Danilo Kis: Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch
28.02.2005
Gedacht soll ihrer werden
Begleitet von einem Vorwort des russischen Literaturnobelpreisträgers Joseph Brodsky und einem Nachwort der Übersetzerin Ilma Rakusa ist jetzt Danilo Kis´ „Grabmal für Boris Dawidowitsch“ erschienen – und das Meisterwerk der modernen Weltliteratur wurde von der Literatur-Kritik so gut wie übersehen.
Von Wolfram Schütte
Danilo Kis errichtet Kenotaphe für Täter & Opfer des Totalitarismus
Das Wort Palimpsest ist griechischen Ursprungs. Es bezeichnet ein Pergament oder im Ägyptischen einen Papyrus „mit einer älteren (abgekratzten, leicht wiederherzustellenden) und mit einer darüber gesetzten späteren Handschrift“, wie das „Neue deutsche Wörterbuch“ definiert. Da Schreibunterlagen in der Antike teuer waren, wurden sie oft mehrfach benutzt, wobei die Spuren ihrer Erstbenutzung nicht vollständig getilgt werden konnten oder wie beim Papyrus, der aus verschiedenen, aufeinander geklebten Schichten bestand, unter der neuen Beschriftung die alten, vorherigen wieder (fragmentarisch) hervortraten oder durchschienen.
Der jugoslawische Schriftsteller Danilo Kis (1935/89) gebrauchte das Wort für seine eigene Literatur als Metapher und meinte damit „meistens literarische Tradition, literarische Erfahrung“. Wenn ein Schriftsteller zu schreiben beginnt, hat er zwar ein leeres Blatt Papier (& heute den leeren Bildschirm) vor sich, aber „in das Papier ist die ganze Erfahrung der Literatur, der Literatur überhaupt und vor allem die literarische Erfahrung des Schriftstellers, wie ein unsichtbares, aber erahntes Palimpsest eingeprägt“.
Kis´ Vorstellung vom Schriftsteller setzt einen Kenner & Professional des Metiers voraus, der weiß, daß er sich in einem historischen Raum von Erkenntnissen, Erfahrungen, Techniken der Literatur und des Literarischen aufhält und nun versucht, „im Rahmen der Erfordernisse des Genres und der Tradition das Unmögliche zu tun: sich mit seiner Stimme aus dem gewaltigen Chor zu lösen, mit seinem Leben und seinem Schicksal ein authentisches Leben und Werk zu schaffen, inter pares erkennbar, denn jede andere Lösung birgt die Gefahr der Wiederholung und Banalität in sich. Denn Banalität ist nichts anderes als die Wiederholung identischer Formulierungen“. Oder um mit Isaak Babel zu sprechen: „Banalität ist konterrevolutionär“, was sich, wie Danilo Kis wiederum hinzufügt, „im politischen Kontext als richtig erwies: Wenn Revolutionen siegen, werden sie zu Trägern der Banalität: des Stils, des Sprechens, des Denkens“.
Die zwei Jahrhundert-Erfahrungen
Wie aber ist von mörderischer, selbstmörderischer Banalität – nämlich nach dem Sieg der bolschewistischen Revolution und ihrer Verkommen- oder Erkennbarkeit im Stalinismus – zu erzählen, ohne in die Banalitätsfalle zu geraten? Ich stelle mir vor, daß Danilo Kis – Sohn eines ungarischen Juden, der in Auschwitz ermordet wurde, und einer Montenegrinerin, die ihren Sohn Danilo orthodox-christlich taufen ließ, um ihm dem väterlichen Schicksal mit Erfolg zu entziehen, vor dieser poetologischen Frage stand, nachdem er von der zweiten der beiden „wichtigsten Erfahrungen der Menschen im 20.Jahrhundert“ literarisch Zeugnis ablegen wollte. Die erste dieser Erfahrungen durchwirkte sein „Familienunglück“-Zyklus, die Trilogie „Frühe Leiden“, „Garten, Asche“ und „Die Sanduhr“. Es waren ebenso skrupulöse wie imaginative Evokationen seiner Kindheit, seines exzentrischen Vaters und der Vielvölker- & Sprachenwelt Pannoniens im tiefen Schatten des Faschismus.
Solche autobiographische Unterfütterung und lokale Inventarisierung stand ihm nicht mehr zur Verfügung, als er seinen Roman „Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch“ als Projekt ins Auge fasste; aber dafür die Fülle von Berichten, Memoiren, Lebens-Schicksalen von Koestlers „Sonnenfinsternis“ über Solschenizyns „Archipel Gulag“ bis zu Nadeschda Mandelstams „Jahrhundert der Wölfe“ und zahlreichen anderen Dokumenten & Zeugnissen. Sie waren es ja, die ihm die Augen geöffnet und sie ihm, mit Goethe gesprochen, „übergehen“ ließen – vor Scham, Bestürzung und Trauer angesichts der Schande des Stalinismus und seiner Opfer. Als Intellektueller und literarische Revolutionär richtete Kis sein Augenmerk vor allem auf jene Revolutionäre der „Weltrevolution“, die sie, zumeist die Namen wie die Länder wechselnd, klandestin mit Wort & Tat, mit Gewalt und Terror befördert hatten und zuletzt fast alle im gewaltigen Terror des Stalinismus durch die raffiniertesten Foltermethoden psychisch gebrochen, als „Entkernte“ in den Archipel Gulag verbannt und zumeist auch dort, wie Millionen Namenlose, zugrunde gegangen oder umgebracht worden waren. Auch ihre Verräter, Peiniger & Richter fanden sich oft zuletzt dort wieder – und mancher, wie der Doktor Taube (in „Der magische Kreislauf der Karten“), der den Archipel Gulag überlebt hatte, wurde noch danach das Opfer eines gleich ihm entlassenen Kriminellen, der Taube, aufgrund eines noch im Lager verlorenen Mörder-Spiels, dort nicht mehr hatte umbringen können und den demütigenden Makel, deswegen unter seinesgleichen verhöhnt zu sein, erst „in der Freiheit“ tilgen konnte.
Denkmäler über leeren Gräbern
Vom russischen Autor der „Dämonen“, in deren Dunkelwelt von Verschwörern vieles von dem vorweggenommen wurde, was dann in großem Maßstab stalinistisch realisiert wurde, von Dostojewski also, stammt der Befund, den Kis erst recht nach den Erfahrungen in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, sich zueigen machte: „Nichts ist phantastischer als die Wirklichkeit“ – umso mehr, wenn man sie mit dem inventaristischen Blick eines Danilo Kis sich aus der Summe minimalster & monströsester Geschehnis-Dokumente vor Augen stellt. Der Autor des „Grabmals für Boris Dawidowitsch“ brauchte also nichts von den Absurditäten und Sophismen, Dialektiken und Monstrositäten seiner Lebensläufe zu erfinden, sondern nur das Vorgefundene ab-, auf- & umzuschreiben für seine Prosastücke aus dem verdammten Heldenleben - & -sterben.
„Die alten Griechen hatten einen verehrungswürdigen Brauch“, schreibt Kis im Verlauf seiner imaginären Rekonstruktionen von spurlos Verschwundenen & Vergessenen. Die Griechen der Antike errichteten den in der Ferne & Fremde Umgekommenen & physisch Unauffindbaren, „in der Heimat ein sogenanntes Kenotaph, ein Grabmal über einem leeren Grab, denn der Körper ist bloß Feuer, Wasser oder Erde, die Seele aber das Alpha und Omega: ihr gebührt ein Heiligtum“.
Es sind Kenotaphe, die Danilo Kis in dem Roman „ Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch“ errichtet – literarische Kenotaphe nicht nur für den Titelhelden, sondern auch für die sechs anderen Helden & Märtyrer, Täter & Opfer. Leer sind deren von Kis erschriebenen Gräber nicht allein deshalb, weil sie längst vergessen und unauffindbar wären, sondern weil es sie, so wie von Kis beschrieben, gar nicht gegeben hat. Sie sind allegorische Palimpsest-Erfindungen ihres Schöpfers Danilo Kis: ob sie Boris Dawidowitsch, der viele Namen hatte, Doktor Taube, Tscheljustnikow, Verschoyle oder Miksa hießen.
Denn als poetische Metapher mag ja das Wort Palimpsest, wie Kis sagte, für sein Selbstbewusstsein stehen, immer im Angesicht einer großen literarischen Tradition und mit dem Bewusstsein von ihr zu schreiben; und auch die Biographie eines Schriftstellers enthält übereinander geschriebene Erfahrungs- & Erinnerungsschichten, provoziert von „Elend, Inspiration, Schicksal, schöpferische Krisen“ (Kis).
Literarische Palimpseste & imitierter Dokumentarismus
Aber das literarische Palimpsest des „Grabmals für Boris Dawidowitsch“ besteht in dem bewussten Akt des Schriftstellers, erschriebene Lebensläufe von erfundenen Personen so zu schreiben, daß sich in jedem Augenblick der Schrift – des gewählten Wortes, der Rhetorik des Satzgefüges, der verwandten Metapher usw. – eine zusätzliche, assoziative, kombinatorische Korrespondenz einstellen kann, die weit über die Unmittel- und Mitteilbarkeit des einzelnen Textes hinausgeht und sich aus der präzisen Poetik der Über- oder Unterschreibung durch den Schrift- & Fallensteller Danilo Kis ergibt oder ergeben kann – je nach der Affizierung des Lesers von der dichten Netzstruktur des Textes und seinen literarischen und historisch-politischen Vor-Kenntnissen. „Gould Verschoyle“ heißt es am Ende der Biographie eines irischen Spanienkämpfers, der nach Sibirien verschleppt wurde, „starb im November 1945, in Karaganda, nach einem missglückten Fluchtversuch. Sein steifgefrorener, nackter Körper wurde an den Füßen mit einem Draht aufgehängt und vor dem Lagereingang zur Schau gestellt – zur Abschreckung jener, die vom Unmöglichen träumten“.
Damit ist aber nicht nur der Traum von der unmöglichen Flucht oder der entwürdigend-barbarische Akt der Abschreckung aller anderen Lagerhäftlinge gemeint, sondern auch der falsche Traum vom Unmöglichen: der vollständig durch die Praxis depravierte Traum von einer „gerechten Welt“ und ihrer Verwirklichung im „Vaterland der Werktätigen“. In einem Postskriptum wird mitgeteilt, daß in einem Buch des Dubliner Veteranenverbandes der Name des in Karaganda Ermordeten „irrtümlicherweise unter jenen etwa hundert irischen Republikanern (figuriert)“, die in einer Schlacht des Spanischen Bürgerkriegs 1937 gefallen sind: „So erlebte Verschoyle den traurigen Ruhm, acht Jahre vor seinem wirklichen Tod für tot erklärt worden zu sein“. Verschoyle, verschollen noch im Tod.
Es ist eine allegorische und „uneigentliche“, also durchgängig ironische Poesie, die Kis hier schreibt. Ihr & ihrem Erzähler ist nicht „aufs Wort zu trauen“, weil sie zugleich immer auch auf einen weitreichenderen, nachhallenden Resonanzraum spekulieren – außerhalb & jenseits der durch den Erzähler als wahr & wirklich versicherten Fakten & Fiktionen, Dokumente & Zitate. Dem Leser wird der Resonanzraum sich aber nur öffnen & er kann ihn nur betreten, wenn es ihm gelingt, sich aus der vielfältig inszenierten Innenspannung der einzelnen Texte zu lösen. Das wird einem schwer genug gemacht und spricht, nebenbei gesagt, für eine eminente handwerkliche Meisterschaft im „Suspense“ dieses ästhetisch doch so rigiden Autors.
Danilo Kis hat für seinen Roman, der eine Sammlung von dokumentarisch fixierten Lebensläufen ist, die sich berühren oder kreuzen, so etwas wie die Form einer recherchierenden Chronik gewählt, die aus fingierten und realen Quellen schöpft und von einem Erzähler zurückhaltend & subversiv kommentiert wird. Die moralische Haltung des Erzählers changiert zwischen verdeckter Anteilnahme und bürokratisch-ironischem Zynismus an diesen Tragödien, wie auch seine Darstellungsformen zwischen mitleidloser Registratur und absoluter Poesie wechselten. „In mir habt ihr einen“, könnte er wie aus einem frühen Brecht-Gedicht von sich sagen, „auf den könnt Ihr nicht bauen“. Bewußt sind auch diesen biografistischen Rekonstruktionen, die den Gestus des Dokumentarischen literarisch imitieren, Widersprüche und geografische und chronologische Fehler eingearbeitet, um einerseits die Fiktionen im Wirklichen zu erden und sie andererseits als literarische „Luftnummern“ eines Spielers auszuweisen.
Variationen über das Enigma des Totalitarismus
Mehrere dieser Chroniken bündeln ihre Stoffe, die entsprechend der Lebenslinien ihrer Helden als biografische Fragmente rekonstruiert werden und auch Lücken enthalten, in denen die vom Chronisten Verfolgten ihm aus dem observierenden Blick schwinden –: manche dieser Recherchen bündeln ihre Momentaufnahmen unter Zwischentiteln. Sie können summierenden („Die Vergangenheit“), dramatisierenden („Stunden und Minuten“) und ironischen Charakter („Telephon und Revolver“, „Das Finale“) haben. Andere, wie die Titel gebende (& umfangreichste) oder die Kurzbiografie des opportunistischen Schriftstellers Darmolatow, kommen ohne solche intermittierende Pointierungen aus. Das heißt nichts anderes, als daß Danilo Kis die einzelnen „Sätze“ seiner Variationen über ein Thema (das Totalitäre) gewissermaßen in unterschiedlichen Tonarten & Tempi „gesetzt“ hat. So könnte man etwa in „Die mechanischen Löwen“ ein Scherzo sehen. Darin wird mit Witz erzählt, wie man dem französischen Linkspolitiker Edourd Herriot bei einem Besuch in der UdSSR „potemkinsche Dörfer“ zeigte, was hier heißt: ihm ein freies religiöses Leben vorspiegelte, das vom Geheimdienst zu Herriots Täuschung inszeniert wurde. Dieses Kapitel wird von Kis als „Hommage an André Gide“ ausgewiesen und spielt darauf an, daß einzig Gide von den zahllosen westlichen Sympathisanten und Fellow-Travellern nicht auf die ihnen vorgespielten Fälschungen des Regimes hereingefallen ist.
Kis´ Helden sind europäische Juden (aus der Bukowina, Spanien, Polen, Russland, Irland, Ungarn und Frankreich), die sich der kommunistischen Internationale angeschlossen haben, weil diese gesellschaftlich Ausgeschlossensten zugleich nach sozialer Gerechtigkeit und Emanzipation am entschiedensten verlangten – eine sozialpsychologische, historische Motivation für den hohen Anteil von Juden in der kommunistischen Bewegung, die in Kis´ a-psychologischen Chroniken nicht erwähnt (oder nur an einer Stelle gestreift) wird. Der Autor betrachtete das Judentum in diesem wie in seinen früheren Büchern jedoch nicht als autobiographisches Echo, sondern als kalkulierten „Verfremdungseffekt“. Mittels dieser „literarischen Transposition“ konnte er Utopie & Realität der kommunistischen Ideologie & Praxis zu schneidender Schärfe härten.
Der merkwürdige Fund einer Flaschenpost
Das trifft auf sechs der „Sieben Kapitel ein und derselben Geschichte“ zu, wie der Untertitel des Romans-in-Chroniken lautet. Während diese sechs Biographien unterschiedliche Seiten im Buch des stalinistischen Totalitarismus aufschlagen, blättert Kis in „Hunde und Bücher“ zurück ins frühe 14.Jahrhundert und imitiert den Tonfall einer christlichen Chronik aus dieser Zeit. In ihr wird vom wechselvollen Schicksal des aus Deutschland nach Toulouse geflüchteten jüdischen Schriftgelehrten Baruch David Neumann berichtet, der mehrfach zwangsgetauft wurde und zum Glauben seiner Väter zurückkehrte und mit christlichen Theologen über die Wahrheiten der Religion disputierte.
Kis fand diesen Bericht in einem Buch über die „Inquisition“, das ihm beim Stöbern in einer Buchhandlung in die Hände kam, und zwar: am Tag nach der Beendigung seiner erfundenen Chronik „Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch“ (Nowskij), wie der volle Namen seines Helden lautet, zu deutsch: Baruch David Neumann! Man kann sich Danilo Kis´ zitterndes Erstaunen über diese „Offenbarung und eines Mirakels“ so recht erst vorstellen, als er in dem Bericht von vor 600 Jahren verblüffend stimmige Analogien mit den Motiven, Daten und Namen in seiner fiktiven Geschichte entdeckte, so daß er den unverhofften pataphysischen Fund für „einen göttlichen Eingriff oder eine Machination des Teufels“ hielt. Er platzierte seine Bearbeitung des unverhofften historischen Fundstücks a-chronologisch hinter seinen „Boris Davidowitsch“ und rundete damit seine metaphysische Spekulation vom zyklischen Kreislauf der Zeiten, also von den „Sieben Kapiteln ein und derselben Geschichte“ ab.
Im Verlauf von Baruch David Neumanns Martyrium läßt er ihn sein (und wohl auch Kis´ insgeheimes) Credo in einer erfolglosen Widerrede gegen die fanatisierten Christen verkünden, die Neumanns Bibliothek vernichten werden: „Ich sagte, sie sollen die Bücher nicht zerreißen, denn viele Bücher seien ungefährlich, gefährlich sei nur ein einziges; sie sollten die Bücher nicht zerreißen, da deren Lektüre Weisheit erzeuge, während die eines einzigen Unwissenheit, Tobsucht und Haß verbreite. Sie aber erwiderten, alles stehe im Neuen Testament geschrieben, welches sämtliche Bücher sämtlicher Zeiten enthalte, weshalb man alle anderen Bücher verbrennen müsse; falls aber in diesen anderen Büchern etwas stehe, was in jenem einen nicht enthalten sei, müsse man sie umso eher verbrennen, da sie ketzerisch seien“.
So gesehen, rund dreißig Jahre nach der Publikation von Danilo Kis´ schmalem Roman und im Hinblick auf den heutigen militanten Islamismus, spräche Einiges für den „zyklischen Kreislauf der Zeiten“, der sich offenbar seither enorm beschleunigt hat.
*
Danilo Kis´ „Grabmal für Boris Dawidowitsch“, das 1983 erstmals auf Deutsch im Piper-Verlag erschienen war, ist jetzt im Rahmen der Werkausgabe des Schriftstellers im C.Hanser-Verlag neu herausgekommen. Als Kis das Buch 1976 in Belgrad publizierte, löste es den größten literarischen Skandal in der Geschichte Jugoslawiens aus. Eine folkloristisch-nationalistische Gruppe von Kritikern und dem Schriftsteller Miodrag Bulatovic, denen Kis schon lange ein Dorn im Auge war, weil er damals bereits im Westen als ein Autor von weltliterarischem Rang galt, griff ihn nicht wegen seiner vernichtenden Kritik am Kommunismus, also politisch, an oder gar weil sie sich im abschließenden Kapitel, der „Kurzbiografie von A.A.Darmolatow“, dem opportunistischen Schriftsteller, wiedererkannt hatten.
Die Skandalisierer verlagerten ihre Attacke ins scheinbar bloß „Literarische“, indem sie Danilo Kis als „Plagiator“ von Joyce und Borges denunzieren zu können glaubten, weil der hochgebildete Autor aus seiner Bewunderung für den Iren und den Argentinier erkennbar keinen Hehl gemacht und seine eigene Fortschreibung der avanciertesten literarischen Techniken von Palimpsest (Joyce) und fingiertem Dokument (Borges) offensichtlich war. Kis „antwortete“ ihnen mit seiner umfänglichen, ebenso brillant polemischen wie einlässlich philologischen „Anatomiestunde“, in deren Verlauf er seine Kritiker fachgerecht wie ein Chirurg zerlegte, so daß am Ende von ihnen nichts übrig blieb, als die bleichen Gebeine von Skeletten. Der Mehrwert dieser Operation an lebenden Objekten der hausgemachten Dummheit war aber eine umfassend argumentierende Poetik der literarischen Moderne, detaillierter und subtiler als die theoretischen Überlegungen zum gleichen Thema von Kis´ Geistesverwandten Milan Kundera & Italo Calvino.
Seit 1998 kann man Danilo Kis´ „Anatomiestunde“ auch auf deutsch (bei C. Hanser) nachlesen – mit dem gleichen literarischen Vergnügen wie seine fiktional-erzählerischen Arbeiten, weil er auch hier als Theoretiker und Polemiker, der von Karl Kraus gelernt hat, mit ähnlich raffinierten ästhetischen Subtilitäten & Ironien souverän umgeht wie in seinen Romanen & Erzählungen..
Die Neuausgabe des „Grabmals des Boris Dawidowitsch“ wird begleitet von einem Nachwort der Übersetzerin Ilma Rakusa, die beispielhaft bestimmten Motiv-Korrespondenzen im Buch nachgeht, und einem Vorwort des Literaturnobelpreisträgers Joseph Brodsky. Der russische Lyriker richtet sein Augenmerk auf die von ihm so genannten „Vignetten“, in denen sich die einzelnen Kapitel verdichten. Man könne sie als „einzelne kurze Poeme“ lesen und würdigen. Was ihn aber daran hindere, das Buch als ein „Prosapoem“ zu lesen, sei „vor allem die spezifische Technik der Untertreibung, zu der Danilo Kis immer dann Zuflucht nimmt, wenn eine Vignette in die Nähe des Erhabenen gerät“ – also durch die Gegenkraft des Ironischen das lyrische Pathos gedämpft wird. „Dennoch“, schließt Brodsky seine Überlegung, „ist >Das Grabmal des Boris Dawidowitsch< gebaut wie ein langes dramatisches Poem“.
In dieser einzigartig meisterlichen Form des Buches sehe ich auch den Grund einer Erfahrung, zu der es mich immer wieder gedrängt hat: nämlich zur kurz hintereinander wiederholten Lektüren, die einem (wie bei einem Gedicht und wie bei einem Musikstück) immer neue Korrespondenzen, immer noch anderen Schönheiten dieser Prosa wahrnehmen, hören & sehen ließen – eine hoch konzentrierte, sinnliche Prosa, mit der Danilo Kis „jene Phänomene (einer realen Tragödie) zu erfassen vermag, deren Größe uns ansonsten übersteigt und jedem menschlichen Begreifen entzieht“ (Brodsky).
Bleibt schließlich nur noch darauf hinzuweisen, daß in unserer großen literaturkritischen Landschaft, nach Verlagsauskunft, einzig der „Mitteldeutsche Rundfunk“ und die schweizerische „Aargauer Zeitung“ dieses „Meisterwerk der Moderne“ bemerkt und das erstaunliche Engagement seines deutschen Verlags durch Rezensionen gewürdigt haben. wahrgenommen haben.
Wolfram Schütte
Danilo Kis: Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch. Sieben Kapitel ein und derselben Geschichte. Aus dem Serbokroatischen von Ilma Rakusa. Mit einem Vorwort von Joseph Brodsky und einem Nachwort von Ilma Rakusa. C. Hanser Verlag, München 2004, Gebunden. 190 Seiten,17.90 ¤. ISBN: 3-446-20533-0
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