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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:15

 

Ray Loriga: Trífero

12.02.2004



Scharlatane finden sich


Ray Loriga, der auch das Drehbuch zu Pedro Almodóvars "Live Flesh" geschrieben hat, ist zweifellos eine hochinteressante Erscheinung unter den jungen spanischen Autoren.


 

Was für eine Überraschung! Als ich Ray Loriga's "Trifero" aufschlug, war ich nicht gänzlich unvoreingenommen, in positiver Richtung. Aus seinem 1999 erschienenen Buch Schlimmer geht's nicht klangen mir noch Sätze nach wie
"Man kann ja nicht sein ganzes Dasein damit verbringen, seiner Mutter keine Schwierigkeiten zu machen" oder "Die meisten Menschen ertrag ich einfach nicht: Sie laufen herum und fressen und scheißen und machen die ganze Zeit Lärm, unerträglich für jeden" - ein eher schnoddriger jugendlicher Jargon also, sehr direkt und authentisch. Und nun stieß ich gleich zu Beginn auf geschliffene Wortgebäude à la
"Während der Wald und die Gärten des alten Happensauer-Anwesens aufblühten, sank Saúl Trífero in sich zusammen, in einer Bewegung, die sich dem rhythmischen Ablauf der Dinge widersetzte und wähnte mich bisweilen ein Jahrhundert zurückversetzt". Mein Erstaunen hielt das gesamte Buch über an, schlug aber nicht etwa um in Enttäuschung, sondern steigerte sich eher in Hochachtung davor, wie ein und derselbe Autor derart unterschiedliche Register derart gekonnt ziehen kann.

Saúl Trífero ist ein seltsamer Mensch. Wie erfahren von seiner großen Liebe Lotte, einer Eiskunstläuferin, die - man möchte fast sagen: standesgemäß - einen jähen Tod durch Ertrinken findet, als sie sich nach schweren Geburtsstrapazen voller Übermut wieder auf's Eis begibt, auf zu dünnes Eis, in freier Natur.
"Es ist jedenfalls nicht zu leugnen, dass sich im Laufe der Jahre eine seltsame mathematische Relation zu Ungunsten der Familie Happensauer entwickelt hatte: Ihre Weiblichen Vertreter wurden immer schwerer, die Winter dagegen immer kürzer."
Als ob Trífero nicht genug gestraft wäre mit dem Verlust seiner Angetrauten, schöpft Lottes Familie - nobler norwegischer Provenienz - Verdacht ob des Unfallhergangs, dem Trífero hilf- und tatenlos beigewohnt hatte, und hetzt ihm einen Schatten in Person des Anwalts Agedor Grenen auf den Hals.

"Der Schiffbruch seines bisherigen Lebens spülte Trífero an die Küste Manhattans". So werden wir im dritten Kapitel in den neuen Lebensabschnitt Tríferos eingeführt und vertraut gemacht mit seinen neuen merkwürdigen Wegbegleitern wie der ungeliebten Geliebten Alberta und dem obskuren Professor Jerusalem. Trífero erregte auf einer Party die Aufmerksamkeit des gestrandeten Professors - ein ehemaliger, mittlerweile geschasster Inhaber eines Lehrstuhls für Quantenmechanik - als er, martinigetränkt, von belanglosen Flirtversuchen unvermittelt in die Gefilde der Quantenmechanik wechselte und über die Existenz von Schattenuniversen schwadronierte.
"Nun, meine Liebe, das ist so wie mit dem Kuss eines Fremden in der Dunkelheit und Ihrer Ehe. Lässt sich da etwa eine Beziehung herstellen? Stellt die eheliche Untreue nicht auch einen Weg dar, um parallele Universen zu betreten?" bezirzt er Fräulein O'Reylle, eine anmutige Erbin, der es gelungen war, unter einem winzigen Stück Stoff einen jungen Körper zu verbergen, der wegen seiner Frische und seinen Kurven an die Hügel Irlands erinnerte. Jerusalem, von der Umgarnten herbeigerufen, zeigt sich tief beeindruckt von den kühnen Ausführungen "Doktor" Tríferos und hegt fortan den Plan, mit dessen Hilfe seine eigene wissenschaftliche Reputation wiederzuerlangen.

So entwickelt sich eine skurrile Liaison zwischen dem Scharlatan Trífero, der zunehmend Gefallen an dem Unfug findet, und dem Professor in dessen verzweifeltem Ansinnen, die etablierte Wissenschaft Lügen zu strafen und zu revolutionieren. Saúl Trífero, planlos umherstreifend in der entstandenen Leere seines Lebens und gleichzeitig von einer bemerkenswerten Gradlinigkeit, bleibt bis zum Schluss eine rätselhafte Figur, aber durchaus mit sehr menschlichen Zügen.

Ray Loriga bietet in "Trífero" eine Menge: reichlich Phantasie, stilistische Brillanz, ein bizarres Figurenensemble und vor allem einen sehr eigenen, wunderbar frischen und augenzwinkernden Tonfall. Somit hat es doch eine Menge mit dem erwähnten "Schlimmer geht's nicht" gemein, eben nur in anderem Gewand.
Ray Loriga, der auch das Drehbuch zu Pedro Almodóvars "Live Flesh" geschrieben hat, ist vielleicht die interessanteste Erscheinung unter den jungen spanischen Autoren. Ebenfalls im A1-Verlag ist von ihm die Sci-Fi-Geschichte mit dem schönen Titel "Tokio liebt uns nicht mehr" erschienen.

Anselm Brakhage


Ray Loriga: Trífero
Aus dem Spanischen von Alexander Dobler.
A1 Verlag 2002
Roman. Gebunden. 203 Seiten. 18,40 ¤.
ISBN 3-927743-60-7

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