Catherine Rey: Was Jones erzählt
19.05.2005
Welch wundervolle Entdeckung !
Catherine Rey gelingt es auf höchst beeindruckende Art, das Anzapfen tief verankerter Intuition mit dem Willensakt vollendeter Sprach- und Textgestaltung zu verbinden. Unverbrauchte Sprache, unverstellte Wahrnehmung, unverkrampfte Weltsicht - einzigartig und universell.
Bauchkunst könnte man Catherine Reys intuitiv geprägten Schreibstil nennen – Kunst, direkt aus dem Bauch gespeist, im Gegensatz zu angestrengter Kopfgeburt. Catherine Rey verwendet eine glasklare erdverbundene Sprache, die sich ganz unmittelbar aus den tiefen Gründen der Wahrnehmung und der Fantasie zu speisen scheint. Ohne gelehrigen Überbau, direttissimo, geradeaus, schnörkellos. Erd- und himmelverbunden zugleich, möchte man sagen: erdverbunden in ihrer Kraft und Klarheit, himmelverbunden in ihrer überschäumenden Fantasie und Inspirationsfülle.
Es wird zuhauf Exotisches serviert; aber irgendwie kommt es so selbstverständlich daher, als sei es im Grunde gar nicht so fern, so außergewöhnlich, so abwegig.
Ein höchst schräges Personal bevölkert das Buch, angefangen von der zentralen Figur Magnolita Rosaria, einst Königin der Lüfte, gefeierte Akrobatin und bewunderte Zirkusgrazie, heute abgehalftert und völlig aus dem Leim gegangen. Weiter der alte Tarcisius, ihr Gatte und ehemals erfolgreicher Zirkusdirektor, nun dahinsiechend, praktisch scheintot, aber partout den letzten Atemzug verweigernd. Und so ist er immerfort anwesend, in höchst abwesendem Zustand freilich. Ferner gesellen sich drei mehr oder minder durchgeknallte Söhne im bizarren Gruppenbild hinzu, alle entschieden zu eng und zu lang mit Frau Mama verbandelt, von Mama okkupiert.
Das ist im Kern die Familie Nagalingam, irgendwo am Rand der australischen Wüste im Kaff Tompton gleichsam im Nirvana lebend, vom Glanz früheren Ruhms wehmütig träumend, von der Tristesse der Gegenwart gepeinigt.
Schließlich – über allem schwebend und wachend – Jones, als Moritatensänger und Legendenerzähler tituliert, der uns in einunddreißig „Bildern“ die wechselhafte Geschichte der Nagalingams genüsslich entfaltet.
Catherine Rey gelingt es auf höchst beeindruckende Art, das Anzapfen tief verankerter Intuition mit dem Willensakt vollendeter Sprach- und Textgestaltung zu verbinden - unverbrauchte Sprache, unverstellte Wahrnehmung, unverkrampfte Weltsicht:
Welch wundervolle Entdeckung !
Anselm Brakhage
Catherine Rey: Was Jones erzählt
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Unionsverlag 2005
Gebunden. 260 Seiten. 19,90 Euro
ISBN 3-293-00347