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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:11

 

John Barth: Die schwimmende Oper

03.02.2005

 
Jetzt endlich als Taschenbuch erschienen!

Coming Late!!!

Die deutsche Übersetzung von John Barths Debütroman Die schwimmende Oper ist endlich erschienen.

 

Vor fast einem halben Jahrhundert betrat in den USA ein Autor die literarische Bühne, der, laut eigener Aussage, für die Niederschrift seines Debütromans drei Monate gebraucht hatte, sowie drei Monate für das Lektorat und daraufhin noch einmal drei Monate für - den zweiten Roman. Dass dieser scheinbar nichts weiter tat, als den Erstling in Plot, Motiven und Figurenkonstellation zu wiederholen, hielt die Kritik nicht davon ab, ihn für den National Book Award zu nominieren. Einige Jahre und literarische Dopplungen später, der Autor war inzwischen zu einem Maßstab der maßstabslosen Postmoderne geworden, kreierten Sekundärliteraten gar einen Terminus für seinen Hang zum Selbstplagiat: twinning.

Nun mag man von solch staubigen Schubladen so wenig halten, wie man will - in diesem Fall erweist sich der Begriff als zumindest hilfreich. Denn Zwillinge, Drillinge, ach, n-linge! sind tatsächlich konstitutiv für das Werk des amerikanischen Postmodernisten John Barth. Beginnend mit dem Doppelschlag von The Floating Opera (1956) und The End of the Road (1958), das zwar erst zwei Jahre nach dem Debüt erscheint, jedoch im gleichen Jahr verfasst wurde, haben sich die Reproduktionen bis heute derart konsequent fortgesetzt, dass auch geduldige Leser sich ob soviel Eineiigkeit irgendwann abwandten.

Schwimmende Erzähler

Der vorläufige Endpunkt dieser Entwicklung spiegelt dabei, wie könnte es anders sein, den Anfang. Als handle es sich nur um eine weitere seiner Inszenierungen ist jetzt in den USA Barths "möglicherweise letzter Roman" fast zeitgleich mit der ersten deutschen Übersetzung von The Floating Opera (Die schwimmende Oper) erschienen. Coming Soon!!! heißt der Erzähltext, in dem es just um Barths Erstling geht, vor allem aber um das Erzählen von einer schwimmenden Oper, auf der von einer schwimmenden Oper erzählt wird, von mehreren ins Schwimmen geratenden Erzählern.

Was sich hier schlimm anhört - und es in Buchform auch ist -, fing doch ganz anders an. Denn im Gegensatz zu seinem neuesten, nach der Lektüre ist man versucht zu sagen: hoffentlich letzten Roman ist Barths Ur-Text Die schwimmende Oper ein so gelungenes Beispiel für postmodernes Schreiben, dass man sich nur wundern kann über die Verspätung, mit der die deutsche Fassung nun endlich bei Liebeskind vorliegt.
Warum jedoch funktioniert der Roman von 1956, während der von Ende 2001 so kläglich scheitert? Wollte man bösartig sein, könnte man unterstellen, dass der junge Barth schlicht noch kein Werk hatte, auf das er sich selbstreflexiv beziehen konnte; dass sein Schreiben also notwendigerweise von irgendetwas außerhalb der reinen Textualität gedeckt sein musste.

Dies äußert sich in Die schwimmende Oper in einem Existentialismus, der das Buch bei aller geistesgeschichtlichen Frühreife als typisches Produkt der fünfziger Jahre ausweist; genauer gesagt: in der Camus'schen Frage nach dem Wert des Lebens angesichts der Möglichkeit des Selbstmords.

Todd Andrews, Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, scheint an einem Morgen im Juni 1937 - "entweder der 21. oder 22." - eben darauf die Antwort gefunden zu haben: "In irgendeinem Moment [...] - der Moment als das kalte Wasser mein Gesicht traf, erscheint mir wahrscheinlich - wurden mir alle Dinge im Himmel und auf Erden mit einem Schlag klar, und ich erkannte, daß ich diesen Tag zu meinem letzten machen würde. Ich würde mich an diesem Tag umbringen."

Lebendiger Todd

Dass er das nicht tat, wissen wir als Leser von Anfang an. Denn bereits in den ersten Sätzen erklärt Todd, er wolle sich der Ereignisse nach Jahren narrativ erinnern. Dem späteren Barth wäre es durchaus zuzutrauen gewesen, den geplanten Selbstmord trotzdem stattfinden, d.h. einen Toten berichten zu lassen; in der Schwimmenden Oper allerdings beschränken sich Fiktionalität und Meta-Fiktionalität noch auf die selbstreflexiven Gedanken eines sehr lebendig wirkenden Erzählers, der nicht zufällig Todd heißt - "Todd mit zwei d", also nur "Beinahe-Tod", wie der deutschstämmige Autor feststellt.

Folglich kann es nicht um das Ob des Selbstmords gehen, sondern um das Zustandekommen der Entscheidung dafür. Barth jedoch setzt, anders als seine modernistischen Vorgänger, diese Entwicklung gleich mit ihrer narrativen Gestaltung: Nicht die Erzählung wird psychologisiert, sondern die Psychologie wird Erzählung. In ästhetisch genau berechneten Rückblenden wird uns Stück für Stück die Genese von Todds Denken enthüllt. Freilich entgeht auch Barth dabei nicht einem gewissen Determinismus: Dass Todd so nihilistisch ist, wie er schreibt, hängt natürlich nicht wenig mit dem Totschlag zusammen, den er im Ersten Weltkrieg an einem deutschen Soldaten begangen hat; und der von ihm nie überwundene Selbstmord des Vaters liefert gar die explizite Begründung seines Schreibens.

Dennoch ist Todd eher eine Denkfigur, ein ästhetisiertes Spiel mit philosophischen Ideen. Als Roman funktioniert dies, weil es den dafür einzig erträglichen Modus wählt: die Komödie. All die schwerverdaulichen Abstrakta - Freiheit, Liebe, Alter, Recht und Gesetz - werden satirisch durchdekliniert; sei es in Todds ménage à trois mit dem promiskuitiven Ehepaar Mack, dessen scheinbare Freigeistigkeit aus einer bemerkenswerten Freiheit von Geist entsteht; sei es in den hanebüchenen juristischen Siegen, die er als Anwalt erringt; oder in dem Vitalismus, mit der sein greises alter ego Capt. Osborn jeden Tag begrüßt, während er sich zur Belebung den Morgenkaffee über die eingeschlafenen Glieder gießt.

Die Postmoderne macht ernst

Genau hieraus ergibt sich auch der Vorwurf, den man Barths zuletzt erschienenem Roman Coming Soon!!! machen muss: Er thematisiert erneut die schwimmende Oper, doch entbehrt er dabei jeglicher Komik. Auf knapp 400 Seiten entwirft der Autor - oder wer auch immer - eine semi-fiktionale Genealogie seines ersten Erzählstoffes, garniert mit einem offensichtlich pikant gemeinten Wettstreit zwischen ihm selbst, dem Verfasser der Schwimmenden Oper, und einem aufmüpfigen Eleven. Doch selbst die Unzahl narrativer Kniffe, durch die das Buch schon früh alle Grenzen der Zumutbarkeit überschreitet, kann nicht über seine Substanzlosigkeit hinwegtäuschen. Hier macht die Postmoderne ernst: Der Autor ist tot. Barth, der einst in der Erschöpfung der traditionellen Formen die Chance einer neuen Literatur, einer literature of replenishment, sah und erfolgreich verkündete, scheint sich selbst erschöpft zu haben. Was bleibt, ist ein gewaltiges Werk, das in dem Roman Die schwimmende Oper einen fulminanten Anfang nahm; und dessen letzter Beitrag Coming Soon!!! nur noch wenig mehr darstellt als ein Kompendium für Erzählseminare. Hier kann die Übersetzung gar nicht spät genug kommen.

Mathias Tretter


John Barth: Die schwimmende Oper. Roman. Aus dem Amerikanischen von Matthias Müller. Berliner Taschenbuch Verlag 2005. Broschiert. 352 Seiten. 9,90 Euro. ISBN 383330121X.

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