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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:12

 

Aharon Appelfeld: Geschichte eines Lebens.

07.02.2005

 
Leben, um davon zu erzählen?

Zum ersten Mal sagt Aharon Appelfeld "Ich" und meint damit sich selbst, als Person. Er erzählt in seinem neuesten Buch das, was er erzählen kann von der Geschichte seines Lebens. Bukowina, Flucht durch die Wälder, Israel. Alles bleibt in den Körper eingeschrieben.

 

Wenn jemand anhebt, um von seinem Leben zu berichten, dann kann das oftmals eine ausufernde Angelegenheit werden. Plötzlich mutieren Randerscheinungen des eigenen Daseins zu außerordentlichen Ereignissen. In der Retrospektive mag der Stoff, aus dem das eigene Leben gewoben ist, als tausendfältig und unauslotbar erscheinen, als ein Fass, aus dem sich die Anekdoten ohne Unterlass ergießen. Für denjenigen, der dieses Leben dann nachlesen muss, ist es mitunter nur von träger Langeweile gekennzeichnet.
Bei Aharon Appelfeld kann davon nicht die Rede sein. Er bringt die Geschichte eines Lebens, die die Geschichte seines Lebens ist, auf kaum mehr als zweihundert Seiten unter. Eine recht kurze Distanz, mag man denken. Und doch wird sie dem Erleben, von dem Appelfeld zehrt (und das an ihm zehrt), so gerecht, wie es ein auf Länge und Ausführlichkeit getrimmter Bericht niemals werden könnte. Episoden gewähren dem Leser Einsicht in ein Leben. Schlaglichter erhellen eine Biografie.

Leben im Ghetto

Aharon Appelfeld wurde 1932 in der Bukowina geboren, in Czernowitz, in jener Stadt, in der, Rose Ausländer zufolge, Märchen und Mythen in der Luft lagen. Im assimilierten jüdischen Elternhaus gilt Deutsch als die Sprache der gebildeten Stände. Rumänisch ist Amts-, Ukrainisch ist Umgangssprache und Ruthenisch hört man unter den eingeborenen Stämmen. Appelfeld bewegt sich in all diesen Sprachen und doch kommt ihm die Sprache als solche abhanden.
Das Kind lernt, sich still und unauffällig zu verhalten. Es lernt zu schweigen. Sein Überleben hängt davon ab. Die sorglose Kindheit hat ein Ende, bevor sie überhaupt erst richtig begonnen hat. Im Ghetto gehen Veränderungen in den Menschen vor, die das Kind befremden. Am sympathischsten sind ihm noch die Schweiger und diejenigen, welche ohne viel Lärm, ihre Würde – die Würde des Menschen an sich – aufrecht zu halten versuchen.

Flucht in die Wälder

Auf dem Todesmarsch durch die ukrainische Steppe kann Aharon Appelfeld entwischen, irgendwie, die Erinnerung hält hierfür keine Erklärung bereit. Der gerettete Körper ist der einzige Beweis. Er schlägt sich durch die Wälder, jahrelang, allein. Ein Kind, das sich geistig nur durch den Gedanken an die toten Eltern, deren Rückkehr es jeden Moment erwartet, am Leben erhält. Doch der Körper folgt seinem eigenen Antrieb, wenn der geistige Wille erschöpft liegt, macht er weiter. Der Körper denkt nicht, oder auf andere Weise, er bewahrt das Erlebte, die Erinnerung wie Brandzeichen, die ihm aufgedrückt werden. Es liegt nichts Heroisches in diesem Körper, nur ein unerklärlicher Lebensansporn. Und Aharon Appelfeld kann sich, was ihm passiert ist, selbst nicht erklären. Sein Leben steht ihm, wenn er darüber schreibt, als etwas Fremdes gegenüber. Ist das wirklich geschehen mit mir? Schreibe ich da nicht von einem anderen? Diese Zweifel ziehen sich durch den gesamten Text, und sie helfen gleichsam zu verstehen, wie die Erinnerung, wenn sie traumatisiert ist, funktioniert. Sie funktioniert über Zeichen. Wenn die Zusammenhänge verloren gehen, kommen die Bruchstücke zum Zuge. Ein Apfelbaum beispielsweise, dessen pralle rote Früchte im öden Wald aufscheinen, und wie eine Verheißung, wie ein Wunder in einem Märchen plötzlich ins Leben treten.

Auf dem Weg nach Israel

Aharon Appelfelds Weg führt ihn schließlich nach Italien, in die Flüchtlingslager, in denen die Menschen auf die Schiffe warten, die sie nach Israel bringen sollen. Auch dies ist kein Ort für Kinder, zu tief sitzen die Zerstörungen, die Krieg, Verfolgung und Vernichtung in den Seelen hinterlassen haben.
In Israel schließlich beginnt Aharon Appelfeld von neuem. Und es ist ein mühsamer Neubeginn. Er beherrscht das Hebräische nicht und muss es von Grund auf erlernen. Eigentlich beherrscht er keine Sprache richtig. Die Zeit, die er in Stille und innerlicher Abschottung verbracht hat, lässt sich nicht einfach tilgen. Aber er lernt das Land lieben, er lernt, sich mit ihm auseinander zu setzen, sich an ihm zu reiben. Er lernt, es an seine Brust zu drücken, und er lässt sich von ihm – und den Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen darin Zuflucht gefunden haben – in den Arm nehmen. Sein Leben, das ihm der Krieg geraubt hat, wird ihm in dem Land und durch das Land wiedergeschenkt, denn er wird sich bewusst, "dass die Welt, die ich zurückgelassen hatte – die Eltern, das Zuhause, unsere Straße und die Stadt –, in mir weiterlebten und verwurzelt waren und alles, was mir passierte oder in Zukunft passieren würde, mit der Welt in der ich aufgewachsen war, zusammenhing."
Aharon Appelfeld hat ein Buch geschrieben, das keinen Raum bietet für Sentimentalitäten. Es beherbergt einen großen Schmerz, der um die Erinnerung kreist, die immer wieder neu erschrieben werden muss.

Von Lars Reyer

Aharon Appelfeld: Geschichte eines Lebens.
Roman. Übers. von: Anne Birkenhauer.
Rowohlt.
2005. Geb. 202 S. 17,90 ¤.
ISBN 3-87134-508-3

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