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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:12

 

Marek van der Jagt: Amour fou

12.02.2004



Das ganze Leben geht von selbst vorbei

Ein überschäumendes Romandebüt über die Großen Träume und die kleinen Hindernisse im Leben.



 

"Mit vierzehn las ich zum ersten Mal etwas über Amour fou. Ein paar Wochen darauf stand mein Entschluß fest: Die wahre Berufung des Menschen ist die Amour fou."

Aber erstmal kommt alles anders: „Du hast den Penis eines Zwergs“, lautet das vernichtende Urteil der beiden Luxemburger Mädchen Milena und Andrea, als Marek es seinem Bruder Pavel gleichtun möchte und endlich, nach einem langen vorbereitenden Abend, die Hüllen fallen läßt. Nichts war es also mit dem ersten Akt eines einzigen feurigen Liebesdramas, das sein Leben werden sollte. Statt des Auftakts eines alles verzehrenden Liebessogs wurde es der Beginn einer alles erschlagenden Obsession:

"Ich trottete hinter Pavel her, nicht wie ein Bruder, nicht wie ein Knecht, auch nicht wie ein Besiegter, nein: wie ein Zwerg in Verkleidung. Wem das übertrieben in den Ohren klingt, der hat noch nie die Macht einer Obsession erlebt. Eine Obsession verschlingt alles: die Welt, die Realität, die Menschen, bis nur noch ein einziges kleines Detail übrigbleibt, das tausend-, ja vielleicht zehntausendmal vergrößert wird, und dieses kleine Detail erobert deinen Kopf im Blitzkrieg und füllt ihn aus, bis es die ganze Welt geworden ist. Meine Welt war der Penis eines Zwergs."

Aber Marek lässt sich nicht wirklich unterkriegen, durchläuft tapfer alle Etappen der Erniedrigung und findet schließlich seine ganz persönliche, nicht eben den gängigen Klischees entsprechende Variante von Amour fou.
Marek van der Jagt heißt der Mann, der im letzten Jahr die literarische Bühne in Holland betrat und gleich für Furore sorgte, und ebenso nennt er auch die Hauptfigur seines erstaunlichen Romandebüts. David Sedaris wird im Klappentext als Vergleich bemüht; ich musste eher an John Irving denken, und Till Eulenspiegel schwirrte ständig durch meinen rezipierenden Geist. Voller überschäumender Ideen und skurriler Figuren steckt dieses kurzweilige Buch. Allen voran Mareks Männer verschlingende, zunehmend abgedrehte Mutter, die auch mal in einem Anfall von Verzweiflung auf Kronleuchter schießt oder mal eben aus Mitleid ein misshandeltes Pferd kauft. Frau Blumenthal, rundum vernachlässigte Mutter von Mareks Nachhilfezögling Max, „lässt sich ab und zu gehen“ und heult sich in Mareks Schoß aus. Professor Hirschfeld untersucht Träume von Kriminellen und Lehrer Georgi empfindet eine aufrichtige Liebe zu Surrealisten und kann sich zu Mareks Erstaunen mit fast dem gleichen Eifer für Weihnachtsbäume begeistern. Und dann ist da natürlich noch Mica, die Marek im Café kennen lernt - eine nicht mehr ganz junge Dame, die geheime Botschaften auf Streichholschachteln schreibt und in Damentoiletten versteckt.

Keine Frage, das macht Spaß, hat Drive und steckt voller Witz, Esprit und Phantasie. Ein bisschen zu oft wird vielleicht die Sache mit dem Zwerg ausgebreitet, was an wenigen Stellen einen leicht störenden Wiederholungs- und Erlahmungseffekt hervorruft, aber so ist das eben mit den Obsessionen.

"Für Mama schmeckte nichts gut genug auf dieser Welt. Was schmeckte, kam nach dem Tod, dachte sie, oder vor der Geburt, aber nicht dazwischen."


Anselm Brakhage

 


Marek van der Jagt: Amour fou. Roman. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Diogenes 2002. Leinen. 331 Seiten. ¤ 19,90.
ISBN 3 257 86081 1

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