Charles Simmons: Geständnisse eines ungeübten Sünders
17.03.2005
Parcours durch Fettnäpfchen
Ein raffiniert erzählter, witziger und frecher Debütroman sind die „Geständnisse eines ungeübten Sünders“ von dem amerikanischen Erzähler Charles Simmons. Obwohl schon 1964 erschienen, hat das Buch des heute Achtzigjährigen nichts von seiner Frische und erzählerischen Spielfreude verloren.
„Unter Roman habe ich bislang eine fiktive Erzählung gewissen Umfangs mit Anfang, Mitte und Ende verstanden. Dieses Buch hat allerdings weder Anfang, Mitte noch Ende, abgesehen von einzelnen Seiten, die anderen Seiten vorangehen oder auf andere Seiten folgen. Es besteht aus einer Serie angeblicher Briefe, die ein junger Mann im Sommer und Frühherbst nach seinem College-Examen an einen Freund schreibt, die jedoch nichts anderes als hastig hingeschmierte, häufig schmutzige Anekdoten sind, durchsetzt von vagen und prätentiösen Beobachtungen über das Leben. Ich nehme an, daß der Autor die Absicht hatte, anhand dieser Briefe die Wandlung seines Helden zum Mann zum Ausdruck zu bringen. Wenn auf diese Art das Porträt eines verwirrten amerikanischen Jugendlichen gezeichnet werden sollte, ließe sich dem Buch ein gewisser Ertrag kaum absprechen, doch zeigt sich nirgends auch nur die leiseste Andeutung, daß sich die Haltung des Erzählers von der des Autors unterscheidet. Der Verdacht liegt nahe, daß es sich im wesentlichen um ein autobiographisches Buch handelt (...) Wie sonst ließe sich die unangemessen abrupte und degoutante Willkürlichkeit erklärten, eine Art Akkordeon-Ästhetik? (...) Gleichwohl interessiert mich das Buch (...) als Beweisstück dafür, was der Mangel an spirituellen Werten und ästhetischer Tradition vielen jungen Amerikanern antun kann und angetan hat. (...) Die exzessiven, sexuellen Darstellungen und der übermäßige Einsatz von Fäkalsprache sind zwar befremdlich, machen jedoch nicht die abstoßendsten Bestandteile dieses ganz und gar abstoßenden Buchs aus. Wirklich abstoßend sind vielmehr die zahlreichen, unqualifizierten Ausfälle gegen religiöse und nationale Gruppierungen. Protestanten, Juden und insbesondere Katholiken werden häufig beleidigt, desgleichen Italiener, Neger, Iren, Deutsche und Amerikaner. Im letzten Abschnitt gibt es sogar einen fiktiven Verriss des Buchs selbst, mit dem vermutlich der Kritik der Wind aus den Segeln genommen werden soll“... – wenn nicht, wie eben hiermit geschehen, dieser Selbstverriss „umfunktioniert“ wird: zum Entréebillet für einen höchst amüsanten, intelligenten, rasanten Erstlingsroman, der zwar schon 1964 (!) in den USA erschienen ist und dem vierzigjährigen Debütanten damals den „Faulkner Award“ eingetragen hat, aber erst jetzt, in der offensichtlich davon höchst animierten Übersetzung des Schriftstellers (& Übersetzers) Klaus Modick, der beim Erscheinen des Buchs gerade einmal 13 Jahre alt war, im Münchner Verlag C. H. Beck unter dem Titel „Geständnisse eines ungeübten Sünders“ herausgekommen ist.
Damit hat sich der deutsche Verlag bis zum literarischen Beginn seines 1924 geborenen Autors Charles Simmons zurückbuchstabiert, den er zuerst (1999) mit seinem damals jüngsten, schmalen Spätwerk „Salzwasser“ als bislang übersehene literarische Mittelgröße der usamerikanischen Literatur bei uns glanzvoll vorgestellt hatte. Danach sind bei C. H. Beck noch weitere, immer schlanke Romane von Simmons erschienen: das weniger gelungene satirisch-verjuxte „Das Venus-Spiel“ ((Hinweis auf meine Rezension)), aber dafür die höchst amüsante romaneske Autobiographie „Lebensfalten“ (( Hinweis auf meine Rezension)) oder die ebenfalls von Modick übersetzte bitterböse Satire auf den amerikanischen Literaturbetrieb „Belles Lettres“, mit der Simmons, der jahrzehntelang Redakteur der „New York Times Book Review“ war, thematisch sein Debüt mit sardonischem Witz fortsetzte.
Auf dem Narrenschiff des Literaturbetriebs
Denn als In- & Outsider des „Literarischen Lebens“ saß der Autor ja in dessen Zentrum & war mit allen Tricks & Grotesken des Narrenschiffs Literatur aufs Intimste vertraut – wie schon seine „Geständnisse eines ungeübten Sünders“ ebenso verraten wie ausplaudern. Sie verraten einen hochgebildeten, weltliterarisch versierten Kenner, der mit allen narrativen Wassern gewaschen ist & mit allen ästhetischen Mitteln seines beruflichen Metiers souverän zu spielen versteht; und seine frühen „Geständnisse“ plaudern die Idiotismen und Eitelkeiten, Manipulationen und Machinationen des Geschäftsbetriebs mit der Ware Buch auf eine erheiternd-zynische Weise aus.
Simmons läßt seinen Ich-Erzähler in einer Folge von Briefen an einen College-Kumpel (& damit auch uns Leser) an seinen lachhaften Abenteuern als Mitarbeiter an einer Enzyklopädie und deren Verkaufsstrategien (per Hausbesuch, wie es für die „Enzyclopedia Britannica“ Usus war) und an seinen erotisch-sexuellen Jagden nach der „Happiness-is-a-warm-gun“ (John Lennon) ebenso teilnehmen, wie an seinen ersten Versuchen, sich als größenwahnsinniger Schriftsteller ein Alter ego zu erfinden, wenn nicht gar, sich in gleich mehreren fiktiven Figuren buchstäblich zu machen. Das verführt ihn z.B. nicht nur zur Erfindung eines unsichtbaren Helden, der in einer psychiatrischen Anstalt sich als Witwentröster umtut, sondern auch zu einer Italienreise an den Gardasee, wohin der Erzähler der geliebten Prudence nachgereist war und wo er sie, in Begleitung eines anderen, aus den Augen verliert – nicht ohne wenigsten dieses eine Mal zu Tränen gerührt und von dem nachmalig so genannten „Old Europe“ höchst angetan zu sein.
Was der Erzähler im zeitgenössischen Etepetete-Ton eines konservativen Literaturkritikers seinem Brief-Roman abfällig als „Akkordeon-Ästhetik“ zuschreibt, trifft aufs Schönste den literarischen Charme & den versatilen Witz des Buchs: das Zusammenquetschen und Auseinanderziehen jener Lebensfalten eines jungen Tunichtguts, der sich im literarischen Betrieb ebenso herumtreibt & treiben läßt, wie sich literarisch am eigenen Schopf aus ihm herauszuziehen versucht und dabei tapsig, fröhlich, frech und lustvoll in alle Fettnäpfchen des Common Sense und der ethnischen, religiösen, literarischen oder vor allem sittlichen Tabus seines usamerikanischen Ambientes tritt.
Charles Simmons ist auch in seinem umfangreichsten Roman & literarischem Debüt schon ein Lakoniker der Respektlosigkeit, der bereits hier wie dann immer wieder in seinen späteren Romanen weder sich, noch den von ihm beruflich „bedienten“ Literaturbetrieb schont – zu unserem diebischen Lesevergnügen. Was für ein Gefälle von diesem Erstlingswerk zu grobschlächtigen deutschen Versuchen in diesem Genre von Martin Walser („Tod eines Kritikers“) oder Bodo Kirchhoff („Schundroman“)!
Von heute aus betrachtet, hat das Buch nach vierzig Jahren nichts von seiner überbordenden literarischen Spielfreude und von seiner erzählerisch abwechslungsreichen Frische verloren. Ihm sind noch hinzugewachsen die scharf beobachteten Züge in der Physiognomie eines Zeitalters der beginnenden „sexuellen Revolution“ in den USA. Fast könnte man in Charles Simmons´ „Geständnissen eines ungeübten Sünders“ so etwas wie das phänotypische „Missing link“ zwischen J.D. Salingers „Fänger im Roggen“ (1951) oder Updikes „Hasenherzigkeiten“ und Mike Nichols´ Film „Reifeprüfung“ (1967) erblicken. Ein höchst amüsante Lektüre.
Wolfram Schütte
Charles Simmons: Geständnisse eines ungeübten Sünders“. Roman. Aus dem Englischen von Klaus Modick. Verlag C.H.Beck, München 2005. Gebunden. 255 Seiten, 17.90 ¤
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