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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:16

 

Ángel Vázques: Das Hundeleben der Juanita Narboni

13.10.2005

Monologe einer Vereinsamten & Verlassenen

Die einst „Internationale Stadt“ Tanger, an der Nordküste Afrikas gegenüber Gibraltar gelegen, war bis zu ihrer Eingliederung in das Königreich Marokko ein heißes Pflaster für Flüchtige und Gestrandete aus aller Welt. Der in ihr geborene Ángel Vázquez hat ihr in der Monolog-Suada „Das Hundeleben der Juanita Narboni“ ein Denkmal der Erinnerung gesetzt.

 

Ein Buch, das der große spanische Schriftsteller Juan Goytisolo zur Lektüre empfiehlt, ist gewiß mehr wert, als alle Kritiker-Elogen von unsereinem. Denn Goytisolo gehört zu den uneigennützigen literarischen Enthusiasten und ist ein großer Kenner der Weltliteratur, der er selbst angehört, zumindest mit seiner großen Trilogie „Identitätszeichen“, „Rückforderung des Conde don Juan“ & „Johann ohne Land“ (1966/74). Darin rechnet er mit dem Spanien nach der Reconquista ab und erklärt seine Sympathie mit der hybriden Kultur, die während der Zeit der Mauren in Spanien herrschte, als der Islam das Christen- & Judentum tolerierte – eine Zeit der kulturellen und spirituellen Hochblüte, die mit der Vertreibung der Mauren und Juden 1492 durch die katholischen Majestäten Ferdinand & Isabella erlosch. Programmatisch endet Goytisolos ebenso literarisch wie geistig beispiellose Trilogie in arabischen Schriftzeichen.

Der dissidente Solitär Juan Goytisolo lebt seit Mitte der Fünfziger Jahre in Paris und Marrakesch und ist unter den europäischen Schriftstellern der größte Kenner & Bewunderer der islamischen Kultur & Literatur. In den Fünfziger Jahren und später hat sich Goytisolo auch immer wieder in Tanger, der vielmals & vielfach geteilten „Internationalen“ Hafenstadt in Nordafrika, für längere Zeit aufgehalten.

Am Atlantik gegenüber der britischen Mittelmeer-Enklave Gibraltar gelegen, war das afrikanische Tanger – wie nur noch Triest – ein einzigartiges kosmopolitisches Sammelbecken für Gestrandete, Geflüchtete, Ausgestiegene ebenso wie für Schmuggler, Waffenhändler und Spione. Zeitweise von Francospanien besetzt, dann wieder Exilort für spanische Francoflüchtige, europäische Juden, Araber und Afrikaner aus den französischen Kolonien, gehört Tanger seit 1956 zu Marokko. Es ist immer noch ein „heißes Pflaster“, auf dem Drogen- und Sex-Süchtige aller Couleur ihre Bleibe suchten und fanden – wie bis zuletzt der amerikanische Schriftsteller Paul Bowles.

Dort wurde 1929 Ángel Vázquez geboren, und obwohl „der einzige große Schriftsteller, den diese Stadt hervorgebracht hat“, 1965 nach Spanien ging und 1980 in Madrid gestorben ist, haben ihn seine, wie es heißt, „traumatisierenden Familienverhältnisse“ nicht verlassen, zumindest in dem 1976 erschienenen Roman „Das Hundeleben der Juanita Narboni“. Juan Goytisolo feiert diese Folge von Inneren Monologen einer jungfräulich gebliebenen „Tangerina“, die nie zum Leben wirklich erwacht ist, als das Meisterwerk eines „vergessenen Genies der spanischen Literatur“, das man ruhig mit Joyce & Céline vergleichen sollte. Der österreichische „Literaturverlag Droschl“ hat es nun, mit einem Vorwort sowohl des Autors als auch Goytisolos in der Übersetzung von Gundi Feyer auf deutsch herausgebracht.

Das Deutsch, in dem uns nun Ángel Vázquez´ Roman entgegenkommt, ist tadelsfrei. Aber nach dem, was Goytisolo und auch der Autor über das Spezifische der Sprache mitteilen, in der „Das Hundeleben“ geschrieben wurde, haben wir gewissermaßen nur das faktische Erzählskelett vor Augen, dem das blühende Fleisch seines semantischen Ausdrucks fehlt.
Das ist keinem Versäumnis oder gar dem Unvermögen der Übersetzerin zuzuschreiben. Ángel Vázquez, der erklärende Einleitungen hasst, meinte aber schon bei der Publikation des Romans in Barcelona, es erscheine ihm „trotzdem angeraten, etwas zur ein bisschen schlampigen – aber selbstverständlich durch und durch realen – Sprache der Juanita Narbonis vorauszuschicken“. Denn er wollte in seinem Roman „das tatsächliche Sprechen einiger sehr wirklicher und typischer Bewohner der Stadt Tanger wiedergeben“, vor allem auch deshalb, weil die Stadt, die nun zu Marokko gehört, „zu ihren arabischen Ursprüngen zurückgekehrt“ ist, und weil im Laufe der Zeit damit „ausradiert“ werde, was einmal die authentische Sprache der „Tangerinos“ war, von der er mit seinem Buch „ein Zeugnis der Erinnerung“ ablegen will. Er hat es dem „Andenken an meine Mutter und die Runde ihrer jüdischen und christlichen Freundinnen“ gewidmete, deren Klatsch-Gerede er als Kind in einem Käfig an der Decke des Hutgeschäfts seiner Mutter zuhörte.

Es war einmal in Tanger

Diese Sprache der einfachen Leute, erklärt Àngel Vázquez seinen spanischen Lesern, war „von den Dialekten Andalusiens“ bereichert worden „sowie ganz besonders von jenen sephardischen Juden, diesen gleichermaßen unaussprechlichen wie der Mehrzahl der Spanier unbekannten Liebhabern eines archaischen Spanisch, das sie durch die Jahrhunderte weitergetragen und uns überliefert haben“. In ihrem „Hakitía“ genannten Altspanisch, das einmal im ganzen Mittelmeerraum verbreitet war, vermischten sich Hebräisch mit Einsprengseln aus dem Arabischen und Portugiesischen. Goytisolo ist auf es mit Entzücken gestoßen, als er während der Jugoslawien-Kriege ins belagerte Sarajewo reiste.

Wahrscheinlich macht man sich als deutscher Leser einen ungefähren Begriff davon, wenn man sich „Hakitía“ wie das Jiddische vorstellt, aus dem ja auch neben Hebräischen und slawischen Einsprengseln uns eine mittelhochdeutsche ferne Vergangenheit entgegenblickt, die in der ostjüdischen Diaspora noch als gesprochene Sprache fortlebte.

Kurz: ein Roman wie dieser, dessen Poesie ganz in seiner archisierend-fremdelnden Sprache & deren Melodik aufgehoben ist, kann so wenig übersetzt werden wie lyrische Poesie, ohne daß deren spezifische literarische Aromen dabei verloren gehen. Hinzu kommt dabei noch, daß sich die reale und imaginäre Welt, in der sich diese unglückselige Tochter eines britischen Vaters und einer Andalusierin aufhielt und bewegte, sich aus zitierten Versatzstücken und Allusionen der zeitgenössischen Trivialkultur bildet – Zarzuelas, Schlagern, modischen Schmachtfetzen und Kulinaritäten, Liebesromanen, Filmen und Stars –, die in den meisten Fällen auch schon den spanischen Lesern des Romans unbekannt (geworden) waren, deren Kenntnis aber zur psychischen und emotionalen Konturierung der Selberlebensbesprecherin notwendig wären. Die ausführlichen Anmerkungen bleiben aber gewissermaßen philologische Fußnoten-Verweise, die den Text nicht „auf Trapp“ bringen, sondern allenfalls andeuten, wie sehr Ángel Vázquez ihn einerseits im zeitgenössischen Lebensmilieu verankert und ihn andererseits mit literarischen Verweisen „gespickt“ hat, die über den geistigen Horizont seiner einfachen, „ungebildeten“ Heldin hinausgehen.

Denn „natürlich“ – ist man fast versucht zu sagen – ist „Das Hundeleben der Juanita Narboni“ sowenig ein naturalistischer Roman wie nur ein psychologischer. Es ist eine in unterschiedliche lange Sequenzen aufgeblätterte Phantasmagorie Tangers, der Stadt, ihrer Geschichte und Geschichten, ihrer Menschen und Schicksale: – heraufbeschworen in der ausufernden Suada einer um die Erfüllung ihres Lebens gebrachten lächerlichen, hysterischen, neidischen, kitschigen, sentimentalen, spießigen und bemitleidenswerten einsamen Frau.

Von Molly Bloom zu Juanita Narboni: Selbstgespräche während eines Lebensalters

Ein literarisch höchst riskantes Unternehmen, gewissermaßen Molly Blooms Inneren Monolog am Ende des Joyceschen „Ulysses“ zum alleinigen epischen Erzählgelände zu machen. Dabei erwartete Molly sehnsüchtig „nur“ am Ende des Blooms-Days die Heimkehr ihres Mannes. Ángel Vázquez Juanita jedoch redet, brabbelt, memoriert, hasst & liebt hier über ein langes Leben hinweg, das von 1914 bis in die sechziger Jahre reicht – und um das Leben, Lieben, Sterben & Verschwinden von Menschen & Zeiten zu beschwören und seinen Lesern vor Augen zu stellen, hat der Autor nichts anderes als eben diesen unendlich fließenden Monolog einer gesellschaftlichen Randfigur! Das ist eine minimalistische Erzählsituation, die von Ángel Vazquez nicht nur ein Äußerstes an Einfühlung und Phantasie erfordert und ein erzählerisches Raffinement, um aus diesem verstimmten, verqueren Instrument nicht nur dessen eigene Melodie, sondern auch die Lebens- & Sterbenskurve der langsam erlöschenden Stadt und ihrer bewegten Geschichte hervorzulocken – ohne daß ihm, wie dem auktorialen Erzähler, zusätzliche beschreibende oder kommentierende Hilfsmittel zur Verfügung stünden. Er hat sich etwas vorgenommen, das einer Bachschen Partita für Solovioline entspricht, allerdings für eine literarische Quietschkommode komponiert ist.

So besteht das Buch aus einer Folge von kürzeren oder längeren Sequenzen oder Takes, die wie frei in den Raum der Zeit gehängte Mobiles wechselnde, chronologisch fortschreitende Momente aus dem „Hundeleben der Juanita Narboni“ wiedergeben, die nur gelegentlich zeitlich lokalisierbar sind – jedoch langsam zu einer zersplitterten Biografie aus Selbstgesprächen, Angstzuständen, Traumschutt oder Phantasmen zusammenwachsen, wobei auch immer wieder in dieser Suada Gesprächsfetzen auftauchen, aber nur die Juanitas, wenn sie sich mit (wenigen) anderen Menschen unterhält, sofern sie nicht ihre Klagen, Erinnerungen, Anrufungen und Verwünschungen an ihre geliebte Mutter richtet, die „es gut gehabt hat, weil du beizeiten gegangen bist“.

Die zurückgesetzte Schwester als Augenzeugin

Als die ältere von zwei Schwestern ist Juanita offenbar die weniger attraktive und wohl auch weniger von den Eltern geliebte. Elena, die Hübsche und von Männern umschwärmte, versteht von früh auf sich herauszuputzen und ihr Leben zu leben. Deshalb gilt sie der älteren, offenbar früh schon altjüngferlichen Juanita, als Flittchen und Hure, erst recht, als Elena, nach dem Tod der Mutter, aus der Familie mit dem Alkoholiker-Vater, der als Gibraltar-Engländer in Tanger gestrandet ist, mit einem Liebhaber nach Casablanca flüchtet, wo sie angeblich eine Bar betreibt. Von da an wird sie von der zurückgelassenen Juanita zur namenlosen, verhassten (& doch auch wieder beneideten) Unperson erklärt, um die ihre Hassliebe kreist. Juanita, verklemmt und hilflos, bleibt im Haus zurück, kaum daß sie sich auf die Straße getraut und wenn, dann nur, um ihr „Hundeleben“ durch die Traumteilhabe an kitschigen Liebes- & Abenteuerfilmen nicht nur Hollywoods sondern auch der spanischen Produktion innerlich auszufüttern. Auch ihre vermögenderen jüdischen Freundinnen verschwinden nach und nach aus ihrem Leben, teils weil sie sterben, teils weil sie wegziehen, und nachdem auch noch der ewig betrunkene Vater gestorbenen ist, versinkt die von allen Verlassene immer tiefer in der unheimlichen Einsamkeit ihres Appartements mit dem Krusch & Kram vergangener Zeiten, die darin nachknistern und ihr Angst machen – wie die Handschuhe der Mutter, die sich scheinbar um ihren Hals legen und sie dem Ersticken nahe bringen oder das Phantasma eines schwarzen Katers, den sie in ihrem Schlafzimmer vermutet, das sie daraufhin nicht mehr betritt..

Noch einmal, genauer genommen: ein einziges Mal hat sie ein „Abenteuer“ mit einem Mann, einem jüngeren, wie es scheint, „Muttersöhnchen“, dem sie eine kleine Zeit lang seine verstorbene Mutter ersetzt. Zwei Einsame teilen sich ihre Verlassenheit. Sogar seine Wohnung betritt sie, wo er ihr die mütterliche Spitzen-Unterwäsche vorlegt! Sie lädt ihn auch zu sich ein: der erste & letzte fremde Mann, der ihre Wohnhöhle betritt. Aber dieser Schwule, den sie vergeblich bittet, nachts nicht auszugehen, wird eines Tages ermordet & ausgeraubt am Strand gefunden. Juanita muß ihn zwar identifizieren, aber seine plötzlich aufgetauchten Verwandten teilen seine Hinterlassenschaft unter sich auf. Juanita verhungert zwar nicht, dafür sorgt die spärliche Pension ihres Vaters, aber eines Tages erscheint auch Hamrusch nicht mehr, ihre arabische Zugehfrau – ihr einziger kontinuierlicher Kontakt zur Welt: ein kujoniertes Faktotum, von dem sie noch nicht einmal weiß, wo es wohnt und ob es gestorben ist.

Abschiedssymphonie für eine Zurückgebliebene

Begann das Memorial der glücklosen Juanita mit der Beschwörung eines großen Karnevalsfestes, auf dem sie vergeblich auf ihren „Zorro“ wartet (während Elena leichthin einen ihrer nachmals vielen Liebhaber findet), so stellte sie sich, im litaneihaften Selbstgespräch mit der toten Mutter, zuletzt noch einmal einen glanzvollen Theaterbesuch ihrer Jugend vor, als sie noch die Aussicht auf Glück hatte, das ihr in ihrem ebenso lächerlichen wie bemitleidenswerten „Hundeleben“ nie begegnet ist. Das melodramatische Motiv eines Selbstmordes – als falsche Fährte zuletzt durch den Fund des väterlichen Revolvers in dessen Schreibtisch ausgelegt – verschmäht Ángel Vázques für seine traurige Heldin, die wir verlassen bei der Inventur ihrer Wohnung und deren Erinnerungsstücke: Weiß der Himmel, was aus ihr geworden & wie sie einsam & krank zugrunde gegangen ist. Wir haben ihr zugehört, jetzt bricht ihre Stimme ab, unser imaginierender Blick erlischt – aber wir werden sie vielleicht nicht vergessen: Juanita Narboni, die Tangerine.

Blickt man als (deutscher) Leser von diesem Abschiedsaugenblick zurück auf die rund 350 Seiten dieses außergewöhnlichen Romans über eine banale Existenz, die ein ganz gewöhnliches Frauenleben vor einem erstehen ließ, so kann man den gelegentlichen Eindruck einer gewissen Redundanz seines Geschehens so wenig abweisen, wie auch nicht den einer gelegentlichen Erlahmung des Interesses an dieser mäandrierenden Prosasuada, die ein schmales Repertoire von existentiellen Motiven umspült. Dennoch fesselt dieser eigenartig undramatische Roman. Wahrscheinlich würde die Farbigkeit seines authentischen sprachlichen Ausdrucks im Original einen spanischen Leser auch über Redundanzen und Längen leicht hinwegtragen und ihn mit seiner tangerinen Sprachmelodie einwiegen & bezaubern – ein Lesevergnügen, das uns leider verschlossen bleibt.

Ebenso unerschließbar bleibt aber auch das subkutane Verweissystem, sozusagen die literarische Feinarbeit des Autors mit einmontierten Zitaten, auf das die aus der jüngsten spanischen Edition entnommenen Anmerkungen zu verweisen versuchen. Wenn z.B. Juanita am Ende während der Inventur ihrer Wohnung auf den Revolver ihres Vaters stößt, als sie nach einer verlegten Fotografie ihrer Mutter sucht, spricht sie sich gut zu: “Mal sehen, mal sehen, immer mit Geduld, verlier jetzt nicht den Kopf, alle Dinge erfordern Geduld. Lang ist die Nacht, entspanne dich, ganz ruhig, mein Leben“. Der Kommentar vermerkt dazu: „Lang ist die Nacht: Ausdruck, den Juanita dem spanischen Titel des Films „Odd man out“ von 1947, mit James Mason und Robert Newman, entnimmt (Larga es la noche).“ Mit diesem Hinweis auf den existentialistischen Thriller des britischen Regisseurs Carol Reed könnte man jedoch allenfalls etwas anfangen, wenn man an dessen Story verweist: Es ist die Agonie eines angeschossenen irischen Freiheitskämpfers, der die Verbindung zu seinen Mitverschworenen verloren hat und nun „in einer langen Nacht“ (zuletzt vergeblich) einen Unterschlupf vor seinen staatlichen Häschern sucht. Assoziativ wird damit Juanitas Agonie verknüpft. Ähnlich hilf- & nutzlos sind leider nicht wenige der „Anmerkungen“ für deutsche Leser.

Wolfram Schütte


Ángel Vázques: Das Hundeleben der Juanita Narboni.
Mit einem Vorwort von Juan Goytisolo.
Aus dem Spanischen von Gundi Feyrer.
Literaturverlag Droschl, Graz.
Geb. 374 Seiten, 25 ¤

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