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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:15

 

Irvin D. Yalom: Die Schopenhauer-Kur

05.09.2005

 
Willkommen in der Gruppentherapie

Irvin D. Yalom hat mit der Schopenhauer-Kur einen interessanten, aber insgesamt nicht überzeugenden Roman vorgelegt. Einzig die Idee und die anschauliche Darstellung der Gruppentherapie verdienen Anerkennung.

 

Yalom mag ein großer Psychoanalytiker und ein ausgezeichneter Gruppentherapeut sein. Und die Idee, psychologische Praxis mit der Philosophie von Arthur Schopenhauer erzählerisch zu verbinden, verdient ausdrücklich Respekt.
Yaloms Protagonist Julius Hertzfeld, 65, Psychotherapeut, bekommt von seinem Hausarzt eine schlimme Nachricht: Ein Melanom auf dem Rücken wird ihn aller Wahrscheinlichkeit nach töten. Jahrzehntelang hat er Patienten zu heilen versucht, und nun steht er auf einmal vor der eigenen Unheilbarkeit. Die Ärzte prognostizieren „mindestens noch ein Jahr bei guter Gesundheit“. Schnell wird Julius klar, dass er in diesem Jahr nichts anderes machen wird, als all die Jahre zuvor – er wird weiterhin als Therapeut arbeiten.
Julius erinnert sich an einen besonderen Patienten, den er nicht heilen konnte: Philip Slate, der wegen seiner Sexsucht drei Jahre bei ihm war. Als er ihn aufsucht, erfährt er von dessen Selbstheilung, die er angeblich der Philosophie Schopenhauers verdankt. Und noch etwas ist erstaunlich: Slate beabsichtigt, selbst Therapeut zu werden und möchte ausgerechnet bei ihm seine Supervision absolvieren. Julius stimmt unter einer Bedingung zu: Der misanthropische Einzelgänger Slate muss bei ihm zuvor sechs Monate Gruppentherapie machen.

Der Leser kann nun eine gewisse Psychodynamik erleben, und es ergeben sich zudem zahlreiche Einsichten in die Therapie, wie auch in die Gedanken, Zielsetzungen und Probleme eines Gruppentherapeuten. Und in der anschaulichen Inszenierung menschlicher Konflikte und ihrer Lösungen innerhalb der Gruppe ist der Roman auch zweifellos informativ und kann interessieren.

Die Charaktere und die Philosophie

Hat die Idee eindeutig Potential und verrät die genaue Darstellung der Gruppentherapie den professionellen Psychotherapeuten, vermag es Yalom aber leider nicht, den Leser wirklich emotional zu binden. So wird man auch den Eindruck nicht los, dass Yalom zwar viel von Menschen in der Psychotherapie versteht, aber literarisch keine befriedigende Umsetzung findet. Grund dafür sind wohl die insgesamt schwach gezeichneten Charaktere, deren Schicksale einem nicht wirklich nahe gehen und das Mitfühlen, den Sog in den Text, verhindern. Der Protagonist Julius Hertzfeld ist hier vielleicht eine Ausnahme, sehr viel erfahren wir aber auch über ihn nicht – aber das Entscheidende ist: selbst da, wo wir etwas über Julius und die übrigen Figuren erfahren, lassen sie uns merkwürdig kalt, berühren sie uns nicht wirklich, werden sie meist so beschrieben, dass der Leser wie hinter einer Glasscheibe sitzend von ihnen getrennt bleibt – gute Literatur ist anders.

Nun besteht aber auch ein Großteil des Textes aus biografischem Material über Arthur Schopenhauer und sein Werk, was dem einen oder anderen Leser als erster Einstieg für eine Beschäftigung mit dem Philosophen dienen kann. Doch lesen sich viele Passagen wie Zusammenfassungen von Rüdiger Safranskis Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie, was sie über weite Strecken vermutlich auch sind. Hier hat es sich der Autor zu einfach gemacht! Angemerkt sei auch, dass Safranskis Buch über Schopenhauer einen wirklich interessanten Zugang zu dessen Leben und Werk bietet. Neben einer großen Informationsfülle schafft es Safranski nämlich dort tatsächlich, den Leser für Schopenhauer zu begeistern.

Frank Kaufmann


Irvin D. Yalom: Die Schopenhauer-Kur. Btb 2005. 448 Seiten. 21,90 Euro. ISBN 3-442-75126-8.

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