Die Schrift weiß zu beeindrucken. Sie weiß zu verschlüsseln und offen zu legen. Und sie weiß, in gewissem Maß, abhängig zu machen. Wenn sie zum Beispiel zur Literatur wird. Oder zu etwas noch Mächtigerem. Zum Mythos.
Im Jahre 1900 findet in China der sogenannte Boxeraufstand statt. Ein Ereignis, das oberflächlich betrachtet wenig mit Literatur zu tun hat, vielmehr mit kolonialen, kriegerischen Machtkämpfen und deren Gegenbewegungen. Die Boxer, die Yi Ho Tuan, wie sie eigentlich heißen – das ist eine patriotische Geheimgesellschaft, die für ein starkes Vaterland und gegen Fremdherrschaft kämpft. Mit den, zu allen Zeiten, schnippischen wiewohl verzweifelten Mitteln des Untergrunds und der Guerilla. Der Kampf als Existenzform. Aber keine Geheimgesellschaft ohne Gründungsschrift.
Rund hundert Jahre nach den blutigen Ereignissen um die Boxer finden sich in Peking, unabhängig voneinander, drei Gestalten ein, die von Beginn an nicht ins Bild passen. Ins Bild der Stadt und ihrer unendlichen Aufgewühltheit, ihrer gleichzeitigen stoischen Ruhe.
Da ist einmal Nelson Chouchén Otálora, ein Peruaner, der an der Universität von Austin lateinamerikanische Literatur unterrichtet. Außerdem hegt er selbst literarische Ambitionen und lässt seine Romane und Gedichte selbst drucken. Er liegt im Clinch mit Kollegen, unterhält Affären mit Studentinnen, sein Leben wird mehr und mehr zum Spießrutenlauf und er entschließt sich, nach China zu reisen, auf den Spuren seines Großvaters, der von dort nach Peru emigrierte.
Der zweite im Bunde ist Dr. Gisbert Klauss, emeritierter Sinologieprofessor der Universität Hamburg, der nun, als Mittsechziger, all das nachholen will, was ihm bisher im Leben entgangen ist. Das Land, dessen Sprache und Kultur er nur vom Papier her kennt, möchte er nun selbst erkunden.
Als dritter und einziger eher unfreiwillig Reisender tritt Serafin Suárez Salcedo auf. Ein kolumbianischer Emigrant, der in Paris seine Brötchen als Journalist verdient, und der sich gerade mit seiner langjährigen Lebenspartnerin überworfen hat. Er soll eine Reportage über Katholiken in China recherchieren. Doch alles kommt ganz anders. Nichts ist so, wie es scheint.
Nichts ist so, wie es scheint
Bevor die drei wackeren aber recht ahnungslosen Helden leibhaftig aufeinandertreffen, streichen einige Zeit und viele Missverständnisse ins Land. Letztendlich befinden sich alle drei auf der Jagd nach einem Manuskript, wenn auch aus den unterschiedlichsten Gründen und Interessen. Und sie geraten, wiederum aus den unterschiedlichsten Positionen heraus, in ein Komplott- und Intrigenspiel hinein, das ihrer aller Leben verändert.
Santiago Gamboa jongliert in Die Blender mit den klassischen Gerätschaften des Spionage- und Agentenromans. Und er beherrscht seine Kunst. Die Handlung dreht sich um einen Kern, auf den alle Stränge zustreben. Und dieser Kern ist, wer hätte es vermutet, die Literatur, ein Manuskript. Die Boxer befinden sich in einer Phase der Wiedererstarkung, und sie wollen das verschollen geglaubte, kürzlich in einem Archiv der französischen katholischen Kirche wieder aufgetauchte Manuskript Wang Mians mit dem schönen Titel Weite Transparenzen der Luft in ihren Besitz bringen. Es ist dies ihre Gründungsschrift. Doch es gibt konkurrierende Lager. Und der Spaß kann beginnen.
Köstlich ist es, mitzuerleben, wie die drei westlichen Kopfmenschen in einen Zusammenhang hineinstolpern, den sie, fast bis zum Ende, nicht im Geringsten erfassen. Jeder hält jeden für einen Spion, und doch sind alle arglos auf ihre kleinen Ziele bedacht. Chouchén Otálora erhofft sich von dem Manuskript den großen Durchbruch als Schriftsteller und er findet ganz nebenbei heraus, dass sein Großvater ein führender Kopf der ursprünglichen Boxer gewesen ist. Dr. Klauss verfolgt rein philologische Interessen, er sieht sich bereits als wissenschaftliche Ikone in die Ewigkeit eingehen. Und Salcedo erfüllt seinen Auftrag, der sich von einem journalistischen zu einem politischen gewandelt hat.
Am Ende sind alle glücklich, und auch wieder nicht. Jedenfalls hat die Fremde, in die sie sich begeben haben, jeden von ihnen verändert. Sie finden, aus ihren Gewohnheiten herausgerissen, zu sich selbst. Und sie haben ein tolles Abenteuer erlebt.
Lars Reyer
Santiago Gamboa: Die Blender.
Aus dem kolumbianischen Spanisch von Stefanie Gerhold.
Wagenbach, 2005.
Gebunden, 313 S., 20,50 ¤.
ISBN 3-8031-3195-2.