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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:15

 

Orhan Pamuk: Schnee

30.05.2005

 
Psychogramm eines Landes

Orhan Pamuk verhandelt in seinem neuesten Roman Politik und Geschichte seines Heimatlandes. Und er weiß dabei mindestens genauso schwerwiegende Dinge über die Seelen der Menschen zu berichten.

 

Die Türkei soll aufgenommen werden in die EU. Die Türkei soll nicht aufgenommen werden in die EU. Die Meinungen sind geteilt. Gespräche werden geführt. Ständig. Selbstverständlich.

Und allein in Deutschland geraten die politischen Lager, die ja in ihren Ansichten kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind, aneinander. Die Türkei-Frage ist ein Frage, an der sich noch einmal eine – wenn auch konstruierte – Polarität der Ideologien innerhalb der westlichen Gesellschaft entzünden kann. Und der entfachte Streit – die Simulation des Streites – wird zum Selbstzweck. Wen interessiert ernsthaft die Türkei, wenn man ihre geopolitische Lage, als (mutmaßlich zukünftigen) Vorposten des Abendlandes gegen die arabische Halbinsel, ausblendet?

Es geht, bei all den Debatten, die professionell in Szene gesetzt werden, nicht um die Türkei, es geht um Prinzipien. Verteidigung des Okzidents hier, Öffnung hin zum Orient da. Wer immer mit Meinungen handelt, findet hier ein unerschöpfliches Repertoire für seine Zeitungen, Features, politischen Clips, Diskussionsrunden etc., die Industrie der Bilder und Wörter hat Dampf, doch sie dampft recht amokartig in alle (un)denkbaren Richtungen.
Dabei wäre es so einfach, nicht gleich mit allen angestauten Meinungen hausieren zu gehen, sondern sich erst einmal eine zu bilden. Die Literatur mag helfen, denn sie kann schlauer, weitsichtiger, bei aller Parteilichkeit integrierender sein als alles, was sonst so abgesondert und in den öffentlichen Äther ausgestoßen wird.

Bilderbogen der türkischen Seele

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk hat ein Buch mit dem schlichten Titel “Schnee“ geschrieben. Es geht darin um einen Dichter, der sich selbst Ka nennt und der, nach jahrelangem Exil in Deutschland, im Auftrag einer Istanbuler Zeitung in die anatolische Provinz reist. Er soll dort, in Kars, der am nordöstlichsten gelegenen Stadt der Türkei, eine rätselhafte Serie von Selbstmorden untersuchen. Junge Frauen bringen sich um, weil ihnen, da sie sich weigern, ihr Kopftuch abzunehmen, der Zugang zur Universität verweigert wird.

Doch auch persönlichere Interessen führen Ka an diesen abgelegenen – und, wie es scheint, von der restlichen Welt aus dem Gedächtnis gestrichenen – Ort. Insgeheim hofft er, dort Ipek, seine große Liebe aus Studienzeiten, wiederzusehen, um mit ihr nach Deutschland zu gehen und dort ein glückliches Leben zu führen.

Überhaupt ist die Suche nach Glück eines der Hauptthemen des Romans. Die karge Landschaft, die zerfallene ruinöse Stadt und die Menschen, die in ihre leben, bieten die Folie, auf der sich das Glück spiegeln kann. Und wenn es sich nur für einen flüchtigen Augenblick zeigt, wenn es aufblitzt und wieder verschwindet, so scheint die Suche schon eine erfolgreiche gewesen zu sein.

Die Figuren des Romans hegen freilich jeweils unterschiedliche Vorstellungen von Glück, je nach Weltanschauung, religiöser bzw. politischer Überzeugung oder ethnischer Zugehörigkeit. Es gibt kurdische und islamistische Radikale, ehemalige linientreue Kommunisten, die sich der Religion verschrieben haben und für das Bürgermeisteramt kandidieren. Es gibt überzeugte Kemalisten und Schauspieler – wahre Schmierenkomödianten im überzeugendsten Sinne -, die über ihr politisches Theater die Menschen agitieren.

Spiegel der Gesellschaft


Und hier bekommt die Geschichte dann auch ihren dramatischen Kern. Kars ist eingeschneit und vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Während einer Theateraufführung, der die halbe Stadt beiwohnt, findet ein blutiger Putsch statt. Abtrünnige Militärs übernehmen Macht und üben sie gnadenlos aus. Dann, nach drei Tagen – der Handlungslänge des Romans – beginnt der Schnee abzutauen. Dem Spuk scheint ein absehbares Ende gegeben.

Wie unter einem Brennglas, räumlich und zeitlich aufs äußerste konzentriert, entfaltet der Roman seine Handlung. Und schnell wird klar, dass die Ereignisse, die in der kleinen anatolischen Stadt vor sich gehen, ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Stimmungen und Strömungen bieten. Das Hin- und Hergerissensein zwischen religiöser Empfindung und säkularer Weltanschauung, Nationalstolz und Minderwertigkeitskomplexen, zwischen Liebe und Pflichterfüllung: all das kommt zum Ausdruck, ohne – und das ist das Wunder –, dass dabei gewissenlos verallgemeinert wird. Und doch entspinnt sich über den Handlungsverlauf hinweg so etwas wie ein Bilderbogen der türkischen Seele – und Seelen sind nun einmal nicht simpel konstruiert.

Man nimmt nicht zuviel vorweg, wenn man verrät, dass Ka seine Liebe nur für wenige Tage finden wird und dann einsam zurück nach Deutschland geht und dass er später im Frankfurter Bahnhof erschossen werden wird. Es handelt sich bei dem Roman nämlich nicht, wie andernorts so häufig behauptet, um einen Kriminalroman. Es ist vielmehr das Psychogramm eines Landes, einer Gesellschaft, die in dem unglaublichen Spannungsfeld zwischen West und Ost ihre Identität ständig finden, behaupten, überdenken muss.

Orhan Pamuk hat ein Buch mit dem schlichten Titel "Schnee" geschrieben. Aber es ist kein schlichtes Buch. Es ist ein Buch, das alle lesen sollten, die über die Türkei im speziellen diskutieren wollen, und über das menschliche Zusammenleben im allgemeinen.

Lars Reyer



Orhan Pamuk: Schnee.
Roman. Aus dem Türkischen von Christoph K. Neumann.
Carl Hanser Verlag, 2005.
Gebunden, 518 S., ¤ 25,90.
ISBN: 3-446-20574-8.

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