Medellin, Kolumbiens Drogenmekka, einer der gewalttätigsten Orte der Welt. Das sagt man nicht nur so, das lässt sich auch in nackte Zahlen fassen: so gab es 1992 in Kolumbien mehr als 28.000 Morde, pro Kopf entspricht dies mehr als dem 50fachen der Quote hierzulande. Und dann kommt einer wie Jorge Franco, der selbst in Medellin aufgewachsen ist, und erzählt uns eine Liebesgeschichte aus dieser Stadt. Und nicht nur das: Franco geht noch weiter und besetzt den weiblichen Part mit eben jener Rosario Tijeras, die selbst eine unüberschaubare Zahl von Opfern auf dem Gewissen hat. Kann das funktionieren, fragt man sich zu Beginn des Buches: Gefühle von einer und für eine Killerin nachvollziehbar glaubhaft lebendig werden zu lassen. Ja, es sei vorweggenommen, es funktioniert prächtig.
Antonio hat die angeschossene Rosario in die Klinik gebracht. Während der Stunden, in denen er gebannt auf Auskünfte der Ärzte wartet, lässt er ihr Leben und ihrer beider Verbindung Revue passieren: Antonio ist Rosarios Kumpel, Rosario ist Antonios Liebe. Rosarios Körper liebt Emilios Körper. Emilio ist Antonios Kumpel. Wenn Rosario jemanden zum Reden braucht - was oft vorkommt - sucht sie zuerst Antonio auf, nicht Emilio. Nur ein einziges Mal sind sie weiter gegangen, Rosario und Antonio, über das Reden hinaus. Antonio hat stets gehadert, Rosario seine Liebe zu gestehen. Er schwört sich es diesmal zu tun, wenn Rosario das alles überstanden hat.
Im Gegensatz zu Antonio und Emilio wird Rosario von klein auf konfrontiert und verwoben mit den dunklen Seiten der Stadt. Das erste Mal, als sie getötet hat, hat sie es noch aus Rache getan. Ihre Art der Gegenwehr. Aber Rosario verkehrt auch mit den „Oberharten“: sie verschwindet dann für ein paar Tage oder Wochen und kommt völlig verändert wieder zurück: aufgeschwemmt und verstört. Jeder dieser Ausflüge lässt Tote zurück, über die wir nichts Weiteres erfahren. Wenn sie mit den „Oberharten“ unterwegs ist, tötet sie für Geld: Ihre Form der Existenzsicherung, die lukrativste Form, vielleicht die einzige, die sie für sich sieht. Und jetzt ist das passiert, was passieren musste: das Schicksal hat zurückgeschlagen.
Aber Rosario ist bei Jorge Franco nicht einfach eine Killerin. Sie ist daneben auch eine faszinierende Frau und eine Ausgeburt von innerer und äußerer Lebendigkeit. Eine Art verzweifelte Lebendigkeit. Das macht das entscheidende Spannungselement in Jorge Francos wunderbarem Roman aus: die Parallel-Existenz dieser scheinbaren Gegensätze zuzulassen und bis zum Schluss vielleicht nicht als plausibel aber als menschlich und als real empfinden zu lassen. Jedes Mal, wenn sie von ihren Aufträgen wiederkommt, gelobt sie Besserung, und jedes Mal fällt sie wieder zurück in den Sog alter reflexartiger Verhaltenmuster. Es ist ein einziger Zyklus der Verzweiflung, und Rosario hat die Ausstiegsoption verloren oder nie gefunden.
„Ich weiß, dass ihr mit vielem, was ich mache, nicht einverstanden seid“, fuhr sie fort, „und ich hab euch schon so oft versprochen, mich zu ändern. Aber jedes Mal fange ich wieder damit an, das stimmt schon. Aber ich möchte wirklich, dass ihr versteht, dass es nicht meine Schuld ist. Wie soll ich sagen, es ist etwas ganz Starkes, stärker als ich, und es zwingt mich Sachen zu machen, die ich gar nicht will.“
Antonio und Emilio nehmen an diesem Dauer-Trip nur partiell teil: sie töten nicht, aber sie wissen - mehr oder weniger - um Rosarios Tun. Sie spielen das Spiel mit, dulden es und partizipieren daran, etwa indem sie Rosarios Einkünfte benutzen, um gemeinsame Drogenexzesse zu finanzieren. Aber das, was Rosario aus innerem, schier unausweichlichem Zwang tut, geschieht bei ihnen „nur“ als wiederholter temporärer Ausflug in ein anderes, in ein Schatten-Reich. Sie, die Söhne aus der Oberschicht, schaffen es immer noch rechtzeitig, wieder Distanz zur Abwärtsbewegung zu gewinnen, schaffen noch rechtzeitig den Ausstieg bevor es zu spät ist. Als Rosario sie beide für den alles entscheidenden Coup - den großen Deal, der das große Geld bringen und damit alle ihre Probleme lösen soll - gewinnen will, bringt Emilio diese Ungleichheit auf den Punkt:
„Hör zu, Rosario“, sagte Emilio, „du hast dich bei der Partnerwahl getäuscht. Vergiss nicht, dass wir anständige Leute sind.“
Rosario Tijeras ist mit 300.000 Exemplaren eines der meistverkauften Bücher der letzten Jahrzehnte in Kolumbien. Wer es gelesen hat, kann das verstehen und freut sich darüber.
Anselm Brakhage
Jorge Franco: Rosario Tijeras. Unionsverlag 2002. Aus dem Spanischen von Susanna Mende. Gebunden. 183 Seiten. 14,80 Euro. ISBN 3-293-00303-6