Reinhard Jirgl: Abtrünnig
06.11.2005
Die verglühten, aschigen Individuen
Reinhard Jirgl, der stimmgewaltige Außenseiter in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, hat uns wieder ein Panorama der Düsternis vorgelegt - eine Fortschreibung seiner beiden letzten Romane "Die atlantische Mauer" (2000) und "Die Unvollendeten" (2003).
Von "abgewürgtem Leben" und "unvollendeten Biografien" berichtete Jirgl in seinen vorangegangenen Werken, und diese Beschreibungen treffen auch auf die Figuren seines neuen Romanes zu: Ein Bundesgrenzschutzbeamter, dessen Frau an Krebs starb, holt aus Polen eine junge Ukrainerin illegal über die Grenze. Der einstige DDR-Grenzsoldat verstrickt sich ebenso in existenzielle Kämpfe wie der zweite Protagonist, ein Bauernsohn aus dem Wendland, jener Gegend die durch das Atommülllager Gorleben traurige Berühmtheit erlangte. So trist wie dieser Landstrich im ehemaligen Zonenrandgebiet ist auch das Leben des jungen Mannes , der nach Hamburg aufbricht, um dort als Journalist zu arbeiten und sich dann Hals über Kopf in seine Therapeutin verliebt.
Wie bei Jirgl nicht anders zu erwarten, ist dem Landjungen kein Glück beschieden, er hat gegen den Ehemann, einen vermögenden Makler, keine Chance, zieht aber wie das Paar später nach Berlin, um dort einen Roman zu schreiben.
Aufschrei der Wut und Ohnmacht
So lesen wir "Abtrünnig", dieses gigantische Gedankenkonvolut, auch als Entstehungsgeschichte eines Romans. "Es gibt nur dieses 1 Leben. Und darin sind die inneren Arbeitslosen, plötzlich von 1 Stunde zur anderen, die verglühten, aschigen Individuen."
Reinhard Jirgl (Jahrgang 1953) bleibt seinen unkonventionellen Sprachspielen treu. Er bricht mit allen Konventionen der Orthografie, verwendet Zeichen statt Vokabeln und findet so zu einem unverwechselbaren, dynamischen Duktus des Aufbegehrens gegen tradierte Denk- und Sprachnormen, der ein wenig an einen anderen großen Einzelgänger der deutschen Nachkriegsliteratur erinnert - an Arno Schmidt.
Der junge Mann aus dem Wendland ist einer der "inneren Arbeitslosen", ein Mensch, für den es in dieser Gesellschaft keine sinnvolle Aufgabe zu geben scheint, der sich aber auch hartnäckig allen tradierten Normen widersetzt. Jirgls Figuren sind gleichermaßen Opfer der politischen und familiären Verhältnisse, sie leben gefesselt wie in einer Zwangsjacke des Schicksals, präsentieren aber ihren Nonkonformismus (und darin ihrem geistigen Schöpfer nicht unähnlich) mit einem gewissen Stolz.
"Abtrünnig" ist ein einziger ellenlanger Aufschrei der Wut und Ohnmacht, der abseits von Raum und Zeit ein gewaltiges Echo entfacht. Man rätselt bisweilen, wessen Stimme man vernimmt, ob die des mittlerweile in Berlin ansässigen Wendländers, der sich mit seinem Roman selbst zu therapieren versucht, die des Grenzbeamten oder doch (direkt) die des Autors Reinhard Jirgl. Die essayistischen Einschübe, in denen vom "Quatschocento" die Rede ist und hochgerühmte amerikanische Shortstories mit der spartanischen Sprache von Polizeiprotokollen verglichen werden, sorgen in diesem verbalen Pandämonium für humoristische Blitzlichter. Ansonsten dominiert die Ausweglosigkeit, gepaart mit Lebensekel und fehlenden Zukunftsperspektiven. "Der Tag beginnt, wie sonst Tage enden. Draußen wird es immer dunkler, als ginge es auf Mitternacht." Der Amoklauf am Ende der Handlung fügt sich exakt in dieses neblig-graue Ambiente.
Peter Mohr
Reinhard Jirgl: Abtrünnig. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2005, 544 Seiten, 25,90 Euro (SFR 46,20)