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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:13

 

Roberto Bolano: Die wilden Detektive

17.02.2004

 



Faszinierendes Mammutwerk





 

Heute ist mir klargeworden, dass ich alles, was ich gestern schrieb, in Wahrheit ja erst heute geschrieben habe: Alles über den 30. Dezember habe ich am 31. geschrieben, also gestern Was ich heute schreibe, schreibe ich in Wahrheit erst morgen - für mich wird es heute und gestern sein und irgendwie auch morgen, ein unsichtbarer Tag. Aber lieber nicht übertreiben.“

Übertrieben ist es jedoch wohl kaum, „Die wilden Detektive“ als eine absolute Meisterleistung zu bewundern: Roberto Bolano ist mit seinem neuen Roman ein weit ausholender Rundumschlag gelungen, ein Mammutwerk, das mit seinen 680 Seiten in der Tat viel Aufmerksamkeit, großes Interesse und eine gehörige Portion Zeit fordert. Eine Herausforderung. Aber: es lohnt sich!

Ist dieses eigenwillige Triptychon nun ein Roman oder nicht, mag man sich zunächst fragen. Einverstanden, wenn’s denn drauf steht. Und außerdem: schon in Bolanos „Die Naziliteratur in Amerika“ hat man sich diese Frage gestellt, eine erschöpfende Antwort gibt es nicht.

Es ist, was es ist: ein „Abenteuerroman voller Sex, Drogen und Rock’n Roll“, wie Bolano es selbst sieht. Aber es ist soviel mehr als das. Es beginnt und endet 1975/76 mit den Tagebuchaufzeichnungen eines jungen mexikanischen Poeten, García Madero: „Wie viele Gedichte habe ich geschrieben? Seit ich angefangen habe: 55 Gedichte. Insgesamt 76 Seiten. Insgesamt 2453 Verse. Ich könnte ein Buch daraus machen: meine sämtlichen Werke.“

Naiv, witzig, neugierig, nach vorn preschend, oder über Gott und die Welt philosophierend, so ist der jugendliche Held - und: dem weiblichen Geschlecht mit nur wenig Zurückhaltung zugetan. Da wird es dann auch schon mal drastisch, geht es, ohne Umschweife zur Sache oder einfach nur durcheinander: „Und ich stellte mir Maria vor, wie sie mit Alberto schlief. Und wie Alberto Maria den Hintern versohlte. Und wie Angélica mit Pancho Rodriguez schlief. Und wie Maria mit Piel Divina schlief. Und wie Alberto mit.......“ na ja, und so weiter und so weiter.

Madero trifft auf zwei zwielichtige Gestalten, Lima und Belano, die über Jahre hinweg durch die Welt vagabundieren auf der Suche nach einer Dichterin. Das ist dann des Buches mittlerer Teil: eine Unmenge an Menschen aus aller Herren Länder meldet sich zu Wort, allen gemeinsam ist, das sie über Lima und Belano sprechen. Eine frech- frivole, abenteuerliche Weltreise.

Wenn man sich auch zunächst an das Mammutwerk mit schier unübersehbarem Personenregister nicht so recht herantraut, spätestens nach wenigen Seiten hat die überraschend aufgeschlossene Art Bolanos einen in den Bann gezogen. Und die literarische Begegnung mit allen Charakteren in diesem Viel-Personen-Roman, sie ist lohnend und lebendig, manchmal kunterbunt, aber kurzweilig. Ein Stück Lebensgeschichte, ein Stück Lokalkolorit, ein Stück Literaturgeschichte.

Der „ungewöhnliche Humor“ und der „freie Umgang mit erzählerischen Modellen in einer blendenden Saga“ gefielen der Jury 1999, als Bolano den wichtigsten Literaturpreis Lateinamerikas für sein jetzt auf Deutsch erschienenes Buch erhielt. Es erreiche „vielfältige symbolische Dimensionen“ hieß es weiter. Fünf Romane hat der 1953 in Chile geborene Bolano geschrieben, „Die wilden Detektive“ ist der dritte, der nun auf Deutsch erschienen ist. Preise gab’ s für alle schon. Bolano wohnt und lebt in Barcelona, dennoch kann er in seinen Romanen seine Heimat Chile, die er nach einer Inhaftierung 1973 verließ und seine Wahlheimat Mexiko nicht verleugnen. Verleugnen kann - und will - Bolano auch sein Vorbild Jorge Luis Borges nicht. „Ich verehre Borges“, sagt Bolano in einem Interview. „Am liebsten würde ich unter Borges’ Schreibtisch wohnen.“

Zitat:

„Belano, sagte ich, der Kern der Sache ist doch die Frage, ob das Böse, das Delikt, das Verbrechen, wie Sie wollen, kausal oder zufällig ist. Ist es kausal, dann können wir es bekämpfen, es steht zwar nicht fest, dass wir siegen, aber wir können es versuchen, wie wenn zwei vom Gewicht her gleichwertige Boxer miteinander kämpfen. Ist es dagegen zufällig, dann sind wir geliefert. Dann gnade uns Gott, wenn es einen gibt. Darauf läuft alles hinaus.“


Barbara Wegmann

 


Roberto Bolano: Die wilden Detektive. Roman, 680 Seiten. Hanser Verlag, 29,90 ¤. ISBN: 3446201254

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