Konnte ich mich an De Carlo's letztem Roman Die Laune eines Augenblicks noch wirklich erfreuen und seine Kunst rühmen auch in seinem zehnten Roman noch mit Überraschungen aufzuwarten, so lässt mich nun sein elfter Roman nur mit Ratlosigkeit ob solch geballter Uninspiriertheit zurück. Was heißt überhaupt Roman?
Keine Handlung, keine Dramaturgie, keine Atmosphäre, ein Figurenensemble von zwei, allenfalls drei Personen, wovon nur eine halbwegs ein Gesicht erhält. Ansonsten endlose als Dialoge getarnte Monologe des Protagonisten, dessen Nähe zum Autor auf der Hand liegt. Selbiger Protagonist Giovanni befindet sich auf Reise mit seiner sechzehnjährigen Tochter, die meiste Zeit begleiten wir sie beim Autofahren und lauschen ihnen beim Austausch von Ein- und Ansichten, die man irgendwie alle schon mal so gehört hat und vor allem bestens kennt, wenn man bereits andere Werke De Carlos gelesen hat. Kostprobe gefällig? Die beiden spielen das Spiel eigene Fehler aufzuzählen. Danach entspinnt sich folgender Abtausch.
"Welches ist deiner Meinung nach der schlimmste von allen meinen Fehlern?"
"Weiß nicht."
"Versuch's doch."
"Gedanken zu verdrängen, die unbequem sind."
"Vielleicht. Du hast schon recht, meine Fehler hängen alle miteinander zusammen, deswegen ist es schwierig, einen herauszugreifen und für sich zu betrachten."
Hm. Ist es bösartig, da von Binsenweisheiten zu sprechen? Eine zweite Kostprobe:
"Er sagt: Würde es dir nicht gefallen, irgendwohin zu kommen, wo du völlig andere Empfindungen hast als die, die du von zu Hause kennst?"
"Doch", sagt sie mit dem wachsamen Ausdruck, den sie immer annimmt, wenn sie aus einem geschlossenen Raum ins Freie kommen.
"Das wäre viel amüsanter. Viel abwechslungsreicher."
"Ach Papa", möchte man hinzufügen, "auch wenn du dich selbst immer schlecht machst ob deiner fehlenden lebenspraktischen Veranlagung, aber du hast's schon drauf, hast echt den Durchblick. Du führst das wahre Leben, Pura Vita, und all die anderen führen nur ein Pseudoleben, sind Gefangene ihrer Routine, ohne echte Empfindungen...".
Getarnte Monologe sind es deshalb, weil die Tochter dieselbe Sprache wie der Vater verwendet. Das wirkt steif, mitunter peinlich und vor allem unlebendig.
Zwischen den Reiseetappen werden jeweils kurze Kommunikationsfetzen via email oder Telefon zwischen G. und seiner Ex M. eingestreut, die von der Hilflosigkeit eines sich trennenden Paares zeugen. Aber auch hier wird nur das übliche Inventar des leidigen Loslösungsprozesses bemüht.
Wie der Titel es schon andeutet, es ist wirklich ein einziges Schwarzweiß, das wahre Leben hie, das falsche Leben dort, fertig Schluss aus. Diese Pole gab es immer bei De Carlo, aber sonst ging es um den Raum dazwischen, um die Spannung, die sie erzeugen, sie waren eingebettet in Geschichten. Nichts aber von alledem hier. Stattdessen nur Konstatierungen, ein Bombardement von unverschlüsselten abgegriffenen Botschaften. Was hat Sie bloß geritten, verehrter Andrea De Carlo, solches Werk in die Reihe so wunderbarer Bücher wie Creamtrain, Techniken der Verführung, Die Laune eines Augenblicks zu stellen? Nehmen wir es als - allerdings heftige - Formkrise und hoffen auf baldiges Comeback in alter Frische.
Ich sage doch: Am besten gleich vergessen.
Anselm Brakhage
Andrea De Carlo: Pura Vita - Das wahre Leben.
Roman. Aus dem Italienischen von Renate Heimbucher.
Piper 2002
Taschenbuch. 315 Seiten. 14 ¤.
ISBN 3.492-27042-5