, die Bars und Mittags-Gaststätten und vorallem die Bewegungen zwischen diesen Örtlichkeiten, die in vielen seiner späteren Romane wiederkehren -: sie alle sind im Erstling schon versammelt.

Natürlich wird im „Elefantengedächtnis“ sowohl das Satirische wie das Lyrische ausprobiert, ohne daß der erste Roman schon die Sicherheit besäße, mit beiden Extremen schlüssig umzugehen. Auch kleben an dem eben ausschlüpfenden Romancier noch die Eierschalen seiner ausgreifenden Lektüren und künstlerischen Erfahrungen, die das Buch mit Verweisen auf Proust oder Van Gogh, Scott Fitzgerald oder Giacometti, Gottfried Benn (!) oder Visconti und Fellini, Rembrandt, Degas, Pink Floyd, John Wayne, Nabokov, Tschechow, García Márquez é tutti quanti sprenkeln – wenn der poeta doctus nicht gar Gedichte von Dylan Thomas oder Lieder von Paul Simon einfach ganz zitiert.

Wie sehr der sprachmächtige Prosaist Lobo Antunes ursprünglich von der Lyrik herkommt, wird bereits im „Elefantengedächtnis“ nicht nur ersichtlich aus den für ihn „typischen“ metaphorisch-allegorischen Bild-Verdichtungen wie z.B: „Einer trug ein Kofferradio unterm Arm, das urplötzlich einen Schwall wahnsinnig lauter Musik ausspie, so wie eine Wasserspülung ein Durcheinander von Zweiunddreißigstelnoten erbricht“; oder: „Ein Ehepaar in der Krise, das in stillem ehelichen Haß die Stacheln aufgestellt hatte und, den Blick starr auf den Horizont einer strittigen Scheidung gerichtet, wütend rauchte“. Das Lyrische, die konstante Grundmelodie seiner Erzählepik bis heute, tritt im literarischen Debüt (anders als später) sogar unmittelbar hervor, wenn er etwa die Erinnerung an das erste Treffen mit seiner Frau in einer emphatischen Beschwörung ausklingen läßt: “... meine seit jeher und meine einzige Frau, meine Lampe in der Dunkelheit, Abbild meiner Augen, Septembermeer, meine Liebe“.

Der lange Brief zum Liebesabschied

Aber noch unmittelbarer als in „Judaskuß“ und „Einblick in die Hölle“ (den zwei anderen Romanen seiner ersten Erzähltrilogie) ist es António Lobo Antunes im „Elefantengedächtnis“ selbst, der sich dem Leser mit einem Dostojewskihaften Bekenntnis- & Erniedrigungsdrang in aller Erbärmlichkeit eines „ganz unten“ in der selbstverschuldeten „Scheiße“ sitzenden „Versagers“, der in seinem Selbstmitleid zu verkommen droht, vor Augen stellt: nackt & bloß, „winselnd“, wie er einmal schreibt, im Bewusstsein, den einzigen Menschen aufgegeben zu haben, der im Leben wie niemand sonst zu ihm passte – und wie kein zweiter an ihn und (man muß es so pathetisch sagen:) seine „poetische Sendung“ als kommender Schriftsteller glaubte.

Insofern ist das literarische Debüt zugleich nichts anderes als ein langer Brief zum schmerzhaften Abschied (von der Liebe, vom Glück, der Familie, dem „normalen“ Leben): ein verzweifelter, offener Liebesbrief an seine (erste) Frau, die ihm noch kurz bevor sie sich trennten, beschwörend gesagt hatte: „Ich lasse nicht zu, daß du aufgibst, mit mir oder ohne mich, denn ich glaube an dich und ich habe auf dich gesetzt“.

Seltsam abstrakt bleibt im Roman, warum der Psychiater die geliebte Frau und seine Töchter verlassen hat, obgleich er refrainartig im „Elefantengedächtnis“auf sein Liebesverbrechen zurückkommt. Aber wiewohl er sich & und seine Liebe mit den historischen und literarischen Mythen Portugals verbindet, gelangt er nicht über den pauschalen Selbstvorwurf hinaus: „Was habe ich wirklich für dich getan, worin habe ich wirklich versucht, dir zu helfen? Indem ich meinen Egoismus deiner Liebe entgegenstellte, mein Desinteresse deinem Interesse, mein Aufgeben deinem Kampf?“ Wobei hätte er ihr „helfen“, bei welchem „Kampf“ hätte er ihr beistehen sollen – was hatte ihn zum Versager gemacht angesichts „des ersten Menschen, der ihn ganz geliebt hatte, mit all dem riesigen Gewicht seiner Mängel“?

Schreibend die Schuld abtragen


Die vielberedete Schuld, die auf ihm lastet, ist wohl unausgesprochen in der existentiellen Entscheidung des Autors zu sehen, bürgerlichen Beruf und Familie radikal zugunsten der Literatur aufzugeben, sich ganz & gar für den Solipsismus des einsamen Schreibens zu entscheiden und darin allein sein Glück, seine Befriedigung zu finden, um endlich auch dem Bild zu entsprechen, das sich seine geliebte Frau von ihm und seinen künstlerischen Möglichkeiten gemacht und zu dessen Verwirklichung sie ihn immer wieder gedrängt hatte, koste es (für sie), was es wolle.

Das Faktum, daß der Lebensunglückliche nach der Trennung die Schleusen für gleich drei Romane öffnete (mit denen er sich die autobiographischen Depressionen von der Seele schrieb), spricht ebenso dafür wie sein fast protestantisches Arbeitspensum & Pflichtbewusstsein, mit jedem Buch seine Leser nicht zu enttäuschen und die Sprach-Kunst des Romans zu verändern und zu erweitern. In den zwölf Gesprächen, die der einzelgängerische, verschlossene, schweigsame Autor mit der spanischen „El Pais“-Journalistin María Luisa Blanco kürzlich erst führte (und die seit einem Jahr auch auf deutsch vorliegen), ist solche „Schuldigkeit“ der Basso continuo seiner Selbstbekenntnisse. Eine Schuldigkeit, die ihren Grund hat in der „Schuld“ seiner initiativen „Fahnenflucht“ vom Leben in die Kunst und in der Hoffnung des Schriftstellers, jene durch diese zu tilgen. Wie sehr die Initialzündung von Lobo Antunes´ Oeuvre mit der fortdauernden Liebe zu seiner ersten Frau Zézinha verschmolzen ist, wird dem kundigen deutschen Leser seiner Romane gerade durch dessen hiesige Publikationsgeschichte einleuchtend. “Dylan Thomas war der Kerl, auf den ich am eifersüchtigsten war, dachte der Psychiater“ im „Elefantengedächtnis“, weil seine Frau dessen „Verse so sehr liebte“ – und António Lobo Antunes, setze ich hinzu, heute „Romane für Stimmen“ schreibt, wie der Waliser Dichter in „Milkwood“ einst sein „Spiel für Stimmen“. So hat er, im intimsten Bezirk seiner lebenslangen Liebe zu „Ze“, sich an die Stelle des einstigen Konkurrenten gesetzt, auf den er eifersüchtig war, als er noch nichts geschrieben hatte. Der 2000 erschienene Roman „Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht“ zitiert dann auch im Titel eine Gedichtzeile von Dylan Thomas, eine Anrufung des Walisers an dessen sterbenden Vater. Lobo Antunes hat diesenen späten Roman „Ze“ gewidmet, „die schon eine Möglichkeit finden wird, dieses Buch zu lesen“ – eine „fromme“ Hoffnung. Denn sie war „in diese dunkle Nacht gegangen“, als der Roman erschien; aber während der Arbeit daran hatten sich die über zwanzig Jahre getrennt L(i)ebenden versöhnt und er hatte seine erste Frau, die an Leberkrebs starb, in ihren letzten Lebensmonaten gepflegt und bei ihrem letzten „Gang“ begleitet. So schließt sich der Kreis.

Wolfram Schütte


António Lobo Antunes: Elefantengedächtnis. Roman. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Luchterhand-Verlag, München 2004. Gebunden. 207 Seiten, 18

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EuroMaría Luisa Blanco: Gespräche mit António Lobo Antunes. Zahlr. Abb.
Aus dem Spanischen von Maralde Meyer-Minnemann.
Sammlung Luchterhand Nr. 2059, Luchterhand-Verlag, München 2003.
286 Seiten, 10 Euro

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