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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:13

 

Yoko Ogawa: Der Ringfinger

12.02.2004



Magere Blüte

„Der Ringfinger“ – nach dem restlos überzeugenden „Hotel Iris“ das zweite auf Deutsch erschienene Buch der Japanerin Yoko Ogawa – lässt einige Fragen und Wünsche offen.


 

Yoko Ogawa hat vergangenes Jahr – im Auftaktprogramm der Verlagsbuchhandlung liebeskind – mit dem Roman „Hotel Iris“ für Aufsehen gesorgt: Eine obsessive Geschichte zwischen einem jungen Mädchen und einem älteren Mann – kristallklar, poetisch und sinnlich beschrieben. Nun legt liebeskind mit „Der Ringfinger“ nach, ein schmales Werk mit gerade einmal - zudem großzügig bedruckten - 110 Seiten.

Wieder bildet eine jüngere Frau, die eher zufällig in den Bann eines älteren Mannes gerät, das Zentrum des Buches, und wieder übt der Mann eine immense, oberflächlich schwer nachzuvollziehende Macht über die Protagonistin aus.

Herr Deshimaru betreibt ein seltsames Geschäft. In einem ehemaligen Mädchenwohnheim untergebracht, führt er ein Labor, das nach einem einfachen, aber dennoch ungewöhnlichen Prinzip funktioniert: Menschen bringen einen Gegenstand, lassen ihn von Herrn Deshimaru präparieren und konservieren und in Verwahrung nehmen: „Der Sinn eines Präparates besteht ja gerade darin, dass es eingeschlossen, isoliert und archiviert ist. Einen Gegenstand präparieren lassen, um sich immer wehmütig an ihn zu erinnern, wäre ein Widerspruch. Das macht niemand“, erläutert er seiner neuen Bürokraft den Sinn der Tätigkeit anhand einiger Pilze, die eine Kundin als Überreste ihres abgebrannten Hauses zum Präparieren gebracht hatte. In der Regel geht es also um das Bewältigen von bzw. das innere Abschließen mit schmerzlichen Erfahrungen; wahrlich ein ergiebiges Feld und zweifellos eine reizvolle Idee. Liegt es vielleicht am langen Schatten von dem überragenden „Hotel Iris“, dass dieses Büchlein trotz vielversprechender Grundkonstellation nicht so recht zu fesseln mag?

Yoko Ogawa pflegt in „Der Ringfinger“ einen extrem verknappten Stil, was dem Leser reichlich Raum für Fantasie und Eigeninterpretation lassen könnte, aber hier irgendwie nicht so recht funktionieren mag. Was bei „Hotel Iris“ als bestechende Einheit erschien, bleibt hier eher eine Ansammlung isolierter Einzelteile, eine Aneinanderreihung von (wenigen) Episoden, die keine rechte Bindung eingehen wollen. Der Reichtum, der beim Vorgänger noch geradezu magisch zwischen den Zeilen aufleuchtete, weicht hier dem unbefriedigenden Gefühl von Bruchstückhaftigkeit: Einzelne Ansätze bleiben im Stadium von Andeutungen stecken, werden weder weiter entwickelt noch entfalten sie eine eigene Blüte. Der größte Makel aber ist, dass die Konturen der Figuren verwaschen bleiben, sowohl in ihrer Individualität als auch in ihrer Beziehung zueinander.

Wüsste man nicht, dass „Der Ringfinger“ in Wirklichkeit, d.h. im Original vor „Hotel Iris“ erschienen ist, so würde sich der Verdacht aufdrängen, dass hier unter dem Eindruck des ersten Erfolges schnell neue Ware produziert werden sollte. Solches unliterarisches Verhalten wäre allerdings auch kaum vorstellbar bei dieser glänzenden und außergewöhnlichen Autorin.

Belassen wir es also bei der Feststellung, dass dieses Buch einen in einiger Ratlosigkeit und mit leichtem, sicherlich auch durch hohen Erwartungsdruck erzeugten Bedauern zurücklässt – einem Bedauern auf hohem Niveau also – und freuen uns umso mehr auf das nächste Werk von Yoko Ogawa.

Textauszug (S. 11):

„Mein einziger Kummer war die Frage, wo die Spitze meines Ringfingers geblieben war. So sehr ich es auch versuchte, es wollte mir einfach nicht gelingen, das Bild des muschelförmigen Stückchen Fingers, das weich wie reifes Fruchtfleisch gewesen war, aus meinem Gedächtnis zu verbannen. Ständig sah ich vor mir, wie es in Zeitlupe auf den Grund der kühlen Limonade sank, um dort für immer mit den Kohlensäurebläschen umherzuschweben.“


Anselm Brakhage



Yoko Ogawa: Der Ringfinger. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler. liebeskind Verlagsbuchhandlung 2002. Gebunden. 110 Seiten. 15 Euro. ISBN 3-935890-07-9

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